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Die Welt · 1901-09-20 · 38 (20.9.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
38 (20.9.1901)
Article
Colonisationsvorschläge
Date
1901-09-20
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr.'38 „Die & Welt" Seite 5 sprechen bindend abgegeben ist, verwandelt sich der stumpfe, oft übelwollende, fast stets nachlässige Tagelöhner in der Mehrzahl der Fälle in einen wachsamen, fleissigem, sehadenverhütenden Socins des Unternehmens." (Schluss folgt.) Jörn Kippur. Es liegt ein Bild in diesem Wort. Der weit flüchtige Geist sieht es. Wenn am letzten der Busstage die Sterne den Abschiedsglanz der Sonne aufsaugen, um tröstend damit die Nacht zu erhellen, wird das Todtenlicht das Zeichen Israels. Das schlankstrebende Minaret sieht es zwischen gefälligen Pfeilern maurischer Bogengänge hervorleuchten, der Zoroasterpriester merkt auf seiner Tliurmzinne die grössere Helle, die Strahlen dringen bis zur Bergwacht des KaukaTiiers und brechen aus den nüchternen Fenstern unserer volkliehen Gebiete, wo die Menschen die Erfüllung kleiner Wünsche mit kleiner Kraft erstreben. Der Tag der Todtenschau ist angebrochen und auf dem ganzen Erdball gedenken Menschen, dass unerbittliches Sterben durch ihre Reihen gieng und durch ihre Hoffnungen, weil Hoffnungen und Körper Juden zueigen waren. Ein schwerer Schritt ist wahrlich der des Juden über die Schwelle seines Gotteshauses. Jahrhundertelang hat er ihn mit Leib und Leben ertrotzt und niemand sah noch das Ende der Opfer für diesen Gang. Und der Macht, die er heute drinnen inbrünstig anruft, dem tJnerforschlichen, das seiner Ohnmacht Jubel oder Unglück bringt, ihm hat er gar wenig zu danken und viel, so viel zu klagen. Ahasver weint. Mag auch das Recitativ des anderen Landes eine andere Legende erzählen, ein Grundton schlägt durch alle: Drangsal und Leid. Mit dem Anfang der Diaspora nahm die Geschichtsschreibung ein Ende. Von dieser Zeit an wurde alles, was Wellen in der Eintönigkeit des Juden Schicksals warf, von liebender Treue verzeichnet und von den Hütern der Religion, damals trauen Wächtern des Volkes, den Enkeln als Trost und Beispiel zur Erwähnung bei ihren Zusammenkünften vorgeschrieben. Und weil immer, immer die Erschütterung dem Unglück entsprang, ist die Verlesung des Geschehenen den Trauertagen zugewiesen. Ein langes Verzeichnis liest die Gemeinde. Wenn die bewohnte Welt untergienge und nach geboren er Forschung bloss alle Ritualbücher des Jörn Kippur erhalten blieben, könnte eine lückenlose Geschichte eines Jahrtausends Judenthum daraus abgeschrieben werden. Gemeinsames Schicksal schafft die Solidarität der Betroffenen, härtet das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dass die Erinnerung an gemeinsam Erlebtes nicht verloren gehe, sorgten die Führer Israels in der Zerstreuung. So durchtränkten sie mit geschichtlichen Begriffen das tägliche Geistesleben ihres Volkes, den Gottesdienst, dem die Juden unter allen Umständen nachgiengen. Seiner Symbol ist ik Hegen meistens Ereignisse des unmittelbaren jüdischen Lebens zugrunde, und oft genug liest der Vorbeter ein'leidenschaftliehes Capitel aus unserer Geschichte vor. Diese Thatsache gab lange jenen recht, die im unfrommen Juden schon den Ueberläufer sahen. Denn was mehr als die Grösse der Tradition kämpfte gegen die