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Die Welt · 1901-10-18 · 42 (18.10.1901) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
42 (18.10.1901)
Article
Bei Georg Brandes
Date
1901-10-18
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 m® & Welt?* Nr. 42 eigentümlichen Interesse dieses pikante Schauspiel verfolgt. — jawohl, entgegnete Brandes lebhaft, das, was Sie sagen, haben wohl die Zeitungen geschrieben, aber, ich versichere Sie, es ist kein Wort wahr daran. Die polnischen Schlachzizen sind die vorurtheilfreiesten Menschen, die mir je begegnet sind, sie hegen auch, wie ich wahrnehmen konnte, keinerlei Hass gegen die einheimische jüdische Bevölkerung. Als ich mit einigen mir befreundeten Herren durch die Lemberger Judengasse gieng und mein Erstaunen über die unglaublich verkommenen Gestalten äusserte, die mir begegneten, meinten meine Begleiter, die galizischen Juden hätten keinen Grund zur Klage, ihr Aeusseres sei durchaus kein richtiger Massslab für die Beurlheilung ihrer wirtschaftlichen Lage, dieselbe sei durchaus nicht so schlimm . . . Ein Interview, das Brandes in Lemberg mit einem polnischen Journalisten gehabt, führte uns endlich auf das Gebiet des Zionismu s, auf den B randes durchaus nicht gut zu sprechen ist. Der ruhige Weltmann, der alles versteht und alles verzeihi, wurde plötzlich heftig, ja zornig. — Sind Sie vielleicht auch ZionistV frug er mich in einem Tone, wie wenn er wissen wollte, ob ich an irgendeinem staatsgefährlichen Verbrechen betheiligt bin. — Jawohl, meinte ich, und noch dazu einer, der sein ganzes bescheidenes Können in den Dienst dieser Bewegung zu stellen bemüht ist. Er wurde innner heftiger. — Wollen Sie also, dass die Juden in der Türkei dorthin gelangen, wo eben jetzt die drei Millionen Armenier angelangt sind? Wo denken Sie hin? — Das wollen wir durchaus nicht, erwiderte ich. Ehen deshalb soll die jüdische Ansiedlung in Palästina durch öffentlich - rechtliche Garantien sichergestellt werden. Er lachte mit bitterem Hohn. — Garantien? 0, wir wissen schon, was diese Garantien wert sind. Es gibt keine Spur von Moral in den internationalen Beziehungen. Warum werden jetzt die Dänen aus Deutschland verjagt? Wo sind die öffentlich-rechtlichen Garantien? Und kein grosses Blatt in Deutschland und in Oesterreich hat den Muth, meinen Protest gegen die Barbarei zu drucken, (benannte einige grosse Zeitungen.) Sie werden übrigens noch diese Wroche diesen Protest in Hardens „Zukunft" lesen können. Es ist also nichts mit den Garantien. Hat nicht der Berliner Congress für die rumänischen Juden Garantien geschaffen? Und sind Sie zufrieden mit den rumänischen Juden? Ich schwieg eine Weile. Unser Gespräch war an einen Punkt gelangt, wo die .,reine Vernunft" nicht mehr ausreicht. Kann man die Wiedergeburt eines Volkes wie ein Rechenexempel tradieren? Und gibt es nicht eine weite grosse Welt jenseits vom politischen Einmaleins? Da hilft also kein Debattieren. Wer nur mit dem liechenstift in der Bland sich seine politischen Ueberzeugungen bildet, der wird nie Zionist sein. Es gehört eben unsere ganze Begeisterung und der ganze grenzenlose Glaube an die Gerechtigkeit unserer Sache dazu, um uns durch derartige, aus der „Logik der Thatsachen" hergebrachte Einwendungen nicht enünuthigen zu lassen. *) *) Dr. Ehrenpreis scheint uns auf die Einwände Georg Brande s' nicht ganz die richtige Antwort gegeben zu haben. Brandes hat offenbar die