Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
43 (25.10.1901)
Article
Die Förderung jüdischer Dramatik
Date
1901-10-25
Page
9 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315949-3400686--28705-3400803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 43 „Die & Welt" Seite 9 zeien, dass es »ich niemals zu einem wirklichen jüdischen Drama entwickeln werde, wir dürften uns aber bei der hohen Wahrscheinlichkeit seiher Entfaltung und Ausgestaltung innerhalb der ihm gesteckten Grenzen beruhigen. Der jüdischen Bühne wiederum konnten wir trotz der Armseligkeit ihrer gegenwärtigen Dramatik fast mit Sicherheit ein selbständiges jüdisches Drama vorhersagen. Mit dem Augenblicke aber, da uns die Aussichten der jüdischen Dramatik als so günstige erscheinen, muss sich uns auch die Frage aufdrängen: Was kann im Interesse ihrer gesunden Fortentwicklung geschehen? Was haben w i r hiebei zu thun 7 Viele werden darauf in aller Seelenruhe mit einem „Nichts!"! antworten. Man braucht aber noch lange kein Culturfanatiker zu sein, um diese Antwort nicht besonders tief zu finden. Sic wird wirklich nur durch die entgegengesetzten Verstiegenheiten der Culturphantasten und Culturapostel begreiflich und verzeihlich. Die Culturphantasten sind Romantiker, die, ungleich ihren Genossen, sich des tiefsten Sinnes der Romantik bewusst geworden sind: an den lebendigen Menschen kühl vorüberzugehen, dafür aber in wirkliche oder vermeintliche, vergangene und zukünftige Lebenssysteme, also in todte Bilder verliebt zu sein.2) Oft ist dieser ihr grausamer Culturidealismus mehr anempfunden, als empfunden. So mancher, der stolz vorgibt, auf dem kühnen Ritte nach dem fernen Schönheitsland über das Bettelvolk der Einzelmenschen hinwegzusetzen, sitzt gar nicht so stramm und hartherzig im Sattel. Nicht so schlimm als diese echten oder eingebildeten Culturfetischisten, aber noch schlimm genug sind die einfachen Culturapostel. Das sind Leute, die sich zwar nicht mit photographisch getreuen Abbildern ganzer Cultursysteme herumtragen, die aber glauben, durch Culturbestrebungen für die Mit- und Nachwelt alles gethan zu haben. Auch sie verkennen die wahre Natur der culturellen Strömungen und Schöpfungen, die ja nichts anderes sind als die nothwendigen Niederschläge aus allen den Millionen Geistestheilchen, die sich aus einer bestimmten Volks-, Gesellschafts-, Landes- und Zeitmaterie in die Höhe heben. Doch aus der Ablehnung aller dieser Culturphantasten und Culturapostel folgt noch lange nicht, dass alles Culturbestreben ein unnützes Thun sei. Wohl läuft der Determinismus, den uns die moderne Natur- und daher auch die Geschichtsphilosophie lehrt, in letzter Linie auf die Annahme automatischen Geschehens hinaus. Aber nie dürfen wir vergessen, dass in Bezug auf einen grossen Theil dieses Geschehens wir, — die Menschheit, die Völker, die Einzelnen — der Räder- und Federnapparat des grossen Weltautomaten, die vernünftigen, zielenden Maschinen der unvernünftigen, ziellosen Thatsachenreihe sind. Wir können gar nicht anders, als selbstthätig eingreifen; könnten wir streiken, was ja nicht denkbar ist, so würde sofort der Automat selbst versagen, die Entwicklung stille stehen. Diese unsinnige Zuinuthung wird aber nicht sinnvoller dadurch, dass man sie, wie das gewöhnlich geschieht, bloss bezüglich der sogenannten culturellen Bewegungen stellt, bezüglich der politischen und socialen aber nicht zu stellen wagt. Auch diese miissten doch, sollte man meinen, mit denselben Rechten wie jene, als Eingriffe in die Majestät des unvernünftigen Entwicklungsschicksales betrachtet und unterlassen werden. Aber nein! Man nimmt lieber an, dass das geschichtliche Werkzeug Mensch im politischen und socialen Geschehen nöthig. dagegen dann, sozusagen nach gethaner Arbeit, für das culturelle Geschehen überflüssig sei. Die Annahme eines derartig plötzlichen Abhackens der menschlichen Geschichtsauf gäbe ist ein gewaltiger Irrthum. Sie übersieht, dass sich die Entwicklung nicht so fein säuberlich in Acte sondern lässt, sondern dass die culturellen Niederschläge wieder zu neuen Materien werden, aus denen neue Geistestheilchen emporsteigen, um sich wieder zu neuen Niederschlägen zu verdichten, dass also die Rolle des Menschen als Geschichtsinaschine an keinem Punkte aufhören kann. Diese Annahme ist übrigens auch im Widerspruch zur Idee der Entwicklung, die ohne zwingenden Grund niemals ihre Werkzeuge fortwirft, und zur Seele des Menschen, die in der scheinbaren Lenkung der Dinge ihre grösste Befriedigung findet und sie daher nicht plötzlich