Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Article
- Die Grenzen des Zionismus
- Date
- 1901-10-04
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 40 nach ihren Wünschen lenken könnten". Aber jetzt müsse man sich vor Erweiterungen hüten. , Dem eigentlichen Artikelrlässt Herr K1 a u s n er eine Nachschrift folgen, die sich mit dem vom Schreiber dieser Zeilen in Olmütz gehaltenen Programm-Referat beschäftigt. Herr Klausner wendet gegen den Gedankengang dieses Referates nichts ein. „Es muss zugestanden werden, dass in dem Referate ausdrücklich betont wird, dass die nationale Organisation nur das Bindeglied darstellt zwischen Golus und Palästina, dass der Zionismus an die Spitze aller Nationalarbeit gestellt werden muss und jede jüdische Volkspolitik Thorheit ist, die nicht in den Zionismus ausläuft." Doch beharrt er bei seiner Befürchtung der Kräftezersplitterung. Der Artikel des Herrn Klausner enthält wohl alle Einwände, die gegen die Behandlung der Fragen der „Hebung" geltend gemacht werden können. Wir wollen versuchen, so kurz als möglich auf die Einwände einzugehen. Wenn behauptet wird, die „Erweiterung" des Baseler Programmes um die Fragen der „Hebung" sei. aus Gründen der Congresstaktik erfolgt, so ist das ein Irrthum, den jeder, der die letzten Jahre zionistischer Geschichte halbwegs aufmerksam verfolgt hat, sofort feststellen wird. In Wahrheit begann lange vor dem 4. Congresse die neue Entwicklung theils theoretisch-publicistisch, theils praktisch, besonders in Oesterreich, Russland und Frankreich. Es ist dabei ebenso merkwürdig als bezeichnend, dass in den Fragen der „Hebung" von Zionisten verschiedener Länder, unabhängig voneinander, gleiche oder ähnliche Gedankengänge entwickelt wurden. Schon das lässt darauf schliessen, dass eine gewisse innere Nothwendigkeit im Zionismus zu einer Entwicklung gedrängt hat. Herr Klausner thut gewiss unrecht, wenn er von einer „Verbreiterung" des Baseler Programmes spricht. In Wahrheit handelt es sich um eine Vertiefung des Programmes, die nur den einen Fehler hat, etwas später nachgekommen zu «ein. Im Zionismus des Baseler Programmes, war zweifaches gegeben: die — zumindest gedankliche — Verbindung mit der jüdischen Vergangenheit und die Verbindung mit der palästinensischen Zukunft. Was aber sollte die Brücke schlagen? Zunächst waren es die zionistische Anhängerschaft, ihre Organisation, ihre Actionen und Schöpfungen. Es verblieb also ein Rest — der weitaus grössere Theil — Judenthum: der Complex der ausserzionistisclien Bethätigungen der Zionisten, dann die Gesammtheit zionsfeindlichen oder nichtzionistischen Menschenmaterials mit allen seinen Beziehungen. Wer nun wirklich die Renaissance des jüdischen Volkes ersehnt und wer in dem Volkskörper einen lebenden Organismus sieht, in dem kein Organ zur Unthätigkeit verdammt werden darf, dem konnte die merkwürdige Art der Behandlung des zionistischen und nichtzionistischen Menschenmaterials nicht lange Befriedigung geben. Eine Einheit der Denkweise drängt den wahren Zionisten dazu, dieses Volk, mit dem er in Vergangenheit und Zukunft sich eins fühlt, auch in der Gegenwart so innig als möglich mit sich zu verbinden, allen seinen Aeusserungen zu lauschen und sie zum Guten zu lenken, lehrend, aufbauend, stützend, abwehrend dieses Volk in sein Land zu geleiten. Diese Denkweise führt zur Erkenntnis von der Nothwendigkeit der Lösung der Fragen der „Hebung", zur jüdischen Volkspolitik, wie man vielleicht besser sagen sollte. Von welchem Standpunkte immer betrachtet, vom historischen, culturellen oder politischen leitet sie zu einer Geschlossenheit, zu einem prächtigen Monismus hin. Es ist nun merkwürdig, dass HerrK lausner in einer Hinsicht selbst den innigsten Anschluss an die jüdische Gegenwart sucht, in Bezug auf die culturelle Thätigkeit, dass er also einen Theil der jüdischen Volkspolitik selbst wünscht, während er einer Gesammtpolitik schädliche Wirkung zuschreibt. Gewiss, wir