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Die Welt · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
43 (25.10.1901)
Article
Der Judenzoll und die jüdische Wohlthätigkeit in Ungarn
Date
1901-10-25
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 43 „Die # Welt46 Seite 5 dann aber alle Schrecken eines Unwetters hereinbrechen und ein endloser Strom prasselnder Eisgeschosse niederstürzt, so näherte sich im Frühsommer 1000 der Zug heimatlos gewordener rumänischer Juden unseren Landesgrenzen. Trotz der vorbereitenden Zeitlingsmeldungen war die ungarische Judenschaft überrascht, wie vom Schrecken gelähmt und ohne eine Spur von Organisation. Die energischesten und hellblickendsten Personen und Körperschaften bedurften eines ziemlichen Zeitraumes, um sich zu fassen und die Lage zu überschauen. Die Unglücklichen kamen auf verschiedenen Eisenbahnwegen, sowie. auch auf Schiffen und zu Fuss. An den Einbruchspunkten unserer Grenze und den Hauptstationen innerhalb derselben haben die ungarischen Juden, vom Anblick ihrer rumänischen Brüder tief gerührt, an Geld, Lebensmitteln, Kleidungsstücken und heroischer Mühsal ungeheure Opfer gebracht, die ihre Kräfte weit überstiegen. Die grösste Anerkennung gebärt den Juden in Kronstadt (Brasso), sowohl Orthodoxen als Neologen, mit ihren wackeren Rabbinern Albert Wözel und Dr. Bosenbaum an der Spitze. Wenn man heute wissen will, warum der Erfolg zu den ungeheuren Opfern nicht im entsprechenden Verhältnisse stand, möge man die Geschichte des Vorjahres zusammenstellen und studieren, zu der auch ich einen bescheidenen Beitrag zu liefern versuche, so weit es mir die Schranken der Discretion gestatten. Am 30. Juni 1000 erhielt ich vom Präsidiuni der orthodoxen Landeskanzlei eine vom 28. Juni datierte (ungarische) Zuschrift folgenden Inhaltes: „Sehr geehrter Herr! In Angelegenheit der rumänischen Judenauswanderer ist es nothwendig, in unserem eigenen Kreise Verfügungen zu treffen, damit nicht daraus für unsere hierländischen Glaubensgenossen eine Calamität entstehe. Ausser diesem Gesichtspunkte bestimmt uns auch das Elend unserer obdach- und vaterlandslos gewordener Mitmenschen, dass einestheils diejenigen, die ihren Weg über die ungarische Grenze nehmen, hier einigermassen Hilfe erhalten — andererseits zu verhüten, dass Missbräuehe begangen und Leute, die einer Hilfe unwürdig sind, zum Nacht Ii eile der Bedürftigen einer solchen theilhaftig werden. Die Hauptsache ist: das zur Hilfe nöthige Geld zu beschaffen, denn es darf nicht gestattet werden, dass die Durchreisenden dem ungarischen Staate oder der Gesellschaft zur Last fallen, da in einem solchen Falle, wie uns von competentester Seite bedeutet wurde, die Regierung eventuell nicht einmal den Durchzug gestatten würde. Infolge einer von competentester Seite erhaltenen Aufforderung ersuchen wir Sie daher, sich mit Dr. H. in Cs., S. B. in Seh.a Dr. Seh. in H.^ Israel Stein in Csik-Gyimes, L. IL in S. und dem Kronstädter Rabbiner Albert Wezcl ins Einvernehmen zu setzen, etwa in Kronstadt oder einer anderen geeigneten Centrumsstadt zur Berathung zusammenzutreten, die Modalitäten zu besprechen und festzustellen, wie die Hilfsaction einzuleiten wäre, besonders wie mit den rumänischen Hilfscomites in, Fi'hlung zu treten und unsere vaterländischen und ausländischen Glaubensgenossen zur materiellen Beisteuer aufzufordern wären. Ueber Ihr Verfahren und dessen Resultat erwarten wir Ihren gefälligen Bericht." Von der hohen Wichtigkeit dieses Gegenstandes ergriffen, zögerte ich keine Minute, schrieb sofort an zwei meiner Bekannten von den im Briefe der Kanzlei erwähnten Personen, ferner an mehrere Personen, die in dem Briefe nicht genannt sind und an den Rabbiner Alb. Wezel, 6er mir damals noch nicht persönlich bekannt war. Mit letzterem wechselte ich eine Zeitlang fast täglich mehrere Expressbriefe und Telegramme. Mein erstes Wort nacli allen Riehtungen war die Erklärung, dass ich bereit bin, zu welcher Zeit und in welcher Stadt immer auf meine eigenen Kosten zur Berathung zu erscheinen und die mir aufzuerlegenden Arbeiten zu leisten, ferner, dass — um dem erhaltenen Auftrage gemäss die weiten Kreise der ungarischen, ja auch der ausländischen Judenschaft zu gewinnen — es angezeigt wäre, unser enges Comite durch orthodoxe Autoritäten, deren Ansehen das unserige übersteigt, ja auch durch neologe