an irgendeinem Punkte aus der Hand geben will. Darum: Wenn es auch thörieht ist, hinter dem Rücken der Ereignisse Culturränke zu schmieden oder Geschichte bloss mit Culturbestrebungen zu machen, — *o braucht man deshalb dann doch nicht auf culturelle Bestrebungen und culturelle Pläne zu verzichten. Sie dürfen nur nicht den thatsächlichen Voraussetzungen vorauseilen, auf Grundlagen aufgebaut sein wollen, die noch nicht da sind. Als tastende Wegfindungen, nicht anspruchsvolle Wegweisungen sind sie immer am Platze, und, weil ja Cultur-Entwicklung nie aussetzt, auch immer imabweislieh. Das gilt, wie für alle Völker, so auch für die Juden. Doch sollte es gerade für diese gegenwärtig keine wichtigeren culturellen Bestrebungen geben, als das Theater? Möglich. Doch schliesst das die etwas weniger wichtigen ausY Jedenfalls ist ja die jüdische Dramatik vorhanden, und schon deshalb ein thütiges Eingreifen geboten. Und jedenfalls ist die Sache bedeutsam genug, um ein ganz energisches Anpacken zu rechtfertigen. Wir dürfen nicht vergessen, was wir in dem Artikel „Ohne Drama"'') über die psychologische Ursache der dramatischen Unfähigkeit der Hebräer und der Juden bis in die Neuzeit hineingesagt haben. Wir sprachen von dem Zustand des Ueber-dem-Leben-Schwebens. Dieser selbe Zustand bedingt aber auch die Unzulänglichkeit der politischen Schöpferkraft der Juden durch Jahrtausende hindurch. Und jede Stärkung des dramatischen Sinnes der Juden muss daher auch als Zuschuss zu ihrem noch immer mageren politischen Gestaltungsfond erscheinen. Noch bedeutungsvoller ist, dass es vorläufig keine geeignetere Anstalt gibt, um weite Volkskreise verhältnismässig so erfolgreich und so ausgiebig für Kunstgenüsse empfänglich zu inachen als das Theater. Das jüdische Theater bedeutet aber auch die Popularisierung der Kunst unter den Juden. Angesichts dieser doppelten Volksadelung durch die Bühne wird man sich nun wohl mit der Frage beschäftigen dürfen, ob und was im Interesse einer gesunden Fortentwicklung der jüdischen Dramatik vorgekehrt werden kann? Um zu einer richtigen Antwort auf diese Frage zu gelungen, ist es am besten, die Aufmerksamkeit auf jene Stellen zu concentrieren, wo das heutige deutsch-jüdische Milieudrama und die Bühne der jüdisch sprechenden Juden schwach aber entwicklungsfähig sind, d. h. man wird einerseits von der noch immer so starken Scheu vor jüdischen Milieus, andererseits von dem Mangel an wirklichen dramatischen Dichtern ausgehen müssen. An diesen Punkten wird anzusetzen sein. Wie wir im Artikel über das deutsch-jüdische Milieudrama sahen, hat bisher nur Georg Hirschfeld die Scheu vor dem jüdischen Milieu überwunden. Die Angriffe, die er deshalb erlitt, haben ihn von seinem künstlerischen Wahrheitsdrang nicht abzubringen vermocht. Aber ein Ermunterungsmittel für andere sind sie darum denn doch noch nicht. Ein solches Mittel muss vielmehr erst gesucht werden. Man darf nicht etwa glauben, dass irgendeine politische oder nationale Agitation von jüdischer oder nicht jüdischer Seite mittelbar den gewünschten Erfolg beschleunigen wird. Auch Hirschfeld ist nicht auf diesem Wege, wie bei oberflächlicher Betrachtungsweise leicht angenommen werden könnte, zu seinem jüdischen Milieudrama gekommen. Vielmehr haben dieselben Thatsachen, die den Anlag» zu gewissen Bewegungen gaben, auch auf sein künstlerisches Sinnen gewirkt. Die künstlerische Verarbeitung neuer F]rseheiuungsthatsachen ist immer unabhängig von deren politischer Verwertung und geht ihr parallel, daraus folgt auch: Fühlt man den Drang im Dienste einer bestimmten Kunstentwicklung ziel bewusst thütig zu sein, so darf man dies nie im übertragenen Wirkungskreise durch die allgemeine Politik besorgen wollen, sondern muss eine reine auf sich selbst gestellte Kunstpolitik inaugurieren, d. h. man muss durch geeignete Kunstpflege der bestimmten Kunstentwicklung die Wege ebnen. Auf unseren Fall angewendet: Zur Beseitigung der Scheu vor jüdischen Milieus muss es eine Bühne geben, die solchen Stücken liebevoll entgegenkommt. Bislang gibt es eine solche Bühne nicht. Hirschfeld wusste sich seine Bretter noch durch den Reiz der Neuheit zu erobern; auch erwarb er sich seinen Namen durch ein Stück, das noch nicht ausgesprochen jüdisches Milieu hatte. Künftigen deutsch-jüdischen Dramatikern wird es nicht mehr so gut ergehen. Das deutsche Publicum wird sich ja doch nicht zu viel jüdisches Milieu bieten lassen wollen, und so werden sie darauf verzichten müssen. Wenn nicht Hilfe durch eine jü-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.