glänzenden Lockungen des Abfalls? Und wo anders ward sie kund als im Gotteshause? Dem Ungläubigen gegenüber herrschte die Empfindung, dass er ohne Kenntnis der Vergangenheit nicht überzeugt an der Erreichung einer glücklichen Zukunft des Volkes mitarbeiten werde, deren Begriff in den feierlichsten Momenten des Cultus seitens der Versammelten in einem poetischen oder Prophetenwort seinen Ausdruck fand. Künftiges Jahr zuhause! Nie ist die Glut dieses Verlangens erloschen. Seiner Ausführung war zuerst die physische Unmöglichkeit im Wege, dann der Mangel entschlossener Führung. Der grosse Moses wollte gewiss weder Clericalismus noch Hierarchie. Er suchte nur im flatterhaften Temperament seines leidenschaftlichen Stammes die beständigste Eigenschaft, um durch ihre Ausnutzung die längste Beachtung seiner nationalen Sondergesetze zu erzielen. Er gab diesen die Religion zum Rahmen und passte sie der Natürlichkeit so an, dass jene, welche heute noch eine nichtnationale Religion der Juden predigen, die einfachsten Tha-tsachen und Aussprüche im Schraubstock des Mysticisnuis erst verdrehen müssen. Ihnen ist Zion geistig, der Tempel das Herz, und noch über anderes könnten wir lachen, wenn es nicht unser Bruder wäre, der mit Sophismen seine Hilfe für die verarmte Familie ablehnt. Und diese Prediger, haben sie nicht mit uns gelernt, dass Brutus weiter nichts für seine Unsterblichkeit that, als dass er Cäsar erdolchte, bevor dieser Herr eines freien Bürgerstaates werden konnte? Dass Cato eigenwillig zugleich mit der Republik starb? Woher in aller Welt nahmen sie die Gewissenlosigkeit, den strebenden Menschen niederzuschreien und der Sklaverei das Woi;t zu reden? Wenn der Beweggrund nicht schändlicher Egoismus ist, sondern Kraftlosigkeit, sei wenigstens Schweigen ihre Zierde! Eine rein dogmatische, nur dem Ueberirdisehen zugewendete Religion ist jede andere, nur nicht die jüdische. Tausend Fäden bilden ein unzerreissbarcs Band zwischen Heimatland und religiösem Geistesleben. Unsere Feste und palästinensische Ernte fallen zusammen, die Gebete gehen um den befruchtenden Thau Kanaans. Da ist natürlich vieles ein Widerspruch für die Politik der modernen Auchjuden und sie müssen den Zusammenhang zwischen ihrem Leben und dem Cultus durch lauter Fälschungen und Deuteleien herstellen, jedes Wort ein Stein zu der Brücke, die aus dem Judenthum hinüberführt. Und es dürfte ein Russe z. B. sich zu sämmtlichen Religionen der Welt bekennen, so bleibt ihm doch seine nationale Zugehörigkeit erhalten. Ein Jude nimmt mit dem Glauben der Landeskirche keine neue Volksthümliehkeit an. Nicht nur deswegen, weil ihn heutzutage niemand anerkennt und ihn ungehindert in den Freuden und Schmerzen des betreffenden Volkes mitleben lässt. sondern auch sonst immer, weil er die Grundbedingung der Nationalität nicht aufweisen kann, den Beweis nämlich, dass seine Vorfahren seit jeher zur culturellen Entwicklung des angestrebten Kreises beigetragen haben. Das Bewusstsein hiervon erzeugt nervöse Aengstlichkeit durch Generationen und macht die Verschmelzung noch schwerer. Den Juden aber, und auch den modernsten, gilt unwiderruflich der Abtrünnige als Nichtjude, und so hat letzterer seine Position als Weltbürger noch schiefer gestellt. Demnach ist das Bekenntnis der jüdischen Religion ein erstes nationales Moment im jüdischen Volksthum. Mit