Sommitäten zu erweitern. Am 1. Juli 1900 richtete an mich Rabbiner Wezel zwei Briefe, aus dem folgende Stellen verdienen, hervorgehoben zu werden: „ . . . Aus dem Grunde wäre es erwünscht, die Conferenz in Kronstadt abzuhalten, weil der grösste Theil der rumänischjüdischen Auswanderer unsere Stadt' passiert und" tagelang hier verweilt, infolge dessen man ihre Verhältnisse hier besser kennt und mehr Leute mitwirken können. Ich hoffe, dass Sie keine Zeit und Mühe sparen werden ..." Aus dem zweiten Briefe: „ . . . Nach Versendung meines Aufrufes machte ich einen kleinen Ausflug an die rumänische Grenze, kehrte um 7 Uhr zurück, als ich in den Tempel gehen musste und so komme ich erst jetzt um 8 Uhr abends dazu, Ihnen zu schreiben. Mit unaussprechlicher Freude erhielt und las ich Ihr w. Schreiben und freue mich besonders Ihres Versprechens, zur Confeienz zu kommen. . . Es ist nöthig; dass auch Sie, Herr Doctor, die Eingeladenen aneifern, am Sonntag unbedingt zu erseheinen. . . Vorige Woche war ich in Budapest und habe in erster Reihe Sie empfohlen, weil es mir bekannt ist, wie sehr Ihnen das Los der armen Verfolgten am Herzen liegt. Daher ersuche ich Sie schon jetzt, die Leitung der abzuhaltenden Conferenz zu übernehmen. Ich widme meine Zeit und geringe Fähigkeit der Sache und da ich der Grenze am nächsten wohne und in Rumänien viel Bekannte habe, werde ich trachten, mit den dortigen leitenden Kreisen in Contact zu treten. — Es wird vor allem nöthig sein, einen Aufruf zur Spende in ungarischer und deutscher Sprache ergehen zu lassen, für deren Verbreitung unsere Landeskanzlei sorgen wird. Ferner soll ein Memorandum verfasst und der Landeskanzlei unterbreitet werden, aus dem ersichtlich werde, wras nöthig und durchführbar wäre. Die Landeskanzlei wird unmittelbar, die Regierung mittelbar uns an die Hand gehen. — So weit es Ihnen Ihre Zeit gestattet, wollen Sie alle Ihre schriftlichen Vorbereitungen fertigstellen, denn Avie ich sehe, wird die Leitung und das Steuerruder der ganzen Angelegenheit unseren Händen überlassen bleiben. — Es ist keine Zeit zu verlieren, denn heute stehen wieder 200 Emigranten an der Grenze in Predcal, wo sie über Verfügung unserer Stadtpolizei aufgehalten werden. Sie erwarten Geld, um bis Wien zu fahren. Der rumänische Polizeichef hat erklärt, dass . . . Ich schreibe hastig und habe nicht einmal so viel Zeit, um dasselbe durchzulesen." Aus dem Briefe vom 2. Juli: „ . . . Meinetwegen kann die Bewegung auch von Klausenburg ausgehen und sollen auch die neologen Cultusgemeinden mit einbezogen werden. Nachdem cs aber der ausdrückliche Wunsch unserer Landeskanzlei ist, dass die Initiative ihrem Conto gutgebucht werde, und zwar aus einem edlen Motiv, und überdies die Dringlichkeit jede Verzögerung ausschliesst, so scheint es mir rathsam, dass die Eingeladenen die erste Conferenz Sonntag hier in Kronstadt abhalten sollen und wenn es dann nöthig ist, soll eine grössere und breitere Conferenz nach Klausenburg einberufen werden . . . Uebrigens schrieb ich gestern nach Budapest, dass es noth wendig wäre, vorläufig wenigstens die hiesige neologe Cultusgemeinde mit einzubeziehen, weil . . . Ich werde im Sinne der herabzulangenden Instruction verfügen. Falls Sie es für nöthig erachten, der Bewegung eine andere Richtung zu geben, wollen Sie sich unmittelbar mit der. Landeskanzlei ins Einvernehmen setzen, aber eine Verzögerung muss vermieden werden, damit nicht eine Action die andere verschlinge, da das Bessere stets der Feind des Guten ist. Ich bleibe stets und in jeder Richtung Ihr eifriger Mitarbeiter/' — Nachschrift: „Herr Israel Stein hat versprochen, an der Conferenz theil zunehmen." Aus dem zweiten Brief vom 2. Juli: „ . . . Soeben erfuhr ich, dass auf Ansuchen der Budapester Grossgemeinde die Staatsbalmdirection telegraphisch verfügt hat ... — Heute werden 126 Emigranten hier passieren, aber auf eigene Kosten. Gestern sind 50 durchgefahren.''''' Brief vom 3. Juli: „Bisher hat nur Stein sein Erscheinen zur Conferenz zugesagt, Dr. H. nur bedingungsweise. Die Landeskanzlei habe ich gebeten, auch die in Ihrem Briefe Genannten einzuladen, da dieselben meiner Einladung keine Folge leisten würden." Am 4. Juli: „Infolge des hiesigen Aufenthaltes des Handelsministers bin ich sehr beschäftigt . . . Im Interesse der Sache

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