Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Article
- Zur Geschichtsschreibung des Zionismus
- Date
- 1901-11-15
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 46 der Millionen Juden des Ostens und selbst derjenigen Oesterreich- Ungarns, wo die Juden aller politischen und bürgerlichen Rechte theilhaftig sind, zur Genüge unerträglich ist, um eine Emigration sbewegung hervorzurufen. Die russischen Metzeleien haben nicht nur die Bew-egung nicht, wie vielfach angenommen wird, hervorgerufen, sondern sogar desorganisiert, da sie die Juden zwangen, in Massen und ohne vorherige Rüstungen die Länder zu verlassen, in denen sie litten. Infolge dessen sahen sich die Juden gezwungen., nach England, Amerika, Australien, Südafrika zu flüchten, um Arbeit zu bekommen, da sie nach Palästina nicht auswandern konnten, wo nichts für eine so zahlreiche Emigration vorbereitet war. Eine unter solchen Umständen erfolgende Auswanderung war verhängnisvoller als die Metzeleien selbst. Es wTar eine wirkliche Katastrophe! Man musste sofort gegen die Zerstreuung des Volkes ankämpfen, deren Gefahren von der geistigen Elite des Volkes vorhergesehen wurden. Die paläsfinophile Bewegung, welche, wie wir gesehen haben, vor 1881 bestand, organisierte sich in der Folge systematisch. Und zwar bewirkten die glühende und verständnisvolle Propaganda der Schriftsteller Dr. Pinsker, Lilienblum, Rosenfeld, Lewanda, die Congresse von Warschau, Wilna, Kattowitz, Odessa, welche in den Jahren 1887 bis 1890 stattfanden, ferner die Gründung des Odessaer Comites, die Auswanderung der jüdischen studierenden Jugend aus Russland, mit einem Worte die ganze Palästinabewregung, die Centralisation der zersplitterten Anstrengungen der Juden zugunsten der Colonisation Palästinas. Der Ursprung und die tiefere Erklärung aller jüdischen Bewegungen, die 'Palästina als Ziel hatten, findet sich in der historischen Situation Israels seit dem Verlust seiner Unabhängigkeit, in der Situation eines unausgesprochnen Volksthums ohne Territorium, ohne Autonomie, eines Volksthums, das zwischen allen Nationen zerstreut ist, und das trotzdem den festen Willen besitzt, seine starke und eigene Individualität von den überwältigenden Nationen nicht aufsaugen zu lassen. Die allgemeinen geschichtlichen Gesetze machen zwischen den Juden und den anderen Nationen keinen Unterschied; es gilt also für sie dasselbe, wras für die anderen Nationen wahr ist. Ein elementares, geschichtliches Gesetz besagt, dass jede menschliche Ge~ sanimtheit, welche vom Standpunkte der Rasse, der Religion, der Sprache charakterisiert ist/ oder welche nur wirtschaftliche oder sociale Sonderinteressen hat, um sich in zumindest relativen Freiheitsbedingungen zu bewegen, Herrin ihrer Geschicke sein muss, dass sie selber die Gesetze umarbeiten muss, welche ihre Existenz regeln, dass sie autonom und unabhängig sein muss. Für eine Nation gibt es keine normale Existenz ohne politisch unabhängiges Territorium; das ist durch die Geschichte zur Genüge bewiesen, und warum sollte das., was für die Irländer, Armenier, Polen, Czechen gilt, für die Juden nicht seine Richtigkeit haben? Seit dem Exil der Juden aus ihrem Vaterlande haben ihre Leiden, ihr Wanderleben., ihr Herumirren von Land zu Land, die Confiscation ihrer Güter, die Torturen der Inquisition, die Metzeleien des Chmielnicki, die erzwungenen Taufen, die grässlichsten Anklagen, der Hass und die Verachtung, deren Gegenstand sie überall sind, alle diese übermenschlichen Leiden, welche heute noch wirtschaftlich für die Mehrzahl der Juden und moralisch für die Allgemeinheit derselben gelten, eine einzige Ursache, und zwar: Die Juden bilden eine Nation ohne autonomes Territorium, welche infolge dessen von den Interessen und den Launen ihrer Herren abhängt. Denn das Unglück der Juden ist nicht die Existenz des Antisemitismus, sondern die grosse Leichtigkeit, die jeder Antisemit hat,, seine Gefühle in Thaten umzuwandeln. Die französischen Chauvinisten können vielleicht Gegner der Engländer, der Deutschen sein: die russischen Chauvinisten können ebenso gut Gegner der Schweden oder Türken sein, die deutschen Conservativeri können Gegner der Franzosen sein. Ihre gehässigen Gefühle sind jedoch nicht imstande, sich durch Thaten zu