Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Article
- Die jüdisch sprechenden Juden und ihre Bühne
- Date
- 1901-10-11
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 41 ,Die & Welt6' Seite 11 mindest vier Fünfttheile des jüdischen Volkes umfassend, hat ihren besonderen Culturwert in ihrem »Stammsitze, dem slavischen Osteuropa, herausgebildet, beginnt aber eben, ihn auch nach anderen Ländern und YVelttheilen zu tragen. Mit dieser Gruppe und der Bedeutung ihrer Dramatik haben wir uns heute zu beschäftigen. Ja, aber . . . wir vertraten doch in den vorhergehenden Aufsätzen die Ansicht, dass den Juden ihre neue Fähigkeit, Dramen zu gemessen und zu schaffen, aus ihrem Eintritte in den King der internationalen Culturmensehheit erwuchs? Man müsste also auch bei den russischen und polnischen Juden von einem solchen Eintritt sprechen können? Kann man das? Gewiss, man niuss es sogar, wenn man die Spiessbürgerscheu vor dem Fremdartigen überwindet und sich die Sache ordentlich besieht. Nichts ist falscher, als die Gruppe, von der jetzt die Rede ist, mit der ersten orientalischen in einen Topf zu werfen. Der Fehler ist ungefähr — aber auch nur ungefähr — derselbe, wie wenn man den Hussen und Polen selbst ihr Europäerthum abspricht und sie den Asiaten zuzählt. So wie die Ostslaven ein lebendiges Glied der europäischen Culturmensehheit darstellen, die durch sie um Werte, Ideale, .Methoden. Persönlichkeiten mächtig bereichert wird, so wie sie, jenes gührende Vorwärts- und Aufwärtswollen in sich tragen, das sie von den Asiaten unterscheidet und sie als Europäer qualificiert — so ähnlich ist es mit den Juden, die unter ihnen wohnen. Nicht darauf kommt es an, das* jene in ihren Staatseinrichtungen und ihrem Kirchenwesen, diese in ihren Ghettis, ihren Bethäusern und Schulen, — alt-orientalische Elemente mit sich schleppen., sondern darauf, dass beiden das Hinausstreben aus alten zu immer neuen Dingen und Formen, das ewige Neu-Organisieren und An-sich-Bessern eigen ist. Wer das speeiell von den Juden aus dem slavischen Osteuropa nicht glauben mag, der sehe sie sieh doch genauer an, wie sie auf allen Gebieten den heinilichen Orientalen, der in ihnen wie übrigens noch in allen anderen europäischen Völkern steckt, immer mehr zusammendrücken, wie sie die Ketten des Aberglaubens brechen, wie sie sich über die Schranken primitiver Wirtschaftsformen hinwegsetzen, wtie sie ein arbeitendes und kämpfendes Proletariat herausbilden, endlich welch gewaltiger Drang nach einer Cultursprache in ihnen lebt. Da winden sich die einen zum Deutsehen, Russischen oder Polnischen durch; da schaffen sich andere vor unseren erstaunten Augen im 'Hebräischen ein elastisches Idiom, wie es der moderne Mensch braucht. Da klimmt endlich, was das Grossartigste ist, die angestammte Massenmundart, das ..Jüdische**, stetig aber gar nicht langsam zur europäischen Cultursprache empor. Dem Jüdischen wird viel Unrecht gethan. Von zwei Fronten her wird es gehöhnt. Auf der einen Seite von vielen Anhängern des Hebräischen, auf der anderen von den westeuropäischen Juden. Von den letzteren darf dies nicht wundernehmen. Sie, die von dem Wesen dieser Sprache im Grunde keine Ahnung haben, die zwischen ihr und dem rückständigen Gemauschel, das unter ihnen selbst noch herumspukt, nicht zu unterscheiden wissen, können ja nicht anders. Aber woher der Widerwille der anderen? ,,Jüdisch" soll eine fremde Sprache sein. Ist sie das wirklieh? Nur gegenwartsscheue. vergangenheitslüsterne Romantik kann es behaupten. Was ist denn „Jüdisch" anderes als das geradezu elassische Produet des härtesten Individualitätskampfes, als der lebengewordene wunderbare Widerstand der jüdischen Volksseele gegen ihre Verdeutschung. Was ist deutsch am Jüdischen? Im Grunde nichts als ein grosser, sagen wir der grösste Theil seines Vocabclschatzes. Aber auch der nur scheinbar. Denn wie ist doch jedes einzelne Wort entdeutscht, umgeprägt, umbeseelt, möchte man sagen. Prüder geworden den Wörtern hebräischer Abkunft, die auch nicht mehr hebräisch, sondern jüdisch sind. Doch da* Jüdische ist ein Ghettokind, ohne Adel. Man höre nur seine Misstönigkeit, dieses holperige Aechzen und Krächzen . . . Ob bei solchem Klangurtheilen nicht doch ein subjectives Empfinden die Hauptrolle spielt, das