der natürlichen Nothwendigkeit, mit der Gebirge und Thal, Meer und Küste zueinander gehören, steht jüdische Nationalität und Religion zusammen. Für letztere müssen wir einen gewichtigen Unterschied machen in Bekenntnis und Glaube. Nur das erste hievon war nothwendig, damit der Nationalität kein Abbruch geschehe, wie die Erfahrung gezeigt hat. Und die Kluft zwischen Volklichen und Religiösen im Judenthum ist sehr schmal. Denn auch erstere sehen im jüdischen Glauben etwas im jüdischen Blut Geheiligtes und lassen auf ihre Begeisterung und ihre Thatkraft, mit der sie ihr nationales Bekenntnis bethätigen. bewusst oder unbewusst die Poesie einwirken, die das ganze jüdische Leben durchtränkt, vornehmlich aber die Religion. Welch ethische Bedeutung hat nicht der Gedanke, an einem Tage nicht nur das Rasseln des heischenden Tages einzustellen, sondern auch so sehr als möglich die Maschine, die den Erdensohn » bedeutet und jenem Gefühle allein zu leben, dessen Regungen in uns die Begriffe (ter Unsterblichkeit und der überirdischen Macht gezeitigt haben. In der ganzen Welt leben die Juden vom Abend bis zum Abend der Betrachtung menschlicher Ohnmacht, ethischer Grundsätze, unnöthiger Feindschaft. Auch dieser Tag. anscheinend ohne äussere nationale Grundlage festgesetzt, hat seine sicher wirkende nationale Bedeutung. Er wirkt wie ein Wiedersehen. Das Leben hat die finden der Neuzeit auseinandergesprengt. Jörn Kippur sehen die Massen einander wieder, unter dein Einfluss des Andenkens an ein zwar fernes schweres, aber im Zusammenhalt gesundes Leben, unter dem Einfluss. den die Stimmung des Tages auf die Erweckung jüdischer Bruderliebe ausübt. Und wenn jüdisches Gefühl der Zuammengehörigkeit erwacht, mögen die Verführer lange reden. An dem Satze möchten wir zweifeln, dass ein Volk die Führer hat, die es verdient. Wie leicht ist das treugläubige nicht zu täuschen und Gift gab man oft ins Arzneiglas. In der Stimmung des Jörn Kippurtages sind wir den Juden gegenüber immer innerleh tief bewegt durch ihr. unser Unglück, mit gutem Vorsatz, dem Bruder zu helfen und mit dem reinen Gewissen treuer Liehe. Friede für Ahasver! Enier. Wahl- und Zahlrecht. (Glossen zur gegenwärtigen politiscli en Situation in Böhmen.) Wer das Wesen der Eniandpatiousbewegung, des politischen Liberalismus und der Assinmlationsbcstrcbungen gründlieh an einem verlässlichen Beispiele studieren will, der gehe nach Böhmen. Nirgends vielleicht waren, die Vorbedingungen für eine — wenn auch nur äussertiche — Assimilation in so reichem Masse gegeben. Ein erträglicher Wohlstand der beiden Hauptstämme des Landes, Deutschen und Czeehen, aufstrebende (Kultur, die durch den Wettstreit der Stämme überraschende Fortschritte macht, die tägliche Gewohnheit des Dualismus in Sprache, Tradition, Art — und verstreut zwischen den beiden Stämmen eine nicht allzu zahlreiche Gesellschaft von längst landsässigen, fleissigen, ruhigen, intelligenten und nicht unbemittelten Menschen, die nur den einen Wunsch hatten, ihrer Umgebung angenehm zu werden. Wirklich, es gieng diesen Juden eine- Zeitlang mit der Assimilationsbemühung in beiden Lagern nicht schlecht. Wenn die Armen nur nicht den grossen Fehler begangen hätten, zwei Herren zugleich dienen zu wollen. In der Stadt war Vater Kohn ein trutziVo

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