Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Article
- Die Förderung jüdischer Dramatik
- Date
- 1901-10-25
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315949-3400686--28706-3400804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 10 „Die # Welt" Nr. 43 <lisehe» Dühne kommt! Erst eine solche kann dem specifisch deutseh-jüdisehen Drama eine ununterbrochene, von Rücksichten nicht gestörte Produetion verbürgen. Was aber für die deutschen -Juden erst erstrebenswert ist, dessen elf reuen sieh die jüdisch sprechenden Juden schon längst. Sie haben ihre .Bühne, aber vorläufig, wie wir wissen, nur eine vordiamatische — eine Bühne, die noch kein ]) i c Ii t e r mit seinen Gestalten bevölkert hat. Wir haben im Artikel ..Die Bühne der jüdisch sprechenden. Juden" die Gründe angeführt, die dafür sprechen, dass dieser Mangel über kurz oder lang behoben AVerden wird. Und zwar sind dies: Die Analogie mit der Entstehungsgeschichte des Dramas bei anderen Völkern, die dramatische Befähigung deutsch-jüdischer Theaterdichter und endlich das Vorhandensein epischer und lyrischer Poesie in jüdischer Sprache. Der erstgenannte Grund ist zwar der wissenschaftlich wertvollste, bietet uns aber wegen seiner Unpersönlichkeit bei Ei-wägung dessen, was wir fm Sinne der Entwicklung thun wollen., keinerlei Anhaltspunkte. Umso wertvoller sind die beiden anderen Gründe für uns. Denn sie betreffen das Vorhandensein des nöthigen Dichterniaterials. Und darum handelt sich's uns ja in erster Linie. Wir fragen doch eigentlich nichts anderes als: Was ist zu machen, damit erstens die in den deutsch redenden Juden zutage tretende dramatische Begabung auch in den jüdisch sprechenden zum Ausdruck komme und zweitens die allgemein anerkannte dichterische Befähigung der letzteren sich auch im Drama äussere? Ein naheliegendes Mittel wäre die Ausschreibung von Preisen auf dramatische Arbeiten in jüdischer Sprache. Nur müsste das Preisrichteramt in den Händen literarisch feingebildeter und künstlerisch fein empfindender Dramaturgen liegen. Diese unumgängliche Vorbedingung führt uns aber auf ein zweites Mittel, das geeigneter ist, weil es die Beziehungen zwischen den Dichtern und den Richtern unmittelbarer, die Thätigkeit der Auslese und Förderimg wirksamer gestalten und gleichzeitig auch der Entwicklung des deutsch-jüdischen Milieustückes zugute kommen würde. Da sich nämlich tüchtige Dramaturgen vorläufig fast ausschliesslich unter den westlichen Juden finden, und auch hier nur jene wenige]', in Betracht kommen können, die zugleich eine genaue Kenntnis der jüdisch sprechenden Juden und ihrer Sprache besitzen, — so kann die Lösung der Frage nur in einer Verbindung deutsch-jüdischer und jüdischer Bühne liegen, d. h. es müssen in jenen jüdischen Wohnstätten, in welchen sich die beiden grossen jüdischen Gulturkreise, der originell jüdische und der deutsch-jüdische, treffen, Tb'ibnen geschaffen werden, die ebenso der Pflege des deutschjüdischen Milieudramas als des jüdischen Dramas sich widmen. Die unausbleibliche Folge dieses Beisammenseins wird eine fruchtbare Wechselwirkung zwischen jüdischem und deutsch-jüdischem Spiele sein. Allerdings letzteres wird speeiell liiedurdi weniger gewinnen. Wohl wird durch die Bretter- und Berather- Gemeinschaft mit der jüdischen Bühne seine jüdische Kote stärker Verden, zur Höhe einer ausgesprochenen selbständigen Art wird es sich aber auch dann nicht entwickeln. Dazu ist es, wie wir gesehen haben, von Maus aus ungeeignet. Desto mehr hat die j ü - di sehe Bühne von ihrer Verbindung mit dem deutsch-jüdischen Uulturelement zu erwarten: Ermuthigung. Förderung