Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Article
- Zur Geschichtsschreibung des Zionismus
- Date
- 1901-11-15
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315952-3401182--29019-3401320- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 46 „Die 2$ Welt" Seite 3 des Wallachen, die grausame Räuberei des Marokkaners zufügen, — dieser Jude, der bereit ist, für die vollkommene Freiheit seines Volkes zu kämpfen, hat einen ebensolchen Abscheu vor der offenen Wuth des Antisemiten wie vor der süssliclien, falschen Umarmung des Fhilosemiten; für diesen Juden ist die letztere abstossender als die erste, denn nicht der nationale Tod ist es, welchen der Zionist seinem Volke wünscht, sondern seine Befreiung vom JocE der Völker, seine Wiederaufrichtung, seine nationale Freiheit. Diese Freiheit ist für die Juden so wie für jede andere Nation nur auf einem festgestellten und autonomen Territorium möglich; dieses Territorium kann auf Grund historischer und actueller Ursachen nur die alte jüdische Heimat Palästina sein. (Ein Schluss-Artikel folgt.) Der Zionismus in Argentinien. (Original-Correspondenz der „Welt".) Buenos-Aires, 20, October 1901. Die hiesige «Liga Dr. Theodor Herzl" entfaltet eine überaus rege agitatorische und culturelle Thätigkeit. Sie hat eine Vereinsbücherei in der Calle Libertad 456 eingerichtet, die nahezu 5000 Bände besitzt und gegen eine massige Gebür auch an Nichtmitglieder Bücher verleiht. Auch in die umliegenden Campas und in die jüdischen Colonien werden Bücher ausgeliehen gegen Zuschlag des Postportos. Wir haben*Bücher in hebräischer, jüdischer, spanischer, deutscher und anderen Sprachen, zumeist jüdischen, aber auch allgemeinen Inhaltes. Die hebräische Abtheilung umfasst 1500 Bände. In Verbindung mit der Bücherei steht eine Freilesehalle, in der die meisten jüdischen Blätter, insbesondere aber die zionistischen, aufliegen. Ferner hat unsere Liga ein zionistisches Beth- Hamidrasch in der Calle Talcahuano 455 errichtet, in dem jeden Abend Vorträge aus jüdischer Geschichte und ' Literatur gehalten werden und dessen Einkünfte zionistischen Zwecken gewidmet sind, Der zionistische Volks-; redner Rev. M. Rüben Sinai hält allwöchentlich im Beth-Hamidrasch zionistische Vorträge. Auch werden Reproductionen jüdischer Gemälde ausgestellt und erklärt, sowie die Geographie Palästinas an der Hand guter Karten demonstriert. Die Mitgliederzahl unserer Liga ist in steter Zunahme begriffen. Das Interesse für den Zionismus steigt in der ganzen Republik von Tag zu Tag, wie ausser der wachsenden Zahl der Seh ekel zahl er und Shareholders der Jüdischen Colonialbank auch die häufigen, meist freundlichen Notizen der hiesigen spanischen Tageszeitungen über unsere Bewegung beweisen. An den V. Congress in Basel wird die Liga ein überaus kunstvoll gearbeitetes Album mit Unterschriften aller Juden Argentiniens, die mit unserer Sache sympathisieren, absenden. Unsere Liga hat auch einen Share-Club gegründet, der den Namen Max N o r d a u s trägt und vom Head-Office in London als Club Nr. 72 registriert worden ist. Der Absatz der Marken lässt nichts zu wünschen übrig. Wir werden Ihnen von nun ab in regelmässigen latervallen Berichte über unsere Thätigkeit zusenden. Mit hochachtungsvollem Zionsgrusse Jacob S. Liachowizky Secretär der „Liga Theodor Herzl". Ein Abgefallener. Von Dr. 0. Thon (Krakau). Es gibt Menschen, die häufig, viel zu häufig, ihre Ueberzeugungen wechseln, aber immer aus ehrlicher Ueberzeugung. Man thut diesen Menschen in der Regel tief unrecht, wenn man sie nach der Schablone Abtrünnige schimpft und dabei nach allen Seiten sich umsieht, ob man bei ihnen vielleicht