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Die Welt · 1901-11-22 · 47 (22.11.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
47 (22.11.1901)
Article
Über H. St. Chamberlain
Date
1901-11-22
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Welt«* Nr. 47 Dilettanten besorgen, und höhnisch verweist er darauf, elass „die gefährlichsten Dilettanten die Gelehrten selber sind/4 — nämlich die begabten unter ihnen, die „sich nach dein Leben sehnen und fühlen, dass jegliches Wissen nur durch die Berührung mit einem anderen Wissen Gestalt und Rinn gewinnt." . . . Bas ist ja alles ganz wahr, nur schade, dass die gefällige Wissensvermittlerin nicht Dilettantismus, sondern altbekanntermassen Philosophie heisst und Chamberlain selbst das empfinden muss, da er seinem Vorwort die Worte Piatos vorsetzt: „Der Weisheitsliebende steht mitten yAvischen dem Gelehrten und dem Ignoranten." Dieser „Weisheitsliebende" Piatos kann doch nicht der Dilettant sein — im besten Falle ein einfacher Kärrner, der den Gelehrten, die eben nicht alles wissen können, Wissensziegel zuführt. Vielmehr kann damit doch nur ein Ideenbaumeister gemeint sein, ein Philosoph — dem, wie Chamberlain so oft und ganz richtig ausführt, Künstlerqualität zukommt. Man sieht also, Chamberlain gibt seinen Anspruch auf künstlerische Intuition noch lange nicht auf, wenn er sich auch einen Dilettanten nennt. Uebrigens hält sein Bescheidenheitskitzel nicht lange an — schon in der „allgemeinen Einleitung", die gleich auf das „Vorwort" folgt, ist nichts mehr davon zu merken. Er spricht da von der Methode seines Buches und erörtert dabei ganz ruhig den Unterschied zwischen dem Künstler im engeren Sinne und dem Wissenschaftskünstler, für sich die Methode des letzteren beanspruchend. Man kann sich an derselben Stelle auch darüber informieren, wie Chamberlain die künstlerische Wissensehaftlichkeit auffasst, und wie er sie gegenüber dem Künstlerthiun im engeren Sinne abgrenzt. Da heisst es vom Manne der Wissenschaft: „Gestalten soll er. doch nur, was da ist, nicht das, was seine Phantasie ihm etwa vorspiegelt .... Darum müssen wir von jenen künstlerischen Gestaltern eine durchaus positive Geistesrichtung und ein streng wissenschaftliches Gewissen fordern. Ehe er meint, muss er wissen, ehe er gestaltet, muss er prüfen." Wir werden ja sehen, wie weit er selbst diesen Anforderungen entspricht. Die Grundlage des Chamberlain'schen Systems sind die Rassen. Nicht irgendwelche hypothekarische Urrassen — „Rasse ist nicht ein Urphänomen" — sondern die geschichtlich individualisierten Rassen. Fortähwrend findet Rassenbildung statt, wrobei die Blutmischung eine grosse Rolle spielt. Die Rasse bedarf nicht der Unvermisehtheit, um echt und ausgeprägt zu sein. Ausgeprägte Rasse ist in jedem Falle ein Vorzug. Doch gibt es edle und unedle Rassen. Die Voraussetzungen der Entstehung einer hochedlen Rasse sind: Das Urmaterial muss gut sein und sich' in genügend lange währender Inzucht noch veredeln, diese aber durch eine richtige Zuchtwahl bestimmt sein . Hierauf muss eine nicht zu lange dauernde Beimischung fremden, aber nicht zu fremden Blutes stattfinden. Ist diese letzte Bedingung nicht erfüllt, so entsteht eine entartete Bastardrasse. Alle Geschichte ist Rassen- und zum Theil Persönlichkeiten-Geschichte. Die einzelnen Rassen und Persönlichkeiten sind immer neu. Es gibt keine identischen Anfänge, keine Wiederholungen, keine analogen Entwicklungen, keinen allgemeinen Fortschritt, mit einem Worte, keine Menschheitsgeschichte. Edle Rassen erzeugen durch Vermittlung der von ihnen hervorgebrachten schöpferischen Künstler, Philosophen und Religionsgenies ihre eigentümlichen Culturen. Erst durch die Cultur tritt der Mensch aus der Thierheit heraus. Von Cultur verschieden ist Civilisation, der Inbegriff des politisch-soeialen Lebens, „ein bestandig höher potenziertes, bequemeres und unfreieres Ameisenstaatsdasein". Hochentwickelte Civilisation ist mit niedriger Cultur,, reiche Cultur mit primitiver Civilisation vereinbar. Dies die Chamberlain'schen Gnindansohauungen. Aus ihnen fliessen im einzelnen unter anderen die Lehren von der Culturbarheit. dem Rassenbastardthum und dem Rassenschuldbewusstsein der Juden, sowie vom „Völkerchaos" und von der führenden Cultuiherrlichkeit der Germanen — unter welchem Kamen aber Chamberlain die nicht bastardierten SlaA^en, Kelten und Germanen im