Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Article
- Beiträge zur Kenntnis Palästinas
- Date
- 1901-10-11
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 41 ducenton werden aber nicht die Mittel besitzen, um sich die Maschinen anzuschaffen, und die Maschinen sind eben die ärgsten Feinde des Handwerks. Von alldem sehe ich schon ab. Leidet denn aber das jüdische Handwerk unter der Concurrenz der Grossindustrie? Keineswegs. Die jüdischen Handwerker Osteuropas hungern, weil es einen Ueberfluss an Handwerkern gibt. Im Kreise Minsk zum Beispiel entfällt ein Handwerksmeister auf jeden siebenten städtischen Bewohner. Hier kann keine Productivgenossenschaft nützen. Es wurde auch von der Stärkung des Zwischenhandels und von der Gründung von Creditvereinen gesprochen. Ich will schon davon absehen, dass es keineswegs im Sinne der zionistischen Bewegung liegt, den Typus des jüdischen Zwischenhändlers zu züchten. Ich will auch davon absehen, dass im Gegentheil Zweck und Aufgabe der zionistischen Bewegung sein soll, nicht nur eine jüdische Gesellschaft ins Leben zu rufen, sondern auch die Veränderung der ökonomischen Lebensweise der Juden herbeizuführen, aus dem jüdischen Handelskrämer- und Handwerkervolke ein landwirtschaftlich und industriell arbeitendes Volk zu machen. Hiervon sehe ich schon ab. Kann denn überhaupt der Zwischenhandel gestärkt werden? Ist denn nicht das Elend der Zwischenhändler darauf zurückzuführen, dass auf je zwei Häuser ein Geschäft vorkommt? Und die Creditvereine? Wem sollen sie Credit gewähren? Den Handwerkern oder Händlern, die infolge der relativen Geberbevölkerung keinen Absatz haben? Hat uns denn nicht die Geschichte der bisherigen Gewerbe- und Volksbanken in dem schon viel besser situierten Westeuropa gezeigt, dass die Banken entweder verkrachen müssen, wenn sie sich mit den kleinen Leuten abgeben, oder zu grosscapitalistischen Instituten sich ausbilden müssen, wenn sie existieren wollen. Also bleiben noch die Consumvereine. Wie Consumvereine den jüdischen Massen helfen können, ist mir unverständlich. Die Consumvereine sollen die Consumenten, insbesondere die Arbeiter vor der Ausbeutung durch denZwischenhandel schützen, Zweck der Consumvereine ist, den Handelsprofit aus der Welt zu schaffen. Nun sollen einmal die Consumvereine den jüdischen Händlern helfen! Sollen sie vielleicht den jüdischen Handwerker oder Arbeiter vor dem jüdischen Zwischenhändler schützen? Damit könnte ich schliesslich mich einverstanden erklären. Was wird aber hierzu die grosse Masse der jüdischen Zwischenhändler sagen? Gewiss gebe ich zu. dass. sobald jüdische Colonien begründet würden, es im Interesse einer gesunden Sozialpolitik liegen müsste. die Colonisten. als Producenten in den landwirtschaftlichen, als Consumenten in den Consumgenossenschatten zu organisieren, dass eine jede Colonie ihre Spar- und Leiheasse haben und der Verband aller Gassen die Gesammt-Volksbank bilden solle. Dem gegenwärtigen jüdischen Elend kann aber keineswegs durch Genossenschaften abgeholfen werden. Die wirtschaftlichen Fragen, die uns beschäftigen sollen, sind ganz anderer Art. Wir müssen uns vor allem genaue Kenntnisse des Landes verschaffen, in dem colonisiert werden solle. Wir müssen weiter die Verhältnisse ganz genau studieren, um zu wissen, welche Erzeugnisse erzeugt werden können, aber auch ob für diese Producte dann ein Absatzgebiet vorhanden war. Wir müssen im Klaren sein über den Modus, die Art und Weise der Colonisation, über die allen wichtigen Fragen der Wirtschafts- und Colonialpolitik. Freilich können diese Fragen durch keine Commissionen gelöst werden, auch wenn die Cohimissionen ständige, aus Fachmännern bestehende Ausschüsse sein sollten. Zur Lösung dieser Frage ist eine ständige Behörde nothwendig, ein Ministerium der Volkswirtschaft sui generis, ein jüdisches