stark von vorgefaßten. Meinungen oder von einer gewissen Angst vor fremden. ungewohnten, leicht aburtheilenden Ohren beeinflusst ist? Und wenn auch nicht! Zugegeben, dass heute der Sprache noch die Annnith fehlt, niuss es für alle Zeiten so bleiben? Und liegt denn wirklich aller Adel einer Sprache nur im Wohllaut? Gewiss nicht, ebensowenig wie in der .Herkunft. Man sehe sich das Englische an. Hier ist innerer und persönlicher Adel. Solchem aber strebt auch das Jüdische zu, durch seinen Beichthum an Sprachquellen, durch seine innere geistige Einheit, durch seine allmähliche Anpassung an die geistigen Notwendigkeiten der europäischen Civilisation, durch seinen unmittelbaren innigen Zusammenhang mit dem Leben und Treiben, dem Schaffen und Pergen, dem Ahnen und Wollen des Volkes, der Massen des Volkes. Doch wozu eigentlich das alles? Kann doch keine ästhetische Kritik und kein romantisches Bedauern die Thatsache aus der Welt schaffen, dass das Jüdische von Tag zu Tag an europäisch-eivilisatorischer Lebendigkeil und Biegsamkeit gewinnt. Von dieser Thatsache. einem der strahlendsten Beweise des Eintrittes der jüdisch sprechenden Juden in den Bing der internationalen Culturmensehheit. giengen wir aus. und kehren nun zu ihr zurück als der nothwendigen Voraussetzung der jüdischen Dramatik. Auf allen anderen Gebieten der Literatur ist die hebräische Sprache nicht hinter der jüdischen zurückgeblieben. Ja, im wissenschaftlichen Schriftthuni steht sie sogar berghoch über ihr. Sozusagen mit J ugendbeinen klettert die l'ralte den Felsen der Hegriffe und Definitionen bis zu seinen alier jüngsten Gipfeln empor, während das junge Jüdisch noch zaghaft und wegschwach an <len untersten Abhängen klebt. Auch in der Publicistik kann noch ein Vorsprung des dieser nllermodernstcn Aufgabe übrigens durchaus gewachsenen Hebräisch angenommen werden. Gleichwertig dürften sieh die Leistungen beider Jdiomo. in der epischen und lyrischen Dichtung gegenüberstehen. Völlig umgekehrt aber hat sich das Verhältnis auf dem Boden des Dramas. Wie sollte, auch ein hebräisches Drama gedeihen, da doch dem Hebräischen — wenigstens bis auf Weiteres — die Bühne versagt ist 'i Nun aber ist die Bühne nicht etwa eine bloss mechanische Voraussetzung, die ein vom Drama gesondertes Leben führt. Auf den ersten HI ick kramte man es leicht glauben, zumal wenn man sich an den geläufigen Gegensatz zwischen Theatralischem und Dramatischem und daran (Minneri, wie oft auf den feinsten Drei lern und von den tüchtigsten Schauspielern drainaähnlicbe Albernheiten gegeben Verden, 'lud docdi ist dem nicht so. Vielmehr ist die .Bühne ebenso ein Produet. dramatischer Grundbofähigung eines Volkes, wie das Drama selbst, nur das zeitlich früher entstandene und minder entwickelte. Der dramatische Keim geht nämlich, wie wir im Artikel ..Ohne Drama'*'*) sahen, in der Seele des Volkes auf. wenn es Lust nach mehr Leben als dem wirklichen bekommt. Dann zimmert e> sich Bühnen, um sich selbstgeschaffenes Kxtraleben darauf vorzuführen. Dieses Kxtraleben ist fürs erste nur ein künstliches und erdichtetes. Mit der Zeit erst wird es auch ein künstlerisches und gedichtetes, wird aus dein Spielgenuss ein Kunstgenuss, aus dem Bühnenstück ein Drama. Hält man sich diese Stellung der Bühne in der Geschichte des Dramas vor Augen, dann wird man ruhig die Thatsa.che eonstatieren können, denn alles, was von jüdischen Theaterstücken existiert, auf den Namen dramatischer Dichtungen kaum Anspruch erheben darf, und wird doch zugeben müssen, dass der Grund zu einem jüdischen Drama gelegt ist. Die dramatische Produet ion in jüdischer Sprache Boss bisher fast ausschliesslich aus der Leder eines einzigen .Mannes, Abraham Goldfadens. Kr hat eine ganze Leihe von Stücken geschrieben, deren Stoffe er aus der Bibel und jüdischen Geschichte, sowie aus dem Gegenwart sieben der jüdisch sprechenden duden nahm. Ks ist nun beim besten Willen nicht möglich, den Werken dieses Mannes einen dichterischen, dramatischen Wert beizumessen. Am allerwenigsten seinen geschichtlichen Stücken. Wir finden da von historischer Milieuzeichnung keine Spur, dafür aber ein unerträgliches romantisch-tendenziöses, hohles Pathos. Doppelt unerträglich, weil keine Sprache der Welt für die Mätz- *) Die .AVcll" Nr. *>7 vom!•>. September.