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Die Welt · 1901-10-18 · 42 (18.10.1901) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
42 (18.10.1901)
Article
Bei Georg Brandes
Date
1901-10-18
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 42 „Die # Welt«* Seite 5 Noratrotz im knorrigen Antitze. Hier fängt man an, Ibsens Frauengestalten zu verstehen und an sie zu glauben: jenes sonderbare Gemisch von weiblicher Innigkeit des Empfindens mit männlicher Energie des Handelns. In einer entlegenen und ruhigen Strasse hielt der Wagen vor einem recht bescheidenen Hause, in dessen Parterre ein nicht minder bescheidenes Wirtshaus für Schiffsarbeiter etabliert ist. Im Vorzimmer wartend, höre ich die greisenhafte, fast kreischende Stimme eines Kranken. Ich trete in ein weites, spärlich möblirtes Zimmer, in dessen Mitte ein aufgedecktes Bett an einem Schreibtische steht. Hier sitzt Georg Brandes, von einer mehrmonatlichen schweren Krankheit noch nicht völlig genesen, und liest Correcturen. Mein Gewissen regt sich. Es thut mir eigentlich leid, dass ich gekommen bin, diesem kranken, vielgeplagten Manne eine Stunde zu rauben. Ich stammle schuldbewusst einige Redensarten, indes Brandes sich mühsam zu einem Fauteuil hinschleppt, indem er mir sich gegenüber Platz anweist. Jetzt kann ich ihn betrachten. Er ist eher gross als klein, sein ausdrucksvoller, grosser Kopf sitzt auf ebenmässigen Schultern, das ganze Gesicht trägt den Ausdruck herber Verbissenheit, welche mitunter unangenehm berührt. Man sieht, das ist ein Mann, der sich über gar zu viele Dinge ärgert. Ich theile ihm mit, ich sei gekommen, um seine Erlaubnis für eine hebräische Uebersetzung seiner Essays einzuholen, die ich vorbereite, und die bei „Tusehija" in Warschau erscheinen soll. — Also mich wollen Sie ins Hebräische übersetzen? Ja, geht denn das; wie wollen Sie das überhaupt machen? Ich erzähle ihm von dem gegenwärtigen Entwicklungsstadium der hebräischen Sprache und ihrer Literatur. Ich mache ihm klar, dass ich ihn nicht etwa in die Sprache Jesajas übersetzen will, das gienge wirklich nicht, aber dass wir heute eine neue Sprache haben, ein lebendiges Product der lebendigen Gegenwart, dass diese Sprache von hunderttausende!! von Juden verstanden und gepflegt wird, dass sie sich gegenwärtig in den Dienst alles Grossen und Edlen stellt, was Menschenherzen bewegt, und dass wir, die j un g en Jude n, uns eben daran machen, in dieses neue Gefäss einen neuen Inhalt zu geben. Ich erzähle ihm von der grossen Gährung im inneren Geistesleben der Juden, von dem eben begonnenen Kampfe zwischen Alten und Jungen; ich erzähle ihm, wie wir uns ehrlich bemühen, die Mauern des geistigen Ghettos zu sprengen und die Resultate der gesammteuropäischen Gultur in die enge Judengasse hineinzuleiten, und schliesslich, dass die geplante hebräische Uebersetzung seiner Abhandlungen mit diesen Tendenzen eben zusammenhänge. Er hört mir gespannt zu — dieser wundervolle Redner kann auch herrlich zuhören — und seine grossen, fragenden Augen ruhen ungläubig auf mir. Er, der grosse Literaturenbummler, der sich in den entlegensten Literaturwinkeln heimisch fühlt, hat von diesem Bezirk noch nie gehört, auf seiner literarischen Landkarte ist diese Provinz nicht vorhanden. Er weiss von jüdischen Wucherern und jüdischen Trödlern, allenfalls auch von jüdischen Finanzbaronen und Börsenhelden, aber dass in diesem morschen Organismus noch eine grosse Seele lebt, die in tausend Flammenzungen ihre eigene Sprache redet, ihren grossen Schmerz besingt und ihre grosse Hoffnung — das weiss er nicht, dieser grosse Literaturphilosoph, der ein so kleiner Jude ist. — Das alles ist eigentlich merkwürdig, erwiderte er nachdenklich. Dass ich fast so gar nichts vom Hebräischen verstehe! Ja, sehen Sie, das macht der Unterricht. Wir hatten da auf der Religionsschule so ein unbeholfenes Ding von einem Lehrer, der uns allerhand unnützes Zeug vorschwatzte und Sie sehen, es ist nichts dabei herausgekommen. Unversehens gerathen wir in ein lebhaftes, buntes CJespräch, über Menschen und Dinge dahingleitend. Brandes spricht mit einer jugendlichen Lebhaftigkeit über Strömungen und Persönlichkeiten der zeitgenössischen Literatur und Politik. Man staunt, weiche Fülle persönlicher Erinnerungen in diesem Kopfe lebendig sind. Er streift im Fluge seinen persönlichen Freund Ibsen, und mit einer verächtlichen Handbewegung thut er die oft wiederholte Behauptung ab, als ob dieser unter dem Einflüsse Nietzsches stünde. „Das sind Ammenmärchen," meint er. „Ibsen steht überhaupt nicht unter irgend jemandes Einfluss, denn er liest gar keine Bücher; und was speeiell Nietzsche anbelangt, so trug er mich gelegentlich unseres letzten Beisammenseins, „ob denn eigentlich was los sei mit diesem N i e t z s c h e, von dem jetzt so viel geredet werde". Wir kommen auf B a m b e r g e r und S t e i n t h a 1 zu sprechen, die gerade in jenen Tagen gestorben sind und über die Brandes im „Politiker", dessen Mitredacteur er ist, an jenem Tage einen Essay geschrieben. Brandes spricht mit Begeisterung von Steinthal, in dessen Hause in Berlin er aus- und eingieng. Auch Bamberger stand er persönlich nahe. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieses umfassenden Geistes, dass so verschieden geartete Persönlichkeiten, wie Bamberger und S t e i n t h a 1, in gleichem Masse Interesse und Verständnis bei ihm finden. Die Erwähnung seines Buches über „Polen", das ihm die grössten Huldigungen der leitenden polnischen Kreise, aber in gleichem Masse auch den grimmigen Hass der galizischen Ruthenen eingebracht, lenkte unser Gespräch aut seinen kurz vorher stattgehabten Besuch in Lemberg, wo er von den Häuptern der polnischen Schlachta in ungewöhnlicher Weise fetirt und gehätschelt wurde. Brandes kann nicht genug von der gewinnenden Liebenswürdigkeit der Polen erzählen und von der besonders rücksichtsvollen Sorgfalt, mit der sie ihn bewirteten. Es ist aber doch aufgefallen, erlaubte ich mir in diesem Zusammenhange zu bemerken, dass Sie keine Gelegenheit nahmen, auch den jüdischen Kreisen in Lemberg irgendwie näherzutreten? — Ja, sehen Sie, das gieng nicht. Auch die Ruthenen konnten es mir nicht verzeihen, dass ich trotz ihrer Einladung in ihrer Mitte nicht erschienen; ich war eben Gast der Polen. Darauf ich: Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen aufrichtig sage, dass der Empfang, den sie bei der polnischen Schlachta gefunden, eine der heitersten Ironien der Geschichte war. Die polnische Schlachta, diese bitterste Hasserin des Judenthums, die einem Juden nie anders als mit tiefster Verachtung entgegentreten kann, sie sah in Ihnen den grossen Schriftsteller, der ihrer Sache durch Ihr Buch über Polen einen so grossen Dienst geleistet. Sie hatten also ein Bedürfnis, Ihnen in Lemberg — wie böse Zungen meinen, ohne über Ihr Judenthum informiert zu sein ihre Dankbarkeit zu bezeugen. Eingeweihte haben mit einem

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