Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Article
- Jüdische Wissenschaft
- Date
- 1901-10-25
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Das vorausgeschickt, werde ich ihn im Nachstehenden aus Zweckmässigkeitsgründen als „jüdische Wissenschaft* bezeichnen. Damit wäre unsere erste Frage: „Was ist jüdische Wissenschaft?" im Wesentlichen beantwortet. Eigentlich wissen wir aber auch schon ihren Zweck. Wir sollen jüdische Wissenschaft treiben, um das jüdische Volk in seinen Grundlagen, seiner Entwicklung, seiner gegenwärtigen Verfassung kennen zu lernen. Das hat eine doppelte Absicht. Zunächst die, das zu erkennen, was man liebt Dann aber auch aus dem Gegebenen zu erforschen, was unserem Volke noththut und was es zu erwarten hat, seine Bedürfnisse und seine Möglichkeiten. Die einen wie die anderen, um einen Plan jüdischer Politik grössten Stiles wissenschaftlich entwerfen zu können, d. h. um an das zu gehen, was wir als „Wissenschaft der Judenfrage" bezeichnet haben. Der Zweck ist also ein theoretisch-praktischer. Das Praktische an ihm mag sogar überwiegend sein. Nun ist es selbstverständlich, dass es nicht der richtige Weg wäre, wenn alle, die es angeht, sich durch sämmtliche^in Frage kommenden Disciplinen durcharbeiten und jeder sich selbst das Jüdische herausschälen müsste. Öas wäre eine Kraft- und Zeitvergeudung, die wir uns keineswegs gestatten können. Es werden vielmehr Mittel gesucht werden müssen, die es allen möglich machen würden, jüdische Wissenschaft einheitlich und systematisch zu studieren. Unter diesen Mitteln gibt es namentlich zwei, die ich das Werk und die Hochschule nennen möchte. Sie entsprechen der doppelten Function der Wissenschaft: der thätigen und der empfangenden. Ich habe bereits ausgeführt, warum die Jewish Encyclopaedia nur als eine Vorarbeit aufgefasst werden darf. Der jüdischen Wissenschaft wird ein Werk zu schaffen sein, das nicht nach lexikalischen (oder gar demonstrativen) Gesichtspunkten, sondern nach einem wissenschaftlichen Plane entstehen müsste. Biographica und Allgemeinheiten würden einer strengen Darstellung der naturwissenschaftlichen, historischen, sociologischen. Thatsachen und Zusammenhänge Platz machen müssen. Dieses Werk denke ich mir als Sammelschöpfung, an der die bedeutendsten jüdischen Gelehrten theilnehmen würden, jeder sich seiner Aufgabe als einer Mission bewusst, jeder das Seine selbständig und abgeschlossen gebend, und doch alle zusammen- und ineinanderwirkend. Dieses Werk wäre, vollendet, eine Etappe der geistigen Arbeit, von der aus man wohl schon versuchen könnte, in die Zukunft des jüdischen Volkes zu schauen. Von einer jüdischen Hochschule war in der jüngsten Zeit mehrfach die Rede. Der Gedanke lebte in den besten Juden dieser Tage. Er wurde auf dem Zionisten-Gongresse ausgesprochen. Dann tauchte er wiederholt in Zeitschriften auf. Dann in positiver Form in Amerika, durch die Persönlichkeit seines Apostels mit der Encyclopaedia zusammenhängend. Hierauf wieder Zeitschriftendiscussion. Aus alledem haben sich für mich einige Leitsätze herausgebildet, die namentlich zu der amerikanischen Gründung in entschiedenem Gegensatze stehen. Sie lauten, möglichst knapp und präcis gefasst: 1. Eine jüdische Hochschule ist eine Nothwendigkeit, als das Hauptmittel zur Heranbildung eines modern jüdisch denkenden Geschlechtes, als die Vorbereitung einer Zukunft für die jüdische Wissenschaft, als die Centrale der Bestrebungen einer geistigen Hebung unseres Volkes. % Der Lehrstoff der Hochschule ist die jüdische Wissenschaft oder Wissenschaft des Judenthums in dem von mir dargelegten Sinne. 3. Der Lehrstoff ist nicht nach dem hergebrachten unzulänglichen Schema „ Geschichte, Literatur, Theologie", sondern nach moderner wissenschaftlicher Methodik (etwa Anthropologie, Geschichte — worin selbstverständlich auch Literatur- und Religionsgeschichte eingeschlossen wäre — undSocialwissenscbaft) in Abtheilungen zu gliedern. 4. Der gegenwärtige Sitz