Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 42 (18.10.1901)
- Article
- Der Golem
- Date
- 1901-10-18
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die x> Welt" Nr. 42 hören, ich zwinge sie mir zu Dienst und Hilfe. Und sie sollen uns helfen, das Werk zu vollbringen. Denn es ist nahe an der Vollendung. Siehst Du, jeder Mensch ist mit einem Theilchen der Allseele begabt. Aus dein Urquell empfieng er es, zum Ocean kehrt es wieder. Von Gott geht es wieder zu Gott. Dieses Theilchen ist das Pfund Leben, mit dem er wuchern soll. Aber tausend Fesseln, Klammern, Gewichte drücken und pressen dieses Theilchen von allen Seiten: Was unsere Vorfahren gedacht und gethan, wandelt sich zum Bleigewichte der Ueberlieferung, was ulle unsere Mitmenschen denken und thun, wird zur Fessel der Sitte, des Vornrtheils, der Erziehung. Und so wird die Seele verkrümmt und verzerrt. Das Gefängnis des engen Körpers mit seiner Kleinlichkeit und Beschränktheit hemmt ihre Entwickhing, Die Thüren des Kerkers sind geschlossen, die Fenster, die ins Freie gehen, sind blind. Erst der Tod macht Thür und Fenster auf. (Jöttlich ist die Seele, bevor der Mensch geboren wird und. wenn er stirbt. Und solch einer göttlichen Seele weise ich dies Gefäss an." „Gebt Acht, Rabbi/' lispelte leise Rcb Simon, dass Euch das Experimentum nicht missräth, dass Euch die Seele nicht entschlüpft, ehe sie ihre Wanderung aus dem Leibe in die Gestalf; vollendet. Habt ihr Euch die Beschwörungsformeln gut gemerkt, wisst Ihr alle die Zeichen, denen die Elemente gehorchen? Lasset uns den Gang des Mysteriums noch einmal im Geiste verfolgen. Vieles kann ich Euch noch vertrauen, das Ihr nicht wisst. Wieder komme ich aus Indien. Dort sind weise Männer dem grossen Geheimnis der wandelnden' Mcnschenseele näher, als wir ahnen können. Dort habe ich mit diesen meinen Augen das Werk vollenden gesehen, vor dessen Beginne Ihr jetzt steht. Lasst mich Euch davon berichten!" Wie 1 dichter im nächtlichen Dunkel sich sufchen und haschen und sich umkreisen, so zuckten die Blicke der beiden Manner umeinander. Dann wurde es still im Zimmer, im Flüsterton schlang sich Wort um Wort. Manchmal nur flammte eines in der Erregung heftiger auf. Der Rabbi war tief in seinen Nessel zurückgesunken, und über ihn gebeugt hockte das kleine Männchen, wie ein Käuzeben zu Häupten des Adlers. III. Beb Simon war längst gegangen. Noch immer sass der Rabbi unbeweglich; die Hände hatte er über die Knie verschränkt, den Oberleib gekrümmt, den - Kopf zurückgeworfen. So starrte er mit aufgerissenen Augen vor sich hin. Das grosse Mysterium! Ks war möglich, ihm erreichbar. Er hielt den Schlüssel in den Händen. Wie herrlich würde sich Gottes Natur kund thun; in der reinen, freien Meiischcnseele! Was wäre ihr erstes Wort, ikue erste That? Ein Hosianna der Kraft, eine Offenbarung der Kraft, die die Mutter der Allseele ist 3 Wie spricht die Kraft, wenn ihr eine Zunge gegeben wird zu reden? Gottes Wort wird ihr entströmen, das gewaltige Wort: „So spreche ich!" Krüppel, verbildete, in issgestaltete Krüppel sind ja die Seelen der Menschen: Haft und Zwang des Lebens lastet auf ihnen. Mit einem Rucke sie vom Zwange befreien, mit einem Riss die Bforten der Göttlichkeit öffnen — wer das vermöchte? Er konnte es, er, der hohe Rabbi Löwe! Vor ihm stand das reine Gefäss, herrlich anzuschauen. Und es verlangte nach seinem Inhalt. Aus seinen Träumen weckte den Rabbi ein Lärmen empor. Die Treppe herauf keuchte es schwer und hart. Die Thür ward aufgerissen, und herein wankte, herein fiel ein unseliger Mann. Klein und hässlieh, verwachsen, mit einem lahmen Bein und einer schiefen Schulter, ein Zwerg beinahe mit einem übergrossem Kopfe, aus dem zwei grosse, dunkle Augen brannten, so lehnte er erschöpft am Thürpfosten. Die Kleider waren zerrissen und schmutzbedeckt, Blut lief ihm die Wangen entlang in den dichten schwarzen Bart, blutig waren seine Hände. Entsetzt sprang der Rabbi auf. Dali war Elasar, sein zukünftiger Eidam. „Elasar, wo kommst Du her, was ist Dir geschehen?"' schrie er ihm entgegen. Elasar athmete stockend und hatte Mühe, ein Wort herauszubringen. Er lallte, verzerrte den Mund, als ob er lachen oder weinen wollte, griff mit den Fingern krallend in die Luft, taumelte vorwärts. Der Rabbi Heng ihn in seinen Armen auf und trug ihn, wie man ein Kind trägt, auf das Ruhebett. Dann wusch er ihm das Gesicht und untersuchte die Wunden. Sie