äussern, welche den Gegenstand ihres Hasses irgendwie berühren könnten. Es ist eine ohnmächtige Wuth, welche durch die gegenseitige Unabhängigkeit der Nationen gefesselt wird. Für die Juden ist gerade das Gegentheil der Fall. Ihre Existenzbedingungen, ihre öffentlichen und privaten Rechte, die Unantastbarkeit ihres Heims, die Erziehung und die Religion ihrer Kinder, die Ehre ihrer Frauen, ja selbst ihr Leben hängen \'on dem Willen ihrer Herren ab. Und diese Herren sind die Regierungen und die Völker, unter deren Joch das jüdische Volk leidet und fast hinstirbt. In Russland, Rumänien, Marokko, ja selbst in Oesterreich und Deutschland genügt irgend eine Fabel über den angeblichen Ritualmord, ausgegeben von einem unternehmungslustigen Antisemiten, oder eine wirtschaftliche Krise, ein socialer Uebelstand, um Unruhen, Brandstiftung, Metzeleien hervorzurufen, deren Opfer die unglückliche jüdische Bevölkerung ist. In Frankreich hat die Dreyfus-Affaire zu Genüge bewiesen, dass die Verachtung, der latente Hass des Volkes gegen die Juden immer bereit ist, hervorzubrechen unter irgend einem Vorwande, den hervorzuheben dem Geschäftsantisemiten leicht ist; es ist doch wirklich zweifellos, dass ein Katholik, der thatsächlich Landesverrath geübt hat, niemals so viel Hass gegen die Katholiken hätte hervorbringen können, wie ihn ein angeblicher jüdischer Verräther gegen die Juden hervorgebracht hat. Und trotz aller Gegenbehauptungen der assimilierten Juden hat der Antisemitismus tiefe Wurzeln in allen Classen der französischen Nation, im Heere ebenso gut wie im Lehrerstande. Man wird sagen, die reaktionären Parteien seien diejenigen, welche den Antisemitismus fördern, während alle fortschrittlichen Parteien seine Gegner seien. Demgegenüber können die Juden geltend machen, dass heutzutage die reactionären Parteien die zahlreichsten und mächtigsten auf der ganzen Welt und selbst in den civilisierten Ländern, wie Frankreich und Deutschland sind. Diese Parteien sind von einer hartnäckigen Lebensfähigkeit. Aber ausser dieser Entgegnung gibt es noch ein Argument, das sehr bedeutend ist. Die fortschrittlichen Parteien bekämpfen den Antisemitismus nur unter der Bedingung, dass sich die Juden assimilieren lassen, dass sie sich aufsaugen lassen durch die Nationen, in deren Mitte sie leben. Dass sie als collective Individualität verschwinden. Mit einem Wort: Die Philosemiten unterscheiden sich von den Antisemiten nur durch ihre Methode. Die Antisemiten sagen: Wir werden die Juden verfolgen, ihnen das Leben unmöglch machen, bis zu ihrer vollkommenen Ausrottung. Worauf die Philosemiten antworten: Durch Eure heftigen Massregeln werdet Ihr das entgegengesetzte Resultat erzielen; die jüdische Seele wird nur gestärkt durch die Leiden, denen sie ausgesetzt wird; die Juden hatten in der Vergangenheit gehässigere und mächtigere Feinde, als Ihr seid. Diese Feinde haben nichts anderes erreicht, als dass sie einige tausend Juden verbrannten, einige Hunderttausende vertrieben, einige Millionen verfolgten. Die Juden blieben jedoch immer aufrecht. Sie sind sogar durch eine Ironie des Schicksals in jenen Ländern am zahlreichsten, wo man sie am meisten verfolgt. Folglich ist der Endzweck nicht erreicht werden, deshalb muss man eine andere Taktik anwenden: Wir müssen ihnen alles gewähren, bürgerliche und politische Rechte, selbst einen Schein von Achtung, aber unter der Bedingung, dass sie langsam ihre Sprache, ihre Religion, ihre Solidarität, ja selbst ihre Vergangenheit vergessen. Man muss die jüdische Nationalität durch die Wärme der Sympathie auflösen, sie ersticken durch die Kraft einer langen und tödlichen Umarmung. Das ist die These der Liberalen., wie Anatole L e r o y - Beaulien, und der Radicalen, wie N a q u e t. Mit einem Worte: Die Antisemiten wünschen den Tod der Juden aus Hass, die Philosemiten dasselbe aus Mitleid, aus Humanität. Ein Jude, stolz auf die glorreiche Vergangenheit seines Volkes, welcher den Heroismus der Millionen russischer, rumänischer, galizischer, marokkanischer, persischer Juden bewundert, die für ihre moralische Unabhängigkeit,, für ihre Gewissensfreiheit muthig die physischen und moralischen Leiden ertragen, welche ihnen der organisierte Hass des Russen, die wilde Schlechtigkeit