und Schulung der Dichter und Erziehung des Publieunis. Selbstverständlich ist Voraussetzung aller dieser wohlthätigen Folgen, dass die Sache auch richtig angepackt werde, namentlich aber, dass sie ein reines Cultiirunternehmen bleibe. Zugeständnisse an den noch unausgebildeten Geschmack der jüdischen Menge oder sogar an Bedürfnisse entarteter westeuropäischer, bourgeoiser Theaterhabitues und Premierenhyänen dürften nicht gemacht werden. Ebenso müsste nackte, holde Tendenz dem Unternehmen feine bleiben. Geschähe dies nicht, so wäre es der Anfang vom Ende. Andererseits aber enthüllen dic.-e Vorbedingungen die ganze Schwierigkeit der Durchführung des hier in Vorschlag gebrachten Werkes. Denn sie bedeuten eine Unabhängigkeit, wie sie in unserer heutigen Welt des Geldes und Geschäftes nicht so leicht zu behaupten ist. Es sei denn, dass die Sache in die Hände von Männern gelegt wird, die von Theater- und Zcitungscorruption frei sind und andererseits wissen, wie weit sie mit Rücksicht auf die Geld-Erfordernisse des Unternehmens mit diesem gehen dürfen. Darauf kommt alles an.4) Pantarhei. 5) In Nr. 39 und Nr. 41. — In den letzten Artikel haben sich mehrere sinnstörende Druckfehler eingeschlichen, die hiermit berichtigt werden: o. Spalte, 11. Zeile von oben soll es statt ..Schaffen und Bergen" heissen ..Schaffen und Sorgen", 3. Spalte, 15. Zeile von unten statt ,,denn** „dass", 4. Spalte, beiläufig Mitte statt „fertschreitenden" „fortschreitenden**, 4. Spalte, Mitte des 2. Absatzes statt „Handlungsweise" „Handlungsreihe". -) Wir können diese Meinung Pantarhei's keineswegs theilen. Aus solchen ,.todten Bildern", aus vorgestellten zukünftigen Lebenssystemen heraus sind zumeist die grossen nationalen That.cn gethan und die grossen socialen Ideale gedacht worden. Garibaldi, Bismarck. Marx und Proudhon haben so über die Köpfe der Einzeimenschen hinweg gedacht und gehandelt. (Anm. d. Red.)!) Xr.?n der „Welt". ') Der Verfasser schliefst sich diesbezüglich einem Vorschlag des Leiters dieses Blattes an, (der in unserer nächsten Nummer veröffentlicht werden wird. D. Red.). Nach jüdischen Volksmotiven. Von Berthold Feiwel. II. Lieder der Mädchen. Kommt der liebe Sommer, Sommer, Spielen wir im Sand, Kommt der liebe Winter, Winter, Fahr'n wir über Land. Schwarze Kirschen reissen wir, Rothe lassen wir steh'n, Schöne Knaben nehmen wir, Garstige lassen wir geh'n. Holz ist im Wald, Wasser ist im Haus — Atle garstigen Bursche Aus der Stadt hinaus! Wie sind wir Mädchen doch so arm! Was ist die grosse Mitgift wert? Man putzt uns auf und stellt uns aus Und bietet feil uns wie ein Pferd. Die Eltern machen alles ab. Sie führen uns den Mann ins Haus. Uns fragt man nicht, uns hört man nicht — Dann wird ein böses Leben draus. Was ist all unser Reden nutz, Was unser bitt'rer Harm? Wir klagen — doch man hört uns nicht — .,Aus Reich wird leicht schon morgen Arm' Wir klagen — doen man hört uns nicht — „Aus Arm wird Reich im Augenblick. Gebt einen Mens chen uns zum Mann, Dann schenkt Ihr uns das grösste Glück . .* Der Golem. Von Rudolf Lothar. (Schluss.) IV. Der Schlafende lag ruhig. Und starr und steif stand die Lelnugestalt zu seinen Häuptcn. Im Dunkel verschwanden die Umrisse der Dinge. Mauern und Decke verschwammen in eins, versanken in der Unendlichkeit der Finsternis. Und aus der Finsternis stieg es jetzt empor in wirren Tonen., erst leise in einzelnen tiefen, in einzelnen hellen Lauten, dann zusammenklingend und ansehwellend in Chören. Die Elemente sangen ihre Lieder. Die Erde dröhnte mit den schweren Schritten der Grundaccorde, das Feuer loderte zischend und schmetternd in Garben von anf-