doch irgend ein niedriger zu bewertendes Motiv entdecken könnte. Niedrige Motive brauchen dabei sicherlich nicht vorzukommen, aber irgend ein, ich möchte sagen organischer Maugel ist doch im Spiele. Es fehlt solchen Menschen in ihrer geistigen Constitution das starke un t erbe wusste Gefühlselemeut, aus dem heraus und in das hinein für alle Ewigkeit unentvvurzelbare Ueberzeugungen wachsen können. Unentwurzelbar insbesondere, wenn diese Ueberzeugungen nicht bloss eine speculativ ergründete theoretische Wahrheit biKien sollen, sondern noch mehr die Grundlage für ein in Wirklichkeit umzusetzendes Ideal abgeben. Menschen mit ausgeprägtem Gefühlsleben können derart gewonnene Ueberzeugungen niemals los werden, wenn sie mit noch so viel angeborenem oder anerzogenem Skepticismus herumraisonnieren. Das Wort vom „In-Fleisch-und- Blut-Uebergehen" ist da gewissermassen recht buchstäblich zu verstehen: Es entsteht zwischen dem Ideal und seinem Bekenner ein eigentümlich persönliches Verhältnis, das überhaupt nicht mehr lösbar ist, wie etwa Blutsverwandtschaft. Dafür werden aber Leute, die sich vom Verstände, und bloss von diesem, hin- und hertreiben lassen, immer wieder in vollständig ehrlicher Gesinnung ihre grundlegenden Ueberzeugungen wechseln. Denn die eine Hälfte ihres Intellects bleibt immer ungebunden, während sich die andere an etwas klammert. Und der ungebundene Theil der Seele hört nicht auf zu kritisieren, zu zerreissen, zu zerstören und — Neues zu bauen. Zu dieser zweiten Menschenkategorie scheint mir S. L u b 1 i n s k i zu gehören. Ehrlich gestanden, es thut mir sehr leid, dass er nicht mehr mit und bei uns ist. Er war eine sehr wertvolle theoretische Krafr. Da sein halber Intellect noch an die zionistische Ueberzeugung gebunden war, konnte er manche recht geistreiche, kluge und vernünftige Argumente für den Zionismus ausdenken, mehr als andere vielleicht, die mit ihrer ganzen Seele im Zionismus stecken. Schon aus dem einfachen Grunde, weil diese anderen über das Wesen ihrer Seele nicht so „klug" reden können. Nun ist Lublinski nicht mehr mit uns. Er bekennt sich jetzt — gewiss aus ehrlicher Ueberzeugung heraus — klipp und klar zur Assimilation. „Immerhin, ich bekenne mich zur Assimilation, von der vor Jahren mein Schiff abstiess, um nach langer Irrfahrt wieder bei ihr zu landen." So schreibt er jüngst im Septemberheft von „Ost und West". Und warum? Denn die Grundlage des Nationalismus, meint er, sei die Rasse; Rasse aber sei eine wissenschaftlich noch nicht feststehende Thatsache, wer also auf ihr baue, habe auf Sand gebaut. „Und die Cultur ist mehr als das Blut/ Cultur ist also offenbar eine wissenschaftlich ganz und gar feststehende Thatsache, auf der mit tödlicher Sicherheit gebaut werden kann, und die Zugehörigkeit zu irgend einer Cultur — Lublinski spricht von einer nationalen Cultur! — empfindet das Individuum klarer und stärker, als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse. Ist das wahr? Ich bin überzeugt, dass die „ungebundene Hälfte" des L u b 1 in s k i'schen Intellects ihm über kurz oder lang die Mangelhaftigkeit dieser Argumentation aufdecken wird. Indessen möchte ich ihm auch noch zuhilfe kommen. Ich glaube nämlich, wenn es in den ganzen Geisteswissenschaften einen Begriff gibt, dessen Grenzen wissenschaftlich nicht feststehen und nicht feststellbar oind, dann ist es sicherlich der Begriff von „nationaler" Cultur. Womit ich freilich nicht sagen will, dass es eine „nationale" Cultur nicht gibt. Die Definition ist nur so unendlich schwer, dass Wir beabsichtigen, auf den hier besprochenen Artikel Lublinskis noch eingehender zurückzukommen. D* Red.