Colonisations-Secretariat. Darüber will ich mich in einem nächsten Artikel aussprechen. (Anm. d. Red. Wir bringen diese interessanten Ausführungen unseres Züricher Gesinnungsgenossen, ohne uns mit deren Inhalt völlig zu identificieren.) Beiträge zur Kenntnis Palästinas. Von A. Aaronsohn und Dr. S. Soskin (Zichron-Jacob). (Mittheilungen des „Agronomisch-culturtechnischen Bureaus für Palästina".) Vom Wunsche geleitet, die arabische Rebencultur an Ort und Stelle gcnawior kennen zu lernen, begaben wir uns nach E s - S a 1 t, dem wichtigsten Prv^duetionsoite derselben. Es-Salt und Transjordaiiicn im allgemeinen werden so selten von den Touristen, besonders den jüdischen (wenn es überhaupt solche gibt), eines Besuches gewürdigt, dass wir glauben, einem Bedürfnis zu entsprechen, wenn wir hier dem zionistischen Publicum, das praktische Interesse vor allem im Auge behaltend, unsere lleiseeindrücke schildern. 1 :nsere Reise umfasste vier grosse Etappen: wir giengen von Zichron-Jacob zuerst nach Nu bulus, von da wandten wir uns dem transjordanischen Gebiete, nämlich Es-Salt, zu, dann stiegen wir, nach unserer Eückkehr von Es-Salt, von JSTabulus ins Gebiet von B e i s a n hinab,, um von dort den Heiniweg nach Zichron-Jacob einzuschlagen. Angesichts der Thatsaehe, dass wohl wenige Leser dieser Zeitschrift unserem Fache angehören, wollen wir im Verlaufe unserer Darlegungen möglichst wenig spcciell technische Ausdrücke gebrauchen. Wir werden von der Flora nicht mehr, als dasjenige anzeigen, was zur Charakterisierung der Gegend gehört, zugleich aber auch diejenigen Vertreter derselben hervorheben, welche eine besondere Aufmerksamkeit infolge ihrer gegenwärtigen Nützlichkeit oder durch die wichtige Bolle verdienen, welche ihnen in der landwirtschaftlichen Zukunft unseres Landes bevorstehen mag. In derselben Weise werden wir es nötigenfalls vorziehen, bei der genauen Beschreibung der Bodenstructur der von uns besuchten Gegenden die charakteristischen Eigenschaften des Bodens detailliert vorzuführen, als etwa flüchtig mit geologischen und mineralogischen Terminis zu operieren. Unsere Artikel werden vielleicht dadurch an Wissenschaftlichkeit verlieren, bestimmt werden sie aber dein Verständnisse der meisten Leser zugänglich werden. Wir wollen aber auch von vornherein eingestehen: wir würden oft*in Verlegenheit sein, wenn wir die Bodengestaltungen, deren genaue Beschreibung wir versuchen wollen, mit ihren geologischen Namen bezeichnen müssten. Wenn es auch Pliicht des Agronomen ist, die Charaktereigenschaften der Bodenarten zu kennen, welche durch diese oder jene geologische Formation oder Schichtung entstanden sind, so wird mau doch von ihm nicht die Kenntnis des Fachmanns beanspruchen dürfen, der einzig und allein berufen ist, eine geologische Classification vorzunehmen. Für den grössten Theil der europäischen Länder existieren sehr detaillierte geologische Karten. Die Aufgabe, des Agronomen erscheint sehr erleichtert. Er studiert an der Hand der erwähnten Karten die Formation, zu welcher die Gegend gehört, in der er zu arbeiten berufen ist, die verschiedenen bodenbildenden Schichten, das Gestein, welches sie charakterisiert u. s. w. Es bleibt ihm nichts übrig, als die Schlussfolgerungen zu ziehen, zu welchen ihn seine speciellen Kenntnisse berechtigen. Keineswegs jedoch trifft dies für Palästina zu. Wenn es auch wahr ist, dass eine sehr grosse, vielleicht zu grosse Anzahl von Werken über die Geologie Palästinas veröffentlicht wurde, so ist doch nicht zu vergessen, dass es das merkwürdige Becken des Todten Meeres ist, das für alle diese Werke den Ausgangspunkt bildet. Dieses Becken allein wurde gut erforscht, während das übrige Syrien und Palästina nur insofern mitgenommen wurde, als zum genaueren Verständnis des Toten Meeres und seiner nächsten Umgebung nothwendig erschien. Das Land in