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Die Welt · 1901-10-04 · 40 (4.10.1901) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
40 (4.10.1901)
Article
Colonisationsvorschläge
Date
1901-10-04
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 40 material, wie es sich bis jetzt in den Colonien gezeigt hat, werden wir derartige Pläne nicht durchführen können. In allen Colonien haben wir Leute, welche mit grossen Ansprüchen auftreten und sich durch ständige Unterstützungen auf ihrer überschuldeten Scholle halten.— Aber das sind ja gerade die demoralisierenden Verhältnisse, denen die neue Organisation ein Ende machen soll! Achad-Haam hat mit vollem liecht auf der letzten Generalversammlung der russischen „Chowewe-Zion" in Odessa hervorgehoben, dass dem bestehenden System der Bevormundung die Schuld an allen Missständen zuzuschreiben sei. Aber andererseits ist es nicht möglich, die Menschen, die uns heute zur Verfügung stehen, ganz selbständig auf eine Scholle zu setzen, und wirtschaften zu lassen. Diese Schwierigkeit löst eben das Princip der Productivgenossenschaft. Hier hat jeder \on Anfang an das Gefühl, ein gleichberechtigter Mitbesitzer zu sein. Er weiss, dass die Anspannung aller Kräfte ihm zugute kommt, aber es werden ihm keine Verpflichtungen aufgebürdet, denen er als Landwirt und Organisator noch »nicht gewachsen ist. Wie die Genossenschaftscolonien auf den Charakter der Mitglieder wirken, zeigt Oppenheimer an mehreren praktischen Beispielen, besonders an den Niederlassungen der Quäker und der Mormonen. In der Herrschaft Vincland, Xew-Jersey, TL S. A., beliefen sich die Polizei- und Armenkosten auf 2y2 Cents pro Kopf der Bevölkerung gegen zwei Dollar in der Nachbargemeinde Perth Amboy. Das scheint mir eine zweckmässigere Art der Accordarbeit, um an Auf seherlohn zu sparen, als diejenige, welche Soskin vorschlägt. Eine in neuester Zeit veröffentlichte Erfahrung möchte ich hier noch wiedergeben: Graf Reventlow in Wulfshagen in Schleswig hat auf seinem Gute seit einem Jahre eine Gewinnbetheiligung der Arbeiter eingeführt. In seinem Bericht über das erste Wirtschaftsjahr schildert er seine Erfahrungen wie folgt: „So gering auch die ausgezahlten Antheile waren, so ist doch einem jeden ad oeulo.s demonstriert worden, dass die Gewinnbetheiligung nicnt nur „gut und nützlich zu lesen" ist, sondern auch in massigen Jahren einen reellen Vortheil in die Tasche gleiten «läsafc, auf dessen Höhe auch der einzelne Arbeiter, innerhalb der durch die XatUrgewalten gezogenen Schranken, Einfluss üben kann. Aus der Erkenntnis dieser Sachlage muss der einzelne dahin gelangen, seine Arbeit u 111 e r eine 111 h ö h e r e n G e s ic h t sp u 11 k t als d e 111 d e r n a c k t e 11 Lohnarbeit zu betrachten; aus dieser Veränderung des Charakters der Arbeit muss folgen, dass n i c Ii t m e h r d a s frühere Mass von B e a u fs i c h t i g u n g e r f o r d e r 1 i c h ist. Dass dieses doppelte „Muss'' nicht nur theoretisch in meinem Kopfe vagabundiert, sondern in vera natura vorhanden ist. ergiebt sich daraus, dass es schon im ersten Jahre hier seine Folgeerscheinungen gezeitigt hat. Auch o 1'. n e Aufsicht wurde e b e n m ä s s i g weiter gearbeitet, selbst w ä hrend der Ernte b d u r f t e es n i c h t antreibe nd e r o d e r v e r w e i s e n d e r W ort e. Dass diese Folgen sich, nachdem die Gewinnbetheiligung zum erstenmale nunmehr dem einzelnen als Realität angenehm entgegengetreten ist, nicht abschwächen, sondern eher verstärken werden, liegt auf der Hand." Aus allem bisher Gesagten geht wenigstens hervor, dass die Jea mit einem Versuch in der besprochenen Eichtling keinen ganz unbekannten Boden betreten würde, und dass das für den Versuch verwendete Capital nicht erheblich gefährdet ist. Im übrigen: The eating is the proof of the pudding. Was die galizischen Landtagswahlen lehren. Von Dr. Osias Thon, Krakau. In einer der letzten Kümmern der „Welt" hat Adolf Stand Versucht, aus den Landtagsv^ahlen in Lemberg und Krakau Lehren zu ziehen, die aber, soweit ich sehe, mehr ad memoriam für die niehtgewüliTten Candidaten gezogen sind. Sie sollen sieh nun merken, dass ihre bisherige Assimilatioiispolitik