Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Article
- Bergab
- Date
- 1901-11-01
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315950-3400889--28852-3400995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 Die # Welt" Nr. 44 „Gegeben dem Ewigen, was dem Ewigen gebürt," murmelt der Alte. .„Hai»' Dank, viel Dank mein Gott!*6 „Doch wozu benöthigst Du mich noch hier?" seufzt er. „Fehlen Dir noch einige Morgengebete, einige Psalmen? Hast Du noch nicht genug?" Sinnend bewegt er sich du ich die dumpfe, finstere Stube und findet, dass es seinem Ermessen nach besser wäre, wenn das Betr, das er jede Nacht einnimmt, seine Enkelin Riwke benützen könnte, statt auf dem Boden zwischen dem Gerumpel zu schlafen, das sein Sohn, der „Handel" täglich von allen Häusern zusammenträgt. 4 Dass es nach seinem, eines Sterblichen, Ermessen vernünftiger wäre, denkt der Alte, wenn das Glas Milch, das für ihn täglich besorgt wird, Sure, seine Schwiegertochter trinken würde, die den ganzen Tag sich auf dem Marktplatze herumtreibt, ohne etwas Warines in den Mund zu nehmen. Jenkel, der jüngste Sprüssling der Familie, würde es auch nicht verschmähen. Er selbst benöthigt wenig; aber besser wäre es, wenn er gar nichts benöthigen würde. Der Sohn Chaim läuft halbnackt herum, Chane, die älteste Enkelin, ist krank. Wenig Blut! Der Doctor sagt: Blutarm, und-räth Eisentropfen an, Leberthran, Wein, und sie haben deshalb einen Sparpfennig für sie angelegt. Seit Monaten sammeln sie, doch kommt wenig zustande. Sie wächst fast gar nicht, diese Chane. Und auch ihr Verstand wächst nicht. Alles stockt in ihr, siebzehn ist sie alt und der Verstand ist wie von zwölf. „Wozu belästigst Du sie noch mit meiner Person?" seufzt der Alte. Er horcht auf die schweren, abgerissenen Athemzüge seines Sohnes und blickt auf die abgemagerte Hand seiner Schwiegertochter, welche sich von der Kante der Wiege losgelöst hat und matt herabhängt. Der kleine Schreihals in der Wiege bewegt sich. „Bald wird er die Mutter wecken", denkt der Alte, und mit kurzen Schritten eilt er hin, um die Wiege zu schütteln. „Doch, vielleicht," erwacht in ihm ein neuer Gedanke, „willst Du, mein Gott, dass ich noch Freude an diesem Wurm erleben soll? Dass ich mit ihm die Gebete sage, ihn lesen lehre?" * Wie ein rother, frisch gereifter Apfel leuchten die Wangen des Kleinen, ein süsses Lächeln irrt um den kleinen Mund, und die Lippen sind in unaufhörlicher Bewegung. „Der Nimmersatt! Selbst im Schlafe denkt er an das Fressen!* Auch Riwke bewegt sich jetzt auf ihrem Lager. Sie ruht auf einem mit Stroh gefüllten Sack, bis zur Brust mit einem mit unzähligen schwarzen Punkten übersäeten Leintuch bedeckt. Das leicht geröthete Antlitz mit dem schneeweissen, schön geformten Hals hebt sich anmuthig von dem Hintergrunde ihres feuerrothen, wirr durcheinander geworfenen Haares ab, das, ganz die Unterlage ihres Kopfes bedeckend, sich nach allen Seiten auf den Fussboden breitet und bei jedem Athemzüge des Mädchens leise erzittert. „Ganz wie die meine", denkt der Alte. „Heisses Blut! Träume!" ..Riwke!" sagt er leise, ihre nackte Hand berührend, die sich von dem Leintuch losgemacht hat. „Wie? Was?" Riwke fährt auf und öffnet ihre grossen, blauen Augen. „Pst! Beruhige Dich/ sagt der Alte lächelnd. „Ich bin es. Du kannst jetzt in mein Bett gehen —" „Und Du, Grossvater?" fragt sie, ihn breit und behaglich angähnend. „Ich schlaf nicht mehr, es schläft sich nicht in meinen Jahren. Ich werde den Thee machen. Du hast doch gestern abends gehört .... Sie wollen heute früh aufstehen. Der Vater hat ein wichtiges Geschäft in der Stadt und die Mutter muss die Einkäufe zur Verlobung bei Pimpsenholz besorgen.*' „So werde ich Thee machen, Gross vater." „Nein, Riwke, Du geh in mein Bett, Du hast Zeit. Du gehst heute nicht in die Fabrik, hat die Mutter gesagt. Sie benöthigt Dich zum Einkauf, kannst deshalb noch schlafen." ,,Ah!