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Die Welt · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Article
Die jüdische Frau
Date
1901-11-08
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45 JMe # W&t" Seite 3 soll sie sein,, Wunderbares soll sie verrichten. 0, dass sie sich ihrer bewusst würde! Das Volk des Herrn rüstet zur Heimkehr, gewaltig wird diese selbst sein, gewaltig die Zeit der Rüstung. Wird der Muth, wird die Liebe seiner Töchter dem Volke vorauf ziehen, werden sie ihm voransleuehten durch die Dunkelheit und Fein (leswogen wie die Flammensäulo? * Die jüdische Frau der letzten Jahrzehnte war ehrlich bestrebt, eine „gute Europäerin" zu werden und ist es geworden, so weit sie es werden konnte. Gutes ist dabei nicht herausgekommen. Oder sollte man die Würde seiner eigenen alten Cultur wegwerfen, um den zweifelhaften Errungenschaften einer fremden neuen Civilisation nachzujagen? Man. wird sagen: Sie konnte nicht zurückbleiben, wo überquellend und überstürzend alles um sie vorwärts und aufwärtsdrängte, wo gerade über die Frauen aller Völker wie Krühlingssturin der lebendige Schrei nach eigenem Sein und eigenem Thun, nach freier Lebensschönheit und freien Lehensreeh teil mächtig da hin brauste. Man wird sagen: sie konnte nicht anders als sie that. Oder hätte sie stehen bleiben sollen, da wo sie stand, als sich die ehernen Mauern aufthaten, die Pfaffensinn, Unwissenheit und Roheit jahrhundertelang um sie aufgebaut hatten? Nein, o nein, wer wollte das!? Aber ich bitte Euch, saget mir, weshalb musste sie in einen fremden Garten (Mildringen? Ja, als die Mauern fielen und das helle Licht in den düsteren, schwermüthigen ({arten ihres Ghettos drang, weshalb entfloh sie, berauscht vom Freiheitstauniel, den Jiebgowordenen Boden, der doch etwas vom Schimmer einer zweiten Heimat an sich gehabt hatte? Warum verliess sie den Roden nun, den ihre liebende Hand. in. Elend und endloser Betrübnis treu gehegt und. dem sie aller Feindesmacht zum Trotze heimliche Wunderblumen entlockt halte? Oder waren die stillen heroischen Tugenden ihrer Seele, die im Ghetto aufgegangen, nicht Wunderblumen vergleichbar? Und wo sind heute die goldenen Bande, die Herz und Herz in Bruderliebe und .Brudergemeinschaft zusammenhielten? Hat nicht die „Freiheit" sie gelöst? Und sie, die hinausstürmte in den fremden Garten, fand sie nicht, dass der neue Boden gerade ihr keine Blüten und keine Früchte trug und dass ihr dort nur der Hohn Lieder sang? Fand sie es noch nicht? * Wann, wird die jüdische Frau ihren Eeichthum und ihre Macht erkennen? Wann wird sie wieder glänzen im Zauber ihres eigenen Wesens, herrlich wie die Schöne im Hohenliede, treu wie ihre Urmütter in der Verbannung? Wie lange wird sie noch hingehen und thun und tragen, was anderen ziemt und ansteht, die so ganz anxlers sind als sie? Zu jedem schönen Ziele, das heute der Frau erreichbar ist, fand auch sie den Weg. Aber nicht ihren eigenen. Nein, nicht einen eigenen, errungenen, erkämpften, wertvollen. Einen leichten Umwog nur fand sie über den Weg, den Fremde gebahnt. Eine liebende Stimme ruft den Namen des verirrten Kindes und von. Ueberhebung und Hechten ist nichts in der Stimme. Ich bitte Euch, höret die Liebe in ihr beben. * Sie sei sie selbst. Dann ist ihr alles gegeben, Helferin ihres Volkes zu sein, Retterin, Wegbahnerin zur neuen, alten Heimat. Es schlummern wunderbare Gaben in ihrer Seele. Sie könnte Grosses leisten in Dienste der Wiedergeburts- BewTegung. Vor den Frauen ihrer heutigen Umgebung hat sie die weit geringere Scheu vor der Oeffentliehkeit voraus, ihr lebhaftes Aeusserimgsvermögen und Aeusserungsbedürfnis. Ich habe in Versammlungssälen, bei Vorträgen und Protesten sieh jüdische Frauen mit der grössten