Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Article
- Die jüdische Frau
- Date
- 1901-11-08
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315951-3401060--28941-3401135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 „Die # Welt" Nr. 45 Kunst, von einer jüdischen Dichtung sprechen. Und die Zeit ist nahe, da es der Fernste, der Fremdeste, da es die Menge tlnm wird. Da wird die jüdische Frau kommen, sie muss kommen, und ihr Herz und ihr Haus weit, weit aufthun und Einlass bieten, Ihr Volk ruft sie, die Besten ihres Volkes rufen. Alles ist da. Aber es ist so jung und zag. Und es ist so schier erstickt von Feindschaft und Widersinn. Nun muss die Frau kommen und muss vor allem verstehen lernen, dass es ein Heiliges ist um all dies und dass sie heilige Pflichten hat. Und einen heiligen Stolz muss sie lernen, zu fördern, zu helfen. Wenn die jungen jüdischen Künstler, wenn die Dichter erst wissen, für wen sie schaffen! Wenn sie erst wissen, dass die Frau ihres Volkes ihren Bildern eine liebende Stätte in ihrem Heim bereiten wird, dass sie freudestrahlend ihr Buch zwischen den Händen halten und sich darin spiegeln will, wie in dem reinsten Krystall!-- Die Juden der Bukowina. Von Dr. Ph. Menczel. IL Wenn man in der Bukowina von städtischer Bevölkerung spricht, so versteht man darunter die Bewohner von Czernowitz. Die übrigen Städte und Märkte — es wären zu nennen : Radautz, Suczawa, Sereth, Wiznitz, Sadagora, Bojan, Humora, Kimpolung und Storozynetz — treten an Bedeutung hinter Czernowitz so sehr zurück, dass man sie ohnevveiters dem flachen Lande zuzählen darf. Von den erwähnten Ortschaften tragen übrigens bloss drei, nämlich Wiznitz, Sadagora und Bojan, den Charakter sarmatischer Judenstädtchen an sich, jener galizischen, rumänischen und russischen Marktflecken, die zerstreute Reste des Mittelalters darstellen, elende Lehmhaufen ohne Luft und Licht, ohne Sonne und Sterne, Ghettos, deren Thore niemals geöffnet wurden, mit Ghettobewohnern, doch ohne deren harmonisches, ausgeglichenes Seelenleben» Sadagora, Wiznitz und Bojan, theilweise auch Sereth, Storozynefz und Radautz sind zu einem guten Drittel von jenen Jammergestalten bevölkert, deren Dasein allein eine schwere Anklage ist gegen unsere jüdischen Parvenüs, gegen jene Geistes- und Geldprotzen, die ihr Judenthum erst entdecken, wenn es gilt, aus jüdischen Händen Mandate und Ehrenstellen zu erschachern . . . Von Sereth südwärts, gegen Solkau und Seietin, gegen Suczawa, Kimpolung und Dorna, wohnt ein anderer Menschenschlag. Wohl sind die Städte, die ehemals einen lebhaften Handel nach der Moldau trieben, seit der sogenannten rumänischen Grenzsperre zurückgegangen, in den zumeist wohlhabenden Dörfern der südlichen Bukowina wohnen jedoch gutsituierte jüdische Holz- und Viehhändler, Propinationspächter und Greisler. Der äussere Mensch dieses Theiles der Bukowinaer Judenheit unterscheidet sich vortheilhaft von den nördlichen Volksgenossen. Das Berufsbettelwesen ist dort fast ganz ausgerottet, und nur selten verirrt sich ein polnisch-jüdischer Wanderer in die Bnkowinaer Waldkarpathen. Es ist ein schönes Stück Erde, die südliche Bukowina. Hochragende Berge, meilenweite Tannen-und Fichtenwälder und saftige Almen reihen sich dicht aneinander, und in den freundlichen Ortschaften, die den ruthenischen Dörfern des Nordens keineswegs gleichen, wohnt ein Volklein, das sich sehen lassen darf. Die rumänischen Bauern besitzen einen Intelligenzgrad, der das Mittelmass weit überragt, und haben ein gewisses Selbstbewusstsein, das sie ihrer jahrhundertlangen Unabhängigkeit verdanken. Die Gebirgsbewohner der südlichen Bukowina standen nämlich niemals in einem Leibeigen Schafts- oder Unter thänigkeitsverhältnis, sie kannten keinen Robott und keine