rührten von Stein würfen her. Aus den kurzen Worten, die jetzt stossweise zwischen den knirschenden Zähnen hervorkamen, konnte der Rabbi sich bald ein ungefähres Bild dessen machen, was geschehen war. Elasar war drüben auf dem Hradschin mit ein paar übermüthigen Junkern, die des Weges kamen und ihn hänseln wollten, wie man eben einen hässlichen, verwachsenen Juden zu necken pflegt, in Streit gerathen. Und der Jude hatte sich zur Wehr gesetzt, wirklich und wahrhaftig, als wäre er gar kein Jude, sondern ein Mensch wie andere, die Ehre im Leibe haben und sie zu vertheidigen wissen. Als der Jude so that und frech vorgab, auch eine Ehre zu haben und sich in unverschämtem Hochmuth dazu nicht hergeben wollte, den Junkern als Spielzeug zu dienen, wandelte sich die lustige Laune der adeligen Herren, die ja bloss einen Spass mit dem buckligen Menschen machen wollten, in Zorn und Wuth. Im Nu war eine rechte Hetze im Gange, denn das Volk auf der Strasse nahm selbstverständlich für die beleidigten und gekränkten Junker Partei. In toller Jagd gieng es den Berg hinunter, über die Brücke, in die Altstadt, ins Judenviertel hinein. Die Jagd war furchtbar lustig, und einige Junker konnten sie gar nicht bis zu Ende mitmachen. Sie mussten am Wege stehen bleiben. Das Bachen schüttelte sie so, dass sie nicht weiter laufen konnten. In den engen (lassen des Ghettos gelang es endlieh Elasar, seinen Verfolgern zu entkommen. Mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft flüchtete er in das Haus des Rabbi. Und jetzt war seine Kruft völlig zu Ende. Er brach in sich zusammen, Erschöpfung und Schmerz legten ihm schweren bleiernen Schlaf auf die Lider. Der Rabbi beugte sich über ihn. Welch tiefer Schatz von edlem Gefühl, von männlicher Gesinnung, von Herzensweisheit lag in der Brust dieses hässlichen Menschen! Würde aber je Esther seinen wahren Wert erkennen, würde sie je das geringe Gefäss, das kostbaren Inhalt barg, vergessen können? Der Rabbi hoffte es von seiner Tochter. Er. ein Seelenkundiger und Herzenprüfer, hatte Elasars Liebe und Herz gewogen. Das Glück seiner Tochter hatte er in die andere Wagschale gelegt und das Zünglein blieb gerade. Und während er sich sorgenvoll über den Schlafenden beugte und mit leiser Hand ihm die vom Schweiss zusammengeklebten Haare zurückstrich, kam ihm plötzlich ein Gedanke. Dieser Gedanke befiel ihn wie ein Thier, das im Sprung sich auf des Menschen Brust stürzt. So stark war der Stoss, mit dem er ihn anfiel, dass der Rabbi zurücktaumelte. War es nicht Schickung, dass gerade jetzt, wo der Rabbi an sein Mysterium (lachte, ein Schlafender in seinem Zimmer lag, ein Schlafender, dessen Seele würdig war, in reinem Gefässe zu wohnen? Nur für eine Stunde sollte sie ihr Haus gegen ein anderes vertauschen. Wenn Elasar erwachte, war sie längst wieder in ihr enges Gefängnis zurückgekehrt, und wie ein blasser Traum haftete in ihr die Erinnerung an die Freiheit. Doch zauderte der Rabbi. Denn sein Werk erschien ihm mit einemmale wie ein sündhafter Eingriff in die Rechte Gottes, wie eine Ueherhebung menschlicher Kraft, wie eine Einflüsterung jener Dämonen, die im Zwisehenreieh des Todes hausen. In kurzen heftigen Schlägen des Ja und Nein rang in seiner Brust Wille und Zaudern, und mit einem gewaltigen Ruck, wie ein Schiller den Kahn mit einem Fusse vom Ufer stösst, siegte der Wille. Schweigend gieng der Rabbi ans Werk. Er schob die Lehmgestalt heran und stellte sie zu Häupten des Schlafenden. Er entzündete im Tiegel die Mischung von Kräutern und Metalien, er zog neue Kreise auf dem Boden. Dann rief er die vier Elemente zur Arbeit und, Hilfe. Er streute Sand vor sich hin und beschwor die Erde, ihr Gebildezu tragen. Er schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und bespritzte die Gestalt und den Schlafenden und beschwor das Wasser, der Seele seinen Fluss zu lehren, er hob ein brennend Scheit Holz vom Ofen, fuhr mit der Flamme im Bogen von Mittag zu Mitternacht und beschwor die Flamme, die Seele nicht erkalten zu lassen auf ihrer Wanderung. Und er streckte seinen Arm empor und beschwor die Luft, den Athem anzuhalten, wenn die Seele ihr Wohnung verliesse, um in die neue Hülle zu schlüpfen. Dann begann er die Formeln zu sprechen lind die Zeichen zu machen. Manchmal hielt er inne. Dann sah er den Schlafenden vor sich und horchte auf seine Athemzüge. Und die Lehmgestalt stand unbeweglich, starr und steif. Der Rabbi nahm sein