wollen die culturelle Thätigkeit in ihrem Werte nicht herabsetzen. Wir müssen sie wünschen als das segensreichste und edelste Mittel nationaler Erziehung. Aber ist einmal ein Schritt gethan, warum nicht auch die anderen thun? Oekonomische, politische, physische Momente sind auf die nationale Entwicklung von nicht geringem Einflüsse. Wie leicht können sie, vernachlässigt, das verderben, ja ins Gegentheil verkehren, was die culturelle Hebung Gutes gethan; wie leicht andererseits, wenn sie gepflegt werden, das rein geistige Element verstärken! Denn aus jeder Art von jüdischer Solidarität, nicht nur aus der culturellen, werden nationale Keime hervorgehen. Die Furcht, dass aus der jüdischen Volkspolitik ein Wohlstand sich ergeben werde, der die treibenden Kräfte lähmen könnte, ist thöricht. Das wissen wir doch aus dem zionistischen A-B-C, dass wir eine solche wohlige Situation, die den Zionismus auch nur im Geringsten entbehrlich machen könnte, nie erwarten können. Und den Fehler, den einmal die Socialdemokraten begangen haben, als sie ihre Thesen auf die Verelendung aufbauen wollten, müssen wir nicht auch begehen wollen. Nicht die Noth, sondern das Verständnis dieser Noth und der ihr entgegenwirkenden Solidarität ist es, das uns Anhänger zuführt. So ist es eine directe Schwächung unseres nationalen und geistigen Besitzstandes, wenn wir ihn vernachlässigen, statt ihn zu .fördern. Als der ernsteste Einwand kann der gelten, dass wir über geringe Arbeitskräfte verfügen, die die viele Detailarbeit der neuen Institutionen nicht bewältigen können würden. Aber dieser Zustand wird und soll nur im allerersten Stadium anhalten, währenddessen eine gesteigerte Arbeitsentfaltung der Zionisten nöthig sein wird. Dafür aber werden dann, wenn wir verschiedenen jüdischen Interessen im Zionismus zu dienen beginnen werden, wie dies in dem Artikel „Gegenwertsaufgaben des Zionismus" von Alexander Hausmann, Welt, 1901, Nr. 18) treffend präcisiert wurde, „in gebundenem Zustande vorhandene Kräfte, die früher abseits von uns standen, frei werden und in den Rahmen der zionistischen Bewegung hineingezogen werden, so dass zugleich ein Gebot der taktischen Klugheit damit erfüllt wird." Ein merkwürdiger Einwand ist der, dass die Zionisten Thätigkeiten auf sich nehmen, die „Pflicht eines jeden Juden" sind. Wir meinen, dass es auch „Pflicht jedes Juden" wäre, den Zionismus zu fördern. Leider erfüllen aber noch sehr viele Juden ihre Pflicht nicht. Mit der Thätigkeit des Wohlthätigkeitsvereines haben die Zionisten, die Socialpolitik treiben, nichts gemein. In wie vielen Fällen es für die Bedürftigen selbst vorteilhafter ist, nicht Wohlthaten, sondern gesunde Lebensmöglichkeiten zu empfangen, und wie wahi\haft schädlich es für den Zionismus ist, gewissen Wohlthätigkeiten gleichgiltig und unthätig gegenüberzustehen, das soll hier nur angedeutet werden. Die Gefahr, dass die Einzel-Actionen der Hebung manchem als das Wesentliche erscheinen könnte, hinter dem das Endziel zurücktritt, besteht bei schlechtausgebildeten Zionisten mutatis mutandis in Bezug auf alle Detailarbeiten : Wissenschaftliche Behandlung des Stoffes durch die Intellectuellen, Aufklärung und ein Einführen in den Geist jeder zionistischen Action wird die'Gefahr beseitigen. Das sind in möglichster Kürze die Antworten auf die Einwände des Herrn Klausner. Den Wert, der eventuell aus den Arbeiten, die der „Hebung" dienen, resultieren könnte, bestreitet er selbst nicht, wenn er auch alle Negativa hervorhebt. Wir kehren zum Ausgangzpunkt zurück : Dem wissenschaftlichen Zionismus wird nach bejahender Erledigung der Vorfrage viel zu thun übrig bleiben. Er wird zu untersuchen haben, welche Arbeiten der Volkspolitik möglich, welche unmöglich sind, er wird sie in Verhältnis zum Endziel bringen, er wird das Mass des Aufwandes und des Erfolges festsellen, alles unter Berücksichtigung der Verschiedenheiten der Länder, des Materials, der Bedürfnisse.