Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Article
- Jüdische Wissenschaft
- Date
- 1901-10-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt Nr. 41 das was wir meinen (ich werde seine relative Berechtigung zu begründen versuchen), dann sind auch die Antworten auf die Frage, wo diese Wissenschaft denn 'eigentlich sei, nicht ganz richtig. Denn wenn man will, ist sie doch da: zum kleinen Tlieile in der sogenannten „Wissenschaft des Judenthums", zum grösseren in den verschiedenartigsten Disciplinen. Und es handelt sich nicht um ein Machen, sondern um ein Herauslösen und Angliedern. Dieses Herauslösen und Angliedern soll aber nicht geschehen, um eine in den Augen der Wissenschaftslehre giltige selbständige Wissenschaft zu schaffen — ein selbständiger Stoff ohne selbständige Methode genügt niemals, um eine besondere Wissenschaft zu begründen — sondern um das Unsere zu sammeln, um ein sich fortentwickelndes Inventar des Judenthums aufzustellen, um zu sehen, was wir sind, was wir haben und können. Ist dies zwar auch ein praktischer Gesichtspunkt, wie jene, von denen ich früher gesprochen habe, so wird er doch d ir Qbjectivität und der Vollständigkeit des in Frage stehenden Wissenschaftscomplexes nichts anhaben können. Es sollen also aus den in Betracht kommenden Disciplinen die das Judenthum betreffenden Partien herausgelöst und an die bestehende sogenannte „Wissenschaft des Judenthums" angegliedert werden. Es ist zu hoffen, dass durch diese und die daran zu knüpfende organisatorische Arbeit, sowie durch die Entwicklung und Vertiefung der national-jüdischen Bewegung das Interesse für das neu abgegrenzte Stoffgebiet eiue wachsende Steigerung erfahren wird, und dass jüdische Gelehrte der verschiedenen Disciplinen, jeder auf seinem Gebiete, sich der Erforschung der blossgelegten Probleme widmen werden. Wie steht es nun um die sogenannte „Wissenschaft des Judenthums", die den Krystallisatiqnskern für den zu schaffenden Gomplex bilden soll'? Das eine steht wohl fest, dass sie ihren grossen Namen mit Unrecht führt. Sie hat wohl seit jeher bedeutende Männer zu den Ihren gezählt. Sie hat wohl ihre Methode in kritischer Feinheit und heuristischem Scharfsinn erstaunlich ausgebildet. Sie hat wohl einen seltenen Eifer im Suchen, Vergleichen und Feststellen an den Tag gelegt. Aber sie blieb, was sie war, und musste es bleiben : eine Abtheilung der Philologie. Ihr Gegenstand war das altjüdisehe Schriftthum; der Weg ihrer Forschung war der philologische. Den Namen „ Wissenschaft des Judenthums* verdient sie noch viel weniger, als etwa die Germanistik den Namen einer Wissenschaft des Deutschthums. Laien haben ja wohl auch andersartige wissenschaftliche Schöpfungen zu ihr gerechnet. Aber eine Geschichte des jüdischen Volkes wird doch wohl der historischen Wissenschaft zugehören, eine Abhandlung über die Gesetzgebung der Bibel oder des Talmud der allgemeinen Rechtsgeschichte, Studien über jüdische Volkskunde der Folkloristik, Forschungen über Denkmäler altjüdischer Kunst der Achäologie und der Kunstgeschichte. Und auch die Arbeiten über jüdische Rassen, über deren Entwicklung, über die psychophysische Eigenart, über das altjüdische Wirtschaftsleben, über die sociale Schichtung unseres Volkes, über die Evolution seiner spccifischen Sitten und seiner specifischen Sittlichkeit, über den Weg des jüdischen beist.es und der jüdischen Cuitur, alle diese Arbeiten, die wir erhoffen, werden nicht jener auf die philologische