engeren Sinne zusammenfaßt. Doch wollen wir uns diese Details fürs näehstemal aufparen. Dort werden wir sie auch wieder in Zusammenhang mit den Grundanschauungen besprechen. Heute aber wollen wir versuchen, aus diesen selbst etwas zu lernen. Chamberlain will von Urrassen nichts wissen. „Arier", „Semiten" sind ihm nur Rechenmünzen. Damit soll diesen Begriffen bloss eine gewisse methodische Aufgabe eingeräumt werden. Doch diese Gewohnheit, die ordnungmachende Wirkung der Hypothesen als das Wesen desselben auszugeben und ihnen so jeden sachlichen Wert abzusprechen, ist übrigens zu sehr verbreitet, als dass ich daraus Chamberlain einen Vorwurf machen sollte. Dahinter kann sogar zuweilen strenge, misstrauische Wissenschaftlichkeit liegen. Doch Cliamberlain thäte man mit solcher Annahme unrecht. Nicht nur, dass er selbst die alten Rechenmünzen der Wissenschaft in dutzenden Fällen als wissenschaftliches Geld in Umlauf setzt — er prägt sogar selber neue Rechenpfennige, die er natürlich mit umso grösserem Courswert ausstattet. Hierher gehört z. B. sein erweitertes Germanenthum. Was sind diese Germanen anders als eine hypothetische Urrasse? Freilich, das wird er niemals zugeben und von gänzlichem Unverständnis gegenüber seinen Lehren sprechen. Ihm sind die Germanen eine noch jetzt „erlebte" Rasse. Als ob sich die übliche Eintheilung in „Arier" und „Semiten" auf etwas anderes stützte als auf „Erlebnisse" und als ob überhaupt Hypothesen etwas anderes wären als Rückwärtsprojicierungen nach Erlebnissen. Doch, auf die Art der Erlebnisse kommt es an, meint Chamberlain. Was Schädelmessungen und dergleichen! Aus der Fülle der notorischen Tliatsachen entstehen vor unseren Augen die lebendigen Rassen. Nun, es ist nicht jedermanns Sache, so vieles evident und notorisch zu finden, wie Chamberlain. Aber angenommen, alle Leute hätten diesen leicht überzeugten Blick — in den Tliatsachen selbst liegt ja noch kein wissenschaftlich verwendbares ..Erlebnis". Die wissenschaftliche Brauchbarkeit erhalten sie erst durch ihre Gruppierung zu einem Gesammtbild, diese Gruppierung ist aber ebenso eine Hypothese wie die Lehren, die sich auf Schädelmessungen und dergleichen aufbauen. Dabei überlegt sich's Chamberlain keinen Augenblick, die von ihm so verhöhnten Mittel der Gelehrten zu Hilfe zu nehmen. Uebrigens nicht bloss ihre Mittel, sondern auch ihre Theorien. So beruft er sich fleissig auf Darwin und tritt energisch für den Schluss vom Thier auf den Menschen ein — wo er damit sein Lehrgebäude wissenschaftlich stützen kann. Aber daraus auch Folgerungen ziehen, die ihm nicht in den Kram passen, nein! Da heisst er den Darwinismus lieber eine haltlose Hypothese — denselben Darwinismus, der unbewusst und von ihm selbst unverstanden aus seinem ganzen System förmlich herausgespritzt und ohne den er einfach seine Bude schliessen könnte. Denn von dem schäumigen Aüfguss abgesehen, den er aus der Kanne seiner apriori'schen Ideen, seiner „Erlebnisse" auf sein Werk geschüttet — steht und fällt dasselbe mit dem Entwicklungsgedanken. Chamberlain meint, dass er nur an Individuellem — also Personen und Rassen — Entwicklung und Fortschritt — die beiden eonfundiert er nämlich mehr als zulässig — gebe. Die Menschheit aber erscheine nur von weiter Ferne., mit aussergeschichtlichem Blicke besehen, etwa mit analogen Erscheinungen auf einem anderen Planeten verglichen, als Individuum. Natürlich hat Chamberlain keine Ahnung, dass es möglich ist, diese Ferne, diesen Planetenstandpunkt in ein wissenschaftskünstlerisches, intuitives Gehirn zu verlegen, und kann darum nicht mehr als unpraktische Sternguekerei darin erblicken. Er selbst nennt an einer Stelle den Fortschritt die Entfaltung von bereits Vorhandenem, will aber nicht einsehen, dass auch das Grundvorhandene, der Menschheit seine eigene Entfaltung hat, die dann die Ciyilisationsanalogien der verschiedenen Rassen verursacht. Dass es einen Gegensatz zwischen Civilisation und Cultur gehe, ist Chaniberlain ebenso wie manchen anderen aufgefallen. Er hat auch herausgefunden, dass jene das Wirtschafts- und Staatsleben, diese das individuelle Geistesleben eines Volkes darstellt. Aber völlig gemeistert hat Chamberlain den Gegensatz nicht. Zunächst hat er ihn nicht ausgeschöpft. Es ist ihm verborgen gebleiben, dass die civilisatorisehe Bethätigung im Gegensatze zur

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