* Riwke gähnt noch behaglicher. Jetzt erinnert sie sich an alles. Der Vater kam gestern freudestrahlend nachhause. Ein ganz besonders billiger Einkauf alter Sachen habe sich ihm dargeboten, und auch die Mutter hatte eine frohe Nachricht. Bei Pimpsenholz, die sie als Bedienerin besucht, wird Verlobung gefeiert; zwar sträubt sich noch die Braut, sie ist nicht zufrieden mit dem Bräutigam, aber die Verlobung wird dennoch stattfinden. Riwka ist nicht besonders erfreut. Allerdings darf sie heute länger schlafen als sonst, urd mit der Mutter auf dem Marktplatze herumzugehen, ist angenehmer, als den ganzen Tag in der Fabrik zuzubringen. Aber Körbe mit Hühnern hinter der Mutter nachzutragen oder gar ein entlaufenes Huhn auf der Gasse wieder einzufangen, erscheint ihr nicht besonders wünschenswert. Aber, da es sein muss, so muss es eben sein. Sie schlägt das Leintuch um ihren Leib und schlüpft in das danebenstehende Bett. Der Sprung erregt neuerdings das Wohlgefallen des Alten. „Ganz, wie die meine/4 Noch bevor der Alte mit dem Feuermachen fertig war, bevor er das Holz in dünne Späne geschlagen, sie in den Ofen geschoben, einige Kohlenstücke darüber gestreut („Tbeuer Kohlen heute," denkt er dabei), mit Petroleum begossen und darüber die alte, von röthlichem Roste angefressene Tneekanne gestellt hatte, sass bereits die Mutter mit dem Kleinen an der Brust und dachte mit Sehnsucht an den Tag, an dem das Söhnchen zum erstenmale das Gebet über die Milch sprechen werde. Auch Chane hat sich in ihrem Bett erhoben und spielt hinter dem Rücken der Mutter mit dem kleinen Brüderchen. Ihr mageres Gesicht mit den fahlen Wangen und den verträumten Augen, von einem Kranze aschblonder, wirrer Haare umrahmt, erscheint bald auf der einen, bald auf der anderen Seite. Doch sind ihre Bewegungen zu ungelenk, das Lächeln ihrer blutleeren Lippen gezwungen und ihr Blick viel zu starr, als dass sie das „kleine Fressniäulchen1', wie er allgemein in der Stube genannt wird, von der Mutterbrust wegzulocken vermöchte. Das eine Händchen in die rechte Seite der Mutter vergraben und mit dem anderen den Saum ihres Hemdes von der Brust weghebend, um im Säugen nicht gestört zu sein, blickt er ihr ruhig und gelassen ins Antlitz. Augenscheinlich interessiert sie ihn, doch beschäftigt ihn im Augenblicke eine viel wichtigere Angelegenheit und er weiss, dass seine Schwester ihm auch später zu Diensten stehen wird. Der Vater hat bereits Gebetriemen und -Mantel angelegt und betet, indem er durch die Stube auf- und abgeht. Zuweilen bleibt er stehen und richtet den Blick auf seine Frau. Offenbar hat er mit ihr ein Wort zu reden. Doch wendet er auch manchmal den Blick nach dem Alten und setzt seine Wanderung fort. Er hat wenig Zutrauen zu ihm. Dieser Alte glaubt, dass man noch immer in den guten, alten Zeiten lebe, da man gemächlich das ganze Gebetbuch von A ifang bis zu Ende hersagen konnte. Er weiss nicht, dass sich auf jeden Plunder, den man zum Verkaufe anbietet, sieben hungrige Käufer stürzen. Doch hat er noch gestern der Sachen sich versichert. Der Kauf wurde mit sechs Rubel weniger zehn Kopeken abgeschlossen, einen Rubel vierzig Kopeken hatte er als Angeld zurückgelassen und dem Hausmeister zehn Kopeken in die Hand gedrückt, damit er keinenzweiten „Handel" mehr hineinlässt. Aber immerhin, man ist unruhig. Wer weiss! Sechs Rubel bar auszuzahlen, ist eine viel zu hohe Summe für ihn und einen Compagnon findet man nicht leicht für derartige Geschäfte. Jetzt trinkt er den Thee, das Glas auf der flachen , Hand haltend, und vor j^dern Schlürfen über die heisse Flüssigkeit hinblasend. Es ist schwer, einen Entschluss zu fassen. Woher einen Compagnon nehmen? Soll man zum Geld Verleiher gehen, der einem die Haut abschindet, oder zum Krämer daneben, der einem die Taschen leert? Und wenn man einen gefunden hat, muss man mit ihm den Gewinn theilen, obwohl er nichts mitgewirkt hat. Vor Zeiten konnte man bei seiner eigenen Frau einige Groschen ausleihen . . . Vor Zeiten! Doch gestern klagte sie, dass ihr selbst zum Einkaufe noch einiges fehlen wird. Vielleicht könnte man Chaneies Sparpfennig für einen Tag ausborgen? Doch dazu gebricht es ihm an Muth. Schon mehrmals hatte er es versucht und wurde jedesmal abgewiesen. Er wirft nochmals einen Blick auf seine Frau. Vielleicht wird es heute gelingeu V Sie hat soeben den Kleinen in die Wiege gelegt und lächelt ihn so glückselig an. Sie ist in guter Stimmung. Vielleicht geht es . . . „Ich habe diese Nacht nachgedacht," beginnt er, „ich meine, der Kauf ist gut, ich werde mit Gottes Hilfe verdienen . . ." „Gott gebe es," erwiderte Sure lächelnd. „Es ist wegen Jenkel, es ist sein Glück." „Seit er geboren wurde, verdient es sich leichter." „Ich meinte," sagt Chaim mit einem zuvorkommenden Lächeln, „es ist Chaneies Glück. Weisst Du, Sure," führ er, wärmer werdend, fort, „wie ich die Sachen handle, denkeich so bei mir: wenn Gott mir gibt, dass ich sie billig bekomme, so nehm' ich den dritten Theil vom Verdienst für Chaneies Sparbüchse herunter, und kaum habe ich das