den Boden unter den Füssen verloren hat. Das Volk wendet sieh von seinen bisherigen Führern ab, weil es mit der Führung unzufrieden ist. So ungefähr lautet dort die Sehlussfolgerung, Diese Sehlussfolgerung wäre wohl richtig für einen — Fernstehenden. Wer die Sache aus der Nähe mit angesehen hat, der gewann aus diesem Wahlkampfe in Lemberg und Krakau einen ganz anderen Eindruck. Der musste sich mit tiefer Betrübnis sagen, dass da eine Assimilation von einer anderen — wesentlich schlimmeren — besiegt wurde. in Krakau candidierte Dr. Leon Ii o r o w i t z mit den Conseiwativen als Jude, da stand ein jüdischer Demokrat auf und erklärte, er candidiere nur als Demokrat — das „nur" mit grossem i\achdruck hervorgehoben — und die jüdischen Massen, allen voran die Ganz-Schwarzen, folgten seinem Rufe, in Lemberg candidierte Dr. Emil Byk mit den Demokraten als Jude, da stand ein noch „demokratischerer" Jude aut und candidierte nur als „coneentrierter Demokrat", und auch hier folgten ihm mehr als 1000 Juden. Das jüdische Gemeingefühl ist da arg in die Brüche gegangen. Wer und was wurde da besiegt? Von wem? Und wovon? Ein „Auch-Jude" von einem „Garnicht-Juden", eine absterbende Assimilation von einer aufstrebenden, zunächst von einer — „strebende 11". Täuschen wir uns nicht — zwischen jener älteren Assimilation und der heutigen liegt noch eine weite Kluft. Erstens schon durch die persönlichen Vertreter dieser Riehtungen. Die altere Assimiiantengeneration gieng hervor aus einer rein jüdischen Erziehung und Umgebung. Sie konnten sich mausern, so viel sie wollten, — ihre Wurzeln blieben doch immer im Erdreich des Judenthums. Man findet schwerlich unter diesen Aelteren solche, die nicht wenigstens etwas Jüdisches wissen, wenigstens das Lesen. Ihre jüngeren „Nachstreber" aber sind — zu 99 auf 100 mindestens — in puncto Judenthum Analphabeten. Und dieser Unterschied ist wahrlich nicht gering zu achten. Mit jenen konnte man noch manchmal ein ernstes Wort reden, diese verstehen schon einfach unsere Sprache nicht. Allgemeines Stimmrecht — das ist ihre ganze Sorge und Weisheit. Specifisch-jüdische Fragen gehen sie gar nichts an. Und dann haben diese älteren Assimilanten wenigstens schon eine Formel gefunden — freilich eine sehr magere und enge — innerhalb der sie ihr Judenthum bekennen und von Zeit zu Zeit vertreten können. Die jung-assimilatorischen Streber aber fangen erst an; sich mit ihren nicht jüdischen Verbündeten zu verständigen, und werden noch lange keine Formel finden für ihre Zugehörigkeit zum Judenthum, unisoweniger, als sie eine solche Formel gar nicht suchen. Redet ihnen von speeifisch-jüdischen Bedürfnissen — es ist für sie spanisch. Zweifellos — die letzten Landtagswahlen brachten einen Sieg des Ganz-Schlechten über das Nicht-Gute. Noch mehr — ich behaupte, die letzten Wahlen bedeuten auch eine — freilich nur indirekte — Niederlage der zionistischen Arbeit. Da arbeiten wir seit 15 Jahren, dass die J«5den sich gewöhnen sollen, das jüdische Interesse in die erste Linie zu rücken. Und nun kommt die erste Probe — da versagt alles: die Juden sind alles Mögliche, Demokraten und Concentrierte, nur keine J uden. Ich hielt es für einen entschiedenen Erfolg der zionistischen Rufer, dass da die älteren Candidaten als Juden auftraten, was schon lange, lange nicht mehr der Fall war. Aber vielleicht hat ihnen gerade das bei den Juden geschadet. In Krakau hat das ein Ex-2ionist in ziemlich klaren Worten gesagt. Es genügt heute nicht, sagte er, den confessionellen Charakter der Candidaten zu betonen — er ist, wie er sagt, emeritierter Zionist, darum spricht er nur von Confession! — Heute, meint er, wählen die Juden nur nach allgemein-politischen Gesichtspunkten. Und ich hörte, wie ein Jude in Krakau am Wahltage mit grosser Emphase die halsbrecherische These verbrach: „Lieber wähle ich zehn Christen als einen Juden." Es war einer der schwärzesten Orthodoxen. Ich hielt ihn an und sagte zu ihm: „Halte ein in Deinem Griramzorn. Aber warum ist Dir der christliche Candidat lieber?" „Weil ein Christ mehr für Juden thun kann — wenn er willf*" „Aber Freundchen, er will ja

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