Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Article
- Jüdische Wissenschaft
- Date
- 1901-10-11
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315947-3400384--28471-3400468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
iteaaction and Administration: WIEN 1^ o Iflrkenstfasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 11—12 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Pelitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. RßPTltfGTVPßicß1 Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland DGAUgöpiClöC. ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Fr es. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 4L Wien, II. October 1901. 5. Jahrgang Jüdische Wissenschaft. I. Auf die Tagesordnung des fünften Zionisten-Congresses ist unter den Fragen der geistigen Hebung auch der Punkt „Jüdische Wissenschaft" gesetzt worden. Es dürfte manchen braven Zionisten geben, der diesem Punkte rathlos gegenübersteht. Was ist jüdische Wissenschaft? Zu welchem Zwecke und wie übt man jüdische Wissenschaft? Wo ist sie? Was hat sie mit dem Zionismus zu schaffen? Und was mit den Fragen der geistigen Hebung des jüdischen Volkes V All dies ist nicht ohneweiters klar. Wir müssen versuchen, die Bedeutung einer jüdischen Wissenschaft und ihren Zusammenhang mit unseren Bestrebungen klarzulegen. Eine jüdische Wissenschaft kann einen dreifache]] Sinn haben. Sie kann, je nach ihrem Ausgangspunkte, entweder Wissenschaft des Judenthums sein, oder Wissenschaft der Judenfrage, oder Wissenschaft des Zionismus. Im ersten Falle würde sie von der historischen und gegenwärtigen Wirklichkeit des jüdischen -Volkes ausgehen, sie würde sich die Beschreibung und Erklärung des. thatsächlich Gegebenen zum Zielesetzen und keine praktischen Gesichtspunkte hineintragen, es sei denn den, aus dem Gewirre der widerstreitenden Erscheinungen einheitliche Entwicklungen herauszulösen. Im zweiten Falle hätte sie sich mit einem eminent praktischen Problem zu beschäftigen, mit der Pathologie der gegenwärtigen Judenschaft und mit der Anomalie ihrer Beziehungen zu den anderen Völkern; sie hätte es nicht so leicht, wie die Wissenschaft des Judenthums, objectiv zu bleiben, denn schon bei der Auswahl des Materials würde der Zweck mitreden. Noch schwieriger würde die Objectivität einer Wissenschaft des Zionismus werden; sie würde nicht von einer Frage, sondern von einer Antwort ausgehen; von einer Antwort, die in den meisten Fällen nicht wissenschaftlich, sondern intuitiv, jedenfalls subjectiv gefanden wurde, und die nun begründet werden soll; da könnte nicht mehr bloss bei der Auswahl, sondern auch bei der Ausgestaltung, Deutung und Bewertung des Thatsachenrnaterials der Zweck leicht das entscheidende Wort führen. Noch weniger befriedigend sehen die beiden letzteren Auffassungen aus, wenn man sie von einem anderen' grossen Gesichtspunkte betrachtet. Das wird uns eine Analogie zeigen. Diese beiden Auffassungen erinnern an die wissenschaftliche Behandlung actueJler socialpolitischer Themen, und zwar in dem einen Falle an eine von einem unbefangenen Volkswirtschaftler, in dem anderen an eine von einem Parteigelehrten unternommene. Den Unterschied beider Fälle wollen wir hier nicht berücksichtigen. Aber offenbar sind beide nur Stückwerk ■*md -für den Tag-gemacht, wenn sie nicht an die grossen Traditionen der Wissenschaft vom socialen Leben überhaupt anknüpfen. Sie dürfen es sich nicht herausnehmen, mehr sein zu wollen, als Anbau und Uebergang. Und nur wenn sie nicht mehr sein wollen, sind sie etwas. So darf auch die Wissenschaft der Judenfrage oder des Zionismus nicht mehr sein wollen, als Anbau und Uebergang. Aber Anbau woran V Uebergang wozu V kann eigentlich nur eine jüdische Wissendie Wissenschaft des Judenthums, die t h e i 1 s von sei b st in e i n e w i s s e u s c h a f f- Es schaff geben i c Ii e B e h andlun g d e r J u d o n frag e n n d n m ü s s t e (da sie des Z i o n i sm us a u s1a uf ( die historische und socioiogische Erklärung der gegenseitigen Verhältnisse bringen würde), t h e i 1 s von i h r ergänzt werden könnte, wie die theoretische Nationalökonomie von der Wirtschaftspolitik. Aber wo ist diese Wissenschaft des Judenthums? Man wird mir antworten: sie ist nicht da. Und man wird hinzufügen: und eine Wissenschaft kann nicht gemacht werden. Das ist richtig. Sie ist nicht da. Und sie kann nicht gemacht werden. Sie ist nicht da, denn es gibt weder ein abgegrenztes Arbeitsgebiet, das ihr zugehörte, noch eine definierte xMethode, "die in ihr systematisch angewendet würde. Und sie kann nicht gemacht werden, denn eigentliche Wissenschaft entsteht nicht aus Plänen, Schemen und Programmen, so Voll desguten Willens sie auch sein mögen, sondern aus der weitsichtigen, aber engbegrenzten Forschung der Wissensmenschen. Pläne und Programme sind ihr nicht Fundament, sondern Giebel. Und doch sprechen wir nicht etwa bloss von wissenschaftlich betriebenem Zionismus, sondern von jüdischer Wissenschaft. Ich gebe zu, dass dieser Ausdruck nicht ganz correct ist; er soll nur aus praktischen ©ründto böib ehält emwerden. Aber afcceptiert man ihn für