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Die Welt · 1901-09-13 · 37 (13.9.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
37 (13.9.1901)
Article
Ohne Drama
Date
1901-09-13
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr.V >DJe. W^t<" Seite 9 und nur zeitweilig verdunkelten Anlage zu thun. Die letzen Gründe, warum die Hebräer kejn Drama entwickeln konnten, lägen dann doch im graues^en,- ünzugänglichstun Alterthum. Und heute? Wirken diese mehr oder weniger alten Gründe noch fort oder nicht? Ist die alte Leidenschaft der Hebräer,,das Leben zu übersehen — dieses Wort in seinen beiden Bedeutungen genommen — noch wach oder hat sie der Lebensünmittelbarkeit Platz gemacht? Bevor wir ciarangehen, in folgenden Artikeln den geschehenen Umschwung durch den Hinweis auf das neue jüdische Drama zu constatieren, wollen wir die Frage erörtern, wie und wann es. zu diesem erstaunlichen Umschwünge kommen konnte. Zu diesem Zwecke ist es vor allem erforderlich, dass wir uns klar werden, welche seelische Veranlagung, die der Hebräer oder die der Hellenen,, Inder usw. die ursprünglichere ist. Die Frage darf nicht mit einer andern verwechselt werden, nämlich der, was früher da war, Epos und Lyrik oder Drama. Nicht darum handelt es sich, welche dieser Kunstformen bei einem Volke, das sie alle aufweist, zuerst auftritt, sondern ob Fähigkeit oder Unfähigkeit zum Drama die Priorität in der Menschennatur haben. Und in diesem Sinne muss die Frage sicherlich zugunsten der Fähigkeit bejaht werden. Die hebräische Weise des mittelbaren Lebens- und Kunstgeniessens erscheint als eine Ah-- artung. Damit soll sie aber weder als Entartung gebrandmarkt noch als Vervollkommnung gepriesen werden. Wir constatieren einfach die Entstehung einer Species, die sich nun selbst weiter entwickelt, aber auch selbstverständlich ganz und gar nicht imstande ist, dem älteren allgemeinen T}rpus seine speeifische Entwicklung zu nehmen. Im G egen - theil, sie muss froh sein, wenn sie sich ihm gegenüber be- . hauptet. Nur solange ihre Vereinsamung währt, kann sie - als Eigenart bestehen bleiben und sich noch weiter ausbilden. Hört aber einmal diese Abgeschlossenheit auf. dann hat nach einem unerbittlichen Gesetze der Natur ihre Stunde geschlagen und sie verliert sich wieder allmählich im allgemeinen Typus. Gerade dieser Fall aber ist nun wirklich eingetreten < oder - ist, genauer gesagt, gegenwärtig im Eintreten begriffen. Es ist etwas geschehen, was der jahrhundertlangen Inzucht der Species mit einer Macht entgegenwirkte, der gegenüber sie zuletzt versagen musste. Eigenlich .geschah es in zwei zeitlich und inhaltlich weit von einander abstehenden Acten. Der erste war die Zerstreuung der Juden über den Erdball. Er schuf nur die Möglichkeit^ der künftigen Vereinigung. Diese selbst ward erst gegeben, als sich im Anschlüsse an die grossen gedanklichen, politischen und socialen Umwälzungen der letzten Jahr- < hunderte eine internationale Culturmenschheit zu bilden begann, in der mehr und mehr, ob anerkannt und gelitten oder nicht, auch die Juden ihren Platz einnehmen. Jn diesem von gewaltigen Entwicklungsthatsachen zusammengehaltenen Kinge brauchen sie wohl ebensowenig wie die anderen Völker ihre Nationalität einzubüssen, müssen sie •; aber Stück für "Stück von ihren sonderbar abgearteten Lustempfindungen gegenüber Leben und Kunst abgeben. Plötzlich wieder durch tausend Bande mit der übrigen Welt vermählt, die in ursprünglicher, wenn auch mittlerweile.; verfeinerter Menschenweise Leben trinkt, — müssen sie von ihrem ebenso langen als interessanten Ausfluge in das - Land des Ueber-dem-Leben-Sehwebens in das Land der Lebensünmittelbarkeit zurückkehren. Und so werden sie fähig, Dramen zu gemessen und zu schaffen. Pantarhci. Aus dem Munde der Bibel. Vor mir liegt ein kleines schmales Büchlein. „Aus alten Zeiten", Gedichte von Maria Janitschek. Die Leser der „Welt" kennen diesen Frauennamen. Sie entsinnen sich einer Erzählung, die der wunderbaren Keuschheit des jüdischen Weibes huldigte. Diese Erzählung war von. einer grossen bannenden Glut erfüllt. „Königