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Die Welt · 1901-10-11 · 41 (11.10.1901) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
41 (11.10.1901)
Article
Die jüdisch sprechenden Juden und ihre Bühne
Date
1901-10-11
Page
12 (sequence 3)
Language
German
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Seite 12 „Die # Welt4* Nr. 41 eben der Romantik unbrauchbarer ist als die jüdische. Die; hebräische eignet sich doch wenigstens als Ausdrueksmittel für das auf religiösem (Gebiete sieh auslebende, reiche, echte Pathos der rinden; die jüdische hiefiir nur in beschränktem Masse, gunz gewiss aber nicht für ein Talmipathos. In der Athmosphäre, in der sich das /Jüdische bildete, gab es ja auch nicht die Spur irgend einer geschichtlichen Gloire, die zu verhimmeln wäre, und so Mich es eine dunstfreie, urwüchsige,, drastische, tief humorvolle Sprache, in der jede Cieschwollenheit und Getragenheit geradezu komisch wirkt. Darum reizen ja auch die Gespreiztheiten der historischen Stücke Goldfadens zum Lachen, und zwar nicht bloss deutsch-jüdische Zuhörer — für die es ja zum Lachen genügt, das? Heldenrollen „gemauschelt" werden, manchmal auch schon, dass man ihnen „jüdische Helden" glaubhaft macheu will — sondern auch das jüdisch sprechende Publicum. Es ist ein verlegenes Lachen. Die Leute fühlen die Maskerade, das Unorganische, den inneren Widerspruch dieser Tiradcn zu ihrem Leben und ihrer Sprache. Wie ganz anders brüllen sie auf, wenn sich Goldfaden selbst ins Gesicht schlägt, indem er mitten in das pathetischtragische Gerassel die Witze seiner gut- und bösartigen Schalke 1.»ineinwirfL Diese packenden, schneidigen und doch so verständnisvollen und gutmüthigen Spässe — die übrigens für uns kritische Geniesser etwas Shakespeare'sches hätten, wenn sie nicht in ein pathetisches Schemenhcklentlium, sondern in wirklich grosse und tragische Meiisehenschicksale hineinpoltern würden — fühlt das Volk als Geist von seinem Geiste. Natürlich sind damit auch die Gegenwartsstücke reichlich gespickt. Diese selbst überragen übrigens die historischen Stücke nur um Weniges. Fehlt ihnen auch der romantisch-tendenziöse Anreiz zur Ueberschwänglichkeit, zum hohlen Pathos, so treten dafür in ihnen die Hauptgcbreeben der Goldfaden'schen Bühnenwerke umso greller hervor. Diese sind, um es kurz zu sagen : Der Mangel jedweder Motivierung des Fortschreitenden und des Endgeschehens und das Fehlen jeglicher echter, lebenspiegelnder Handlung. Damit ist nun freilich Goldfaden als Dramatiker gerichtet, doch seine Bedeutung für die jüdische Bühne und die Bedeutung dieser selbst ist damit, nicht aufgehoben. Wir erkennen das am besten, wenn wir sehen, womit er die groben Lücken seines Talentes auszufüllen sucht. Für die Thatenmotivierung bietet er uns ' nur eine nicht üble, humorvolle Zeichnung der einzelnen Gestalten. Und statt einer sinnvollen Handlungsweise führt er uns bewegungsvolle Vorgänge vor. Die Bewegung vermehrt er durch musikalische Beigaben." Jedes seiner Werke, ist ein sogenanntes „Volksstück mit Gesang und Tanz". Durch alles das aber zeigt er. dass er diejenigen Anlagen besitzt, die ein Mann haben muss, welcher Stücke für ein Volk, wie das jüdisch sprechende, schreibt, das noch in der Periode der vordramatischen Bühne, in dieser aber allen Ernstes steht. Man darf nämlich nicht glauben, dass Goldfaden eine zufällige Erscheinung ist. die mit dem Volke, aus dem sie hervorgieng, nichts zu thun hat. Es ist ja richtig, Goldfaden ist ein Mensch, der sehr viel Sinn hat für theatralische Wirkung im allgemeinen, sowie für die Hilfswirkungen der scenisehen Gruppierung und des musikalischen Rhythmus, und demgemäss auch kein schlechter Regisseur zu sein scheint, der über ein bewunderungswürdiges Mass von Hingebung, Ausdauer und Energie verfügt, der in alle Geniren jüdisch sprechender Juden kam, um überall sein eigener Apostel zu sein. Das alles ist richtig, und doch ist er das nicht durch sich allein, sondern als Verkörperung des für die Bühne reif gewordenen Volkswillens. Sonst könnte er nicht als Einzelner alles sein wollen, sonst würden sich nicht immer neue jüdische Theater im Osten und im äussersten Westen erheben, an denen hunderte von Schauspielern, oft Künstler ersten Ranges, wirken, sonst würden aaich nicht die Massen schon jahrzehntelang Abend für Abend hinströmen, um dort ihr schönstes Vergnügen zu finden, und seine Lieder und Couplets in Text und Melodie Innauszutragen — in das Alltagsleben als Sang- und Sprachgut ihres Millionenvolkes. Die Masse der jüdisch sprechenden Juden — nicht eine einzelne noch so unternehmungslustige Person — ist es also, die eine jüdische Bühne will. Darum darf aber auch mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass diese Masse über kurz oder lang auch nach einem Drama verlangen, einen Dramenschöpfer schaffen wird. Dafür spricht einigermassen schon der Umstand, dass es ja Kunst in jüdischer Sprache, wenn auch nur lyrische und epische, schon gibt. Weit mehr spricht dafür, dass auch die deutschen Juden z. B. — übrigens durch ihren Anschluss an die Deutschen eines vordramatischen Bühnenstadiums enthoben — so reiche echt dramatische Begabungen hervorbrachten. Am beweiskräftigsten jedoch ist der Unistand, dass sich bisher — in der Urzeit sowohl als in letztvergangener Zeit — noch immer aus vordramatischen dramatische Bühnen entwickelt haben. Darin aber, dass diese Entwicklung so' hoch wahrscheinlich, so fast sicher ist, liegt vom jüdischen Culturstandpunkt der gewaltige Vorrang der jüdischen Dramenvor- und Anläufe vor den deutsch-jüdischen Dramen. „Agnes Jordan" mag ein Kunstwerk, „Die Kaprizne Mojd'' ein Machwerk sein — dennoch ist das deutsch-jüdische Milieudrama verdammt, ein Vasall des deutschen Dramas zu bleiben, während die jüdische Bühne ein neues selbstständiges jüdisches Drama zu schaffen berufen ist. Paniarlivi. Nach jüdischen Volksmotiven. Von Berthold Feiwel. I. Liebeslieder. Deine Wangen Wie rothe Röselein, Wie schwarze Kirschen Die Aeugelein, Wie Zucker süss Das Lippenpaar, Wie Sarnmet weich Das Lockenhaar. Die Händchen klein Wie Schnee so rein, Mein Herz und Dein'» Zusammengebunden — Und weiss doch keiner Von unseren Wunden. * Wohl steh? ich am Ufer, das Wasser ttiosst Und kann doch nicht kommen zu Dir. Wohl rufst Du von weitem mir zu und grüsst, Und kann doch nicht schwimmen zu Dir.*) * # * Verdunkelt meine Jugend, Mein Glück verstellt, Mein Herz gebrochen, Verfinstert die Welt. Es schwirrt mir im Kopf, Es erstarrt mein Blut, Wir beide im Grabe — Und alles war gut. Was willst Du, Mutter? Was quälst Du Dein Kind? Wofür soll ich büssen? Was ist meine Sünd'? Meine Liebe war freudlos, In Kummer und Leid Verwelk' ich wie Blumen In herbstlicher Zeit. *) Vgl. damit das deutsche „Es waren zwei Königskinder ..."

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