Unbefangenheit und Freimüthigkeit bewegen sehen. Sie hat das von vorneherein, wozu die Frauenbewegung die deutsche Frau sehr mühsam und noch sehr wenig erzogen hat: den Muth, aus der deckenden Masse hervorzutreten. Dazu kommt: sie besitzt meist die Gabe und Gewandtheit der Rede, des fruchtbaren Zwiegespräches. Ihr Geist, mehr rasch und vielseitig, als tief und in sich gekehrt, befähigt sie dazu. Obwohl ihr im letzten Grunde das eigene Schaffen versagt ist, ich meine die wahrhaft schöpferische Gabe, Eigenstes aus sich herauszustellen und ihm einzige Form zu verleihen, so ist sie dennoch ein eminent belebendes und leben bringen des Element. Etwas überaus Wertvolles — wird es in den Dienst der Bewegung gestellt und späterhin in den Dienst des Volkslebens. Dazu kommt ein grosses organisatorisches Talent. Sic hat vorzügliche Anlagen, Anstalten zu leiten, sie ist ungewöhnlich befähigt, zu arrangieren, zu verwalten, zu stützen. Sie versteht es, Vereine zu gründen, in ihnen zu leben und sie nutzbar zu machen. Das Vereinsleben passt zu ihr und ist ihr natürlich. Sie kommt zu ihm nicht aus irgendeinem Mangel an. Verkehr, an Bethätigung oder aus einem Uoberfluss an Langeweile, oder weil sie ihre nächsten Pflichten übersieht und nach fernen greift, sondern weil sie etwas damit will. Irgendeinen gemeinnützigen Zweck oder irgendo i neu. I d een au st au seh. Sie macht durchaus nicht den mühseligen Eindruck, den die deutsche Frau mir dabei stets gemacht hat. Dieser ist das Leben und Wirken inmitten einer bunten Vielheit nicht gegeben. Sie will sich selbst oder ihren kleinen Kreis. Im Verein scheint sie stets „auf Nadeln zu sitzen'*. Man sieht ihr an, sie möchte lieher ihre Kinder waschen oder am Schreibtisch sitzen oder spazieren gehen. Febrigens hat die Frauenbewegung darin manches geändert. — Die Jüdin kann viel mehr in sich vereinigen und viel mehr zu gleicher Zeit gut thun, eines, ohne ein anderes liegen zu lassen. Sie wird Unabsehbares damit für die Bewegung leisten können, denn hier wie nirgends anders kommt es aul: Sammlung und Durchdringen der Massen an. Nun ein Drittes. Sie hat einen wunderbar behenden, schmiegsamen Geist. Sie, der die Krone des Sehaffens bis heute versagt ist, vermag ein anderes. Sie ist die grosse Versteherin, die grosse Anregerin. Um jeden Gedanken, jede Idee vermag sich ihr zärtlicher Geist zu ranken. Sie versteht zu hören, zuzuhören. Sie hat ein inneres Ohr für die leisesten Kundgebungen eines fremden Wesens, vermag sie aufzunehmen und zu tragen. Sie hat den Blick, der zur Rede auffordert, und hat das bewegliche Herz, dass sie zur lieben Vertrauten macht. Sie hat noch mehr — sie ist geistreich. Etwas, um was wir sie zu beneiden haben. Sie ist daher geschaffen zur feinsten und anregendsten Geselligkeit, Man denke an die jüdischen Salons, man denke an die geistvollen und feinen Jüdinnen, zur Zeit der deutschen Romantik. Rahel Lewin, Henriette Herz, 'Dorothea Veit. Die feinste geistige Blüte des deutschen Volkes war in jenen Salons zuhause. Den Auserlesensten der Nation waren jene Frauen Freunde. Könnte die jüdische1 Frau heute ihrem Volke das sein, was sie damals dem fremden war, dem sie im ersten Jubel ihrer Befreiung aus dem Ghetto sich zu einen, strebte und dem sie verschwenderisch das Beste hinstreute, was sie hesass! Ihr Volk wartet auf sie. Der alte verdorrte Baum hat sich wahrhaftig geregt, treibt einen neuen Maien, neues Leben, junge Keime, Blüten. Und harrt der zärtlichen. Hand, die ihn hege. Es wird eine Auferstehung, wie kein Volk sie erlebt hat, es wird einer Naturgewalt vergleichbar sein und gläubige Herzen werden ein Wunder sehen. Der Eingeweihte darf heute schon von einer jüdischen

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