Methode angewiesenen Wissenschaft, sondern der Anthropologie, der Ethnologie, der Wirtschafts-, der Social-, der Sitten-, der Culturgeschichte zugehören, Disciplinen, die andere Zwecke und so auch andere Mittel haben. Theoretisch verschmelzen können diese beiden Gebiete — die philologische Judaistik einerseits und die jüdischen Capitel der anthropologischen, historischen und socialwissenschaftlichen Disciplinen andererseits — niemals. Sie können nur praktisch verbunden werden. Dass dies möglich ist, dafür erwächst uns in unseren Tagen ein überaus eigenthümliches und wertvolles Beispiel: die Jewish Encyclopaedia, von der in diesen Blättern noch eingehend gesprochen werden soll. Aber diese Jüdische Encyklopädie ist, ein so monumentales Werk sie auch sonst sein möge, dennoch ein unvollkommenes Beispiel, oder wenn man will: nur ein Beispiel. Sie kann vor allem gerade als Encyklopädie kein rein wissenschaftliches Unternehmen sein: sie wird wissenschaftlich bedeutsame Abhandlungen bieten, aber kein wissenschaftliches Ganzes; das verwehrt ihr ihre Form, ihr System, ihre Aufgabe. In den Thatsachen wird sie gründlich, vielleicht erschöpfend sein können, reich und tief in den Deutungen; die grossen Zusammenhänge wird sie nicht heben können, die das letzte Ziel der wissenschaftlichen Thätigkeit sind; ja es wird ihr nicht möglich sein, von irgend einer Erscheinungsseite des Judenvolkes ein ganzes festgefügtes Bild zu geben; sie müsste denn dem Gesetze ihres Wesens untreu werden und sich zu einer Reihe grosser selbständiger Arbeiten auswachsen. Das erscheint mir und wohl jedem Kundigen nach der Anlage des Werkes ausgeschlossen. Die Jewish Encyc!opaedia, die manchem wie ein Abschluss aussieht, kann in Wahrheit als eine grossartige Vorarbeit bezeichnet werden. Wenn wir ferner bedenken, dass die Encyklopädie manche der oben genannten Disciplinen — z. B. die socialwissenschaftlichen — nicht genügend berücksichtigt und wohl auch nicht berücksichtigen kann, so wissen wir wohl schon, wo wir anzusetzen haben. Darüber in einem zweiten Artikel. Martin Bube r. Die wirtschaftlichen Fragen des IV. Zionistencongresses. Von Dr. D. Farbstein, Zürich. Auf dem IV. Congresse wurde der Versuch gemacht, die wirtschaftliche Seite des Zionismus zu behandeln. Mit den dort aufgeworfenen Fragen möchte ich mich jetzt beschäftigen. Ich habe meinen Standpunkt zur Genüge auf dem I. Congresse präeisiert. Ich bin gewiss kein Gegner der Cuitur, ich habe gewiss nichts Gemeinsames mit jenen Reactionären, für die das Wort „Cuitur" ein Schrecken ist. Es machte aber auf mich stets einen merkwürdigen Eindruck, wie seitens der Culturzionisten unaufhörlich Cuitur und Cuitur wiederholt wird. Die Juden Osteuropas haben auch jetzt ihre Cuitur. Ihre Cuitur ist aber ein Product der Verhältnisse, unter denen sie leben. So lange die Verhältnisse bestehen werden, werden auch keine „Culturmittel" in der Welt ermöglichen, eine andere. Cuitur zu schaffen. Soll es einmal der Masse der Paupers Osteuropas ermöglicht werden, in andere Verhältnisse zu kommen, so wird diese Masse sich auch ihre eigene neue Cuitur bilden. Zuerst gebt dieser Masse Brot, das heisst verschafft ihr die Mittel, in menschenwürdiger Art ihr Brot zu erwerben und dann redet von Cuitur. „Ohne Brot kein Wissentft sagten schon unsere Weisen. Ich habe auch nichts Gemeinsames mit jenen Utopisten, die die ökonomische Seite der Judenfrage in Amerika, die cuitur eile dagegen in Palästina lösen wollen. Ihre „Priester-