Art der öffentlichrechtlichen Garantien, die wir anstreben, miss verstau den. Wir meinen Garantien ganz anderer Art, als die sind, die der Berliner Congress festgesetzt hat. Anm. der Red. Nach einer Weile sagte ich: Für die Ewigkeit kann sich schliesslich kein Volk assecurieren. Uebrigens ist ja das nicht alles, was der Zionismus will. Der Zionismus ist ja auch eine Erlösung für diejenigen Juden, die in ihren Wohnsitzen bleiben. Er will ihnen ihre geistige Heimat wiedergeben, ihren nationalen Lebensinhalt, ihre Sprache, ihre eigene historische Cultur. Jetzt leuchteten seine Augen mit einem eigentümlichen Glänze. — Sehen Sie, das ist eine grosse, eine herrliche Idee, aber davon verstehe ich leider nichts. Ich bin ein Däne und werde mir das von niemandem nehmen lassen. Ich habe mein Leben lang mit dein Blu e meines Herzens für Dänemarks Freiheit, für Dänemarks Blüte und Forlschritt geschrieben, und ich werde es nicht aufhören zu thun, bis zu meinem letzten Athemzuge. Wenige Minuten nachher war ich wieder in meinem Hotel, und ich konnte an jenem Abend nicht mehr die trüben Gedanken los werden, die dieses Gespräch in mir wachrief. Nur eine jahrtausendlange Verbannung, nur eine jahrlausendlange verkehrte Erziehung und Lebensweise konnten dieses erschütternde Phänomen hervorbringen, unter dessen Eindrucke ich eben stand. Dieser merkwürdige Mann, der mit den feinsten geistigen Organen ausgestattet ist, der Ohr und Auge hat für die verborgensten Regungen menschlicher Cultur, der sich chamäleonartig in jede nationale Eigenart hineinleben kann, der in Berlin die romantische Schule studiert, John Stuart Mill in seinem Landhause bei London aufsucht, der in Warschau die jungpolnische Poesie und in Leyden und Utrecht die holländische Malerei studiert — er hat kein Ohr und kein Auge und kein Organ für die unvergleichliche geistige Schaffenskraft des jüdischen Volkes, dessen Kind er ist. Er, der für die Rechte der Finnen eintritt und ergreilende Worte für die Wiederherstellung Polens lindet, k a n n d e n G e d a n k e n nicht vertragen, dass auch sein Volk sich befreien will. Wie tief muss ein Volk gesunken sein, wenn sich seine besten Söhne so grauenhaft von ihm abwenden! Georg Brandes erschien mir an jenem Abend, als eine weithin sichtbare Säule, die die Geschichte zur Warnung auf unseren Weg gestellt und auf der mit deutlicher Schrift geschrieben steht: „Achtung!" Sophia. Rabbiner Dr. M. E h r e n p reis. Zur Psychologie der jüdischen Gemeindestuben. i. Wien. In der Wiener Cultusgemeinde wird man es auch langsam erlernen : 1. Die reichsten Leute nicht immer für die gescheitesten anzusehen. Ll. Mit den kleineren Steuerzahlern sehr höflich und sein* zuvorkommend zu verkehren, weil man sich mit dem Gegentheile die Finger bedeutend verbrannt hat. Der Fall liegt folgendermassen : Die Simmeringer Juden, äusserst brave und liebenswürdige Leute, bauten einen kleinen Tempel, wozu ihnen die Cultusgeineinde eine Subvention versprach und gab. Man wird wirklich gerührt, wenn man hört, wie diese kleinen Leute sich sorgten und anstrengten, um zur Befriedigung ihres jüdischen Gefühles das ihre beizutragen. Da gibt es aber im Bezirke einen reichen Mann, der wenig Geld, aber viele Worte verschwendet, der aber bei der Gemeinde nach löblichem Herkommen einen ebenso grossen moralischen Creditbrief hat wie einen finanziellen in der Bank. Und als

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