Herrenmacht, sie fühlten niemals die Knute des Bojaren oder Schlachzizen, und etwas von jenem Stolze hat sich auf die unter ihnen wohnenden Juden übertragen. Juden zu Pferde, Viehzüchter und Holzfäller, welche unwegsame Schluchten und reissende Bäche übersetzen, sind keine Seltenheit in Isvor Kirlibaba und Stulpikany. Sooft ich mir auf meinen Reisen durch die südliche Bukowina jene Leute ansah, dachte ich mir: Die gäben ein gutes Material für unsere Colonisationszwecke ab. Der jüdische Holzfäller und Sägearbeiter, der Schaffer, der das Jungvieh im Mai auf die Alm treibt und bei Milch und Maismehl sechs Monate lebt, kennt die harte Arbeit, hat gestählte Muskeln und einen geschärften Blick. Ob sie wohl giengen, wenn man sie zu den heimatlichen Gefilden riefe? Ohne Zweifel. Dass in den Bergen die Freiheit wohne, jene Freiheit der Gesinnung, meine ich, die den Menschen nicht nach Stamm und Religion fragt, steht wohl schon lange nicht fest. Und warum sollten rumänische Bauern freisinniger sein, als die Söhne der grande nation oder als die Alpenbewohner? Die Zeichen mehren sich, welche andeuten, dass auch jener herrliche, wildromantische Winkel, der einstens den nachmaligen Kaiser Josef IL so sehr entzückte, dass er seiner hohen Mutter sofort schrieb: „Wir müssen ihn den Türken wegnehmen", den 20.000—30.000 Juden, die dort wohnen, keine Heimat bleiben wird. Vor nkht allzu langer Zeit galt die südliche Bukowina als Zufluchtsort für viele Erwerbs- und Berufslose unseres Stammes. Die nördliche Bukowina, Ostgalizien und Rumänien gab seinen Ueberschuss an Juden — Ueberschuss sind eigentlich alle — nach Gurahumora und Kimpolung ab. Nun hat das aufgehört. Der Judenhass, bis vor kurzem ein Privilegium einiger Popen und Lehrer, hat auch dort die weitesten Kreise der Landbevölkerung ergriffen und fordert täglich neue Opfer. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem sich der jüdische Bergbewohner seiner Heimat beraubt sieht. Wir werden seiner nicht lange warten, wenn wir ihn rufen werden .... Nördlich und östlich von Czernowitz, an den Grenzen Galiziens und Russlands, wohnt jener Theil der Bukowinaer Judenheit, den man unseren heimatlichen Volksgenossen zuzählen darf. Ist der Bukowinaer Gebirgsbewohner zum geringsten Theile chassidisch — er zeichnet sich durch eine gewisse fortschrittliche, wenn auch nicht irreligiöse Gesinnung aus — so ist der unter den Ruthenen wohnende Jude zumeist orthodox im osteuropäischen Sinne: chassidisch von aussen und innen. Von einigen Gutsbesitzern und Gutspächtern abgesehen, die man als solche gar nicht erkennen würde, sind es zumeist Dorfjuden, wie sie nur Osteuropa kennt: in Lumpen oder schmierige Kaftans gehüllte, gebrechliche Gestalten, Schenker, Mautpächter, kleine Landwirte, Greissler und Bettler. Der Bauer ist dort blutarm und der Jude hilft ihm hungern. Ein trostloses Stück Erde. Meilenweit kein Baum und Strauch, kein Weiler und kein besseres Gehöft. Armselige Lehmhütten bilden die Bauernwohnungen, und unter dem schwermüthigen, ewig darbenden Ruthenen wohnen in den Dörfern am Dnjester und an der russischen Grenze einige tausend Juden, welche den Schulfall für uns Zionisten bilden, das Exempel, auf welches wir in unseren Agitationsreden hinweisen. Das traurige Exempel. So tieftraurig, dass man nicht gerne bei demselben verweilt. Sadagora, das vielgeschmähte Stück Galizien in der Bukowina, bildet das Centrum dieser Leute, die am Montag und Donnerstag zu Hundeiten Czernowitz überschwemmen, um hier von Thür zu Thür die spärlichen Almosen abzusammeln. Es ist ein dahinsiechendes, in steter Fäulnis bebefindliches Stück an unserem Leibe, das wir bald irgendwie gesunden sehen müssen, wenn sie — die Fäulnis — nicht den ganzen Organismus erfassen soll. Ueber das Wie