Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Article
- Bergab
- Date
- 1901-11-01
- Page
- 11 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Die 3^ WeIt6C Seite 11 gedacht, denke Dir, wird sie weich, die Madame, und lässt ein Sechserl nach dem anderen nach." „Umso besser," lächelt Sure und ihr Gesicht scheint sich zu verjüngen, da sie die Aussichten ihres Mannes vernimmt. „Wie einst," erwacht in ihm der Gedanke, „wie in früheren Jahren, selbstverständlich, da man gute Zeiten hatte . . .", Doch hat er jetzt wenig Zeit, diesen Gedanken weiter auszuspinnen. „Also bleibt Chanele meine Compagnonin." „Ja, warum nicht?a „Ja," btammelt er. „wenn Chanele Compagnonin ist. Ich denke, weil sie Glück hat, aber als Compagnonin/ „Nun, was?" fragte Sure, von einem plötzlichen Verdacht erfüllt. „Er will irgendwo hinaus," denkt sie. „Er hat ein Begehren." „— so meine ich, dass sie wirkliche Compagnonin wird, dass sie Geld hineinlegt . . ." „Wie? Was?" Sure traut ihren eigenen Ohren kaum, Und da er stumm bleibt, wird sie umso erbitterter. „Mörder, Räuber, der Du bist," ruft sie ihm erregt zu. „Du willst ein Vater sein? Ein solcher Vater bist Du? Du siehst, dass das Kind krank ist, dass ich geschworen habe, keine Speculationen mit ihrem Gelde zu unternehmen. Es ist ja ihr eigenes Geld, ihr blutiges Geld. Sie trägt mir die Sachen nach und bekommt dafür einige Groschen von den Damen. Gebe ich ihr denn aus meiner Tasche?" Sie kann sich gar nicht beruhigen, so sehr hat sie das Ansinnen ihres Mannes aufgebracht. Chaim will was erwidern, doch der Alte unterbricht ihn : „Schweig' lieber, schweig'! Siehst Du denn nicht, dass sie recht hat? Geb, suche Dir einen anderen Compagnon. Verlang' nichts Unmögliches. Leben und leben lassen!" Chaim nimmt schweigend seinen Sack, steckt ein Stück Brot hinein und schreitet zur Thüre. Und der Alte sendet ihm eine seiner Lebensweisheiten nach: „Weisst Du, wie die Vögel Brocken im Hofe zusammenklauben? Einen grossen nehmen zwei!" Auch im Bette des Grossvaters kann Riwke nicht einschlafen. Irgend etwas flattert in ihrem jungen Hirn, das sie keinen Schlaf finden lässt. Eine „Begegnung" ist ihr zutheil geworden . . . Eines Abends, da sie von der Fabrik nachhause gieng, trat ihr auf dem Trottoir ein junger Mann entgegen. Sie wollte an ihm vorüber, glaubend, dass er das Gleiche thun wolle, doch er that es nicht, sondern blickte ihr mit zwei grossen, grauen Augen lachend ins Gesicht, so dass sie erröthete und sich rasch entfernte. Und als sie dann in die Seitengasse trat und sich fast gegen ihren Willen umblickte, stand er noch immer lächelnd und zeigte ihr zwei Reihen weisser Zähne. „Ich werde das Chane erzählen," dachte sie, that es aber nicht, denn „was würde die arme, kranke Chane davon verstehen!" Einige Tage später stand er wieder vor ihr. Ihr Herz begann lebhafter zu schlagen. Sie schämte sich, die Augen zu erheben und wollte geschwind vorübereilen: allein sie war so ungeschickt, dass sie beinahe hinfiel. Und da sie weiterschritt, schien es ihr, als ob sein helles, freudiges Lachen über ihren weissen Nacken gleite. Sie glaubte auf sich die Blicke aller Leute auf der Gasse gerichtet und entfernte sich rasch. Doch einmal tauchte er wie aus der Erde emporgewachsen vor ihr auf. Sie schrie auf. doch er vertrat ihr den Weg. „Mir scheint, dass ich das Glück habe, Sie zu kennen, Fräulein?" „Fräulein!" sagte er. Sie wendet sich ungeduldig ab und setzte ihren Weg fort, aber sie musste sich gestehen, dass er eine angenehme Stimme habe; „eine goldene Stimme", sagte ihr das Herz, „eine männliche Stimme!1' Seitdem treffen sie sich jeden Tag. Sie spricht nicht zu ihm, geht ihm aber auch nicht mehr aus dem Wege. Schweigend führt er sie morgens zur Fabrik und begleitet sie am Abend von der Fabrik nachhause. Und oft kann sie sich nicht enthalten, ihn verstohlen von der Seite anzusehen . . . Das Schnurrbärtchen, und dann erwidert er ihren Blick mit einem noch freundlicheren Lächeln. „Kluge Augen", denkt sie, „zuweilen schiessen goldene Strahlen aus ihnen." Doch bald erfuhr mandavon in der Fabrik. Die Mädchen brachten die Sache aufs Tapet, und seitdem witzeln sie darüber auf ihre Kosten. „Jugendnarretheien," sagen sie, „heute läuft er ihr nach, morgen wird sie ihm nachlaufen." „Nicht erleben werden sie das," denkt Riwke. „Die Zunge wird sie nach ihm strecken, wi« das Schaf nach dem Salz,u spotten sie, und Riwke beisst die Zähne in die Lippen. „Ein schöner Jüngling," sagen sie, „ach, ein herrlicher Jüngling! Die Haare! Die Augen! Die Nase wie gedrechselt! Auf seiner Weste baumelt eine goldene Kette mit sicherlich zehn Anhängseln." Und Riwke fühlt sich in ihrem Selbstbewusstsein gehoben. „Vielleicht ist es Tombak?" meint eine. „O! Sicher nicht!" denkt Riwke und auch die anderen sagen : „Wie ist das möglich? Man sieht, dass er aus wohlhabendem Hause ist." Und da wundern sie sich noch mehr. „Willst noch kein Liebesverhältnis eingehen V" sagen sie, „nun, Du hast noch Zeit, aber den Verstand halt' beisammen, rede ein freundlich Wort, nimm Geschenke, ein. Mittagessen lass Dich nicht verdriessen, Bäckerei, Billet, ins Theater . . ." Und dann lachen sie alle hell auf. „Natürlich, nur nehmen/ lässt sich die Aelteste vernehmen, ein hageres Mädchen mit einem knochigen Gesicht und s hielenden, grünlichen Augen. „Und was sie zu verlieren hat! Die Mitgift liegt schon bereit! Die Vermittler rennen die Thüre ein! Die Freier belagern das Haus! Nur nehmen! Sich nur nicht zum Narren halten lassen!" Und Riwke beisst noch fester die Lippen aufeinander, neigt ihren Kopf, und zwei schwere Thränen fallen auf die Hand, welche die Nähmaschine bedient. Und darüber kann sie jetzt nicht einschlafen. Nein, sie wird nichts von ihm nehmen, gar nichts! Billette ins Theater--auch nicht! Einmal gab es Postarbeit, und sie musste bis spät in '1ie Nacht in der Fabrik bleiben. Und da kam athemlos und zitternd die Mutter gelaufen und ihre Augen leuchteten, als sie die Tochter fand. Der Grossvater wartete unten an der Treppe und dehnte ungeduldig seine langen Finger. „Gottlob! Gott sei gedankt!" murmelte er, als er die Schwiegertochter mit der Enkelin herauskönnen sah. „Ich habe es ja gesagt. Sie ist zu so was nicht fähig." (Schluss folgt.) Aus unserer Volksbildungs-Bewegung. i. Wochen-Programm der Toynbee-Kalle. XX,, Karajangasse i20. Sonntag den 3. November: Dr. Martin \V e i s m a n n :.Amol i Toynbee. Montag den 4. November: Dr. Martin Engländer: Aus dem Gebiete der Naturwissenschaften. Dienstag den 5. November: Adolf Steinschneider: Die jüdischen Wohlthätigkeitssanstalten in Wien. IL Das israelitische Blindeninstitut. Mittwoch den G. Nove m b e r : Architekt O. Marmorek: Ueber Menschenrassen. Donnerstag den 7. November: Dr. Sigmund Kornfeld: Aus der S^elenlehre. Freitag den 8. November: Dr. Grüll: Bibel, Erklärung der Sidra. Samstag den 9. November: Concert, Musik, Gesang. Anmeldungen zu Vorträgen wolle man richten an : Dr. Leopold Kahn, Hof- und Gerichtsadvocat, Wien. VfL, Lindengasse 11. II. Am 27. October fand der zweite Concertabend statt. Das Quartett „Tedesco-Bettelhei m", eine rühmlichst bekannte Kammermusik-Vereinigung, erfreute die Zuhörer mit dem Vortrage eines Streichquartetts von Haydn und eines Satzes aus „Mendelssohns Streichquartett Nr. 3". Die Herren des Quartetts: Dr. Ernst und Gustav Bettelheim, Fritz Tedesco und Gustav S p i e 1 m a n n erhielten reichen Beifall. Herr Gustav Bettelheim trug auf dem Cello noch die „Cavatine" von Sulzer und das „Concert" von Goltermann meisterhaft vor. Fräulein Eleonore Klappholz sang ausgezeichnet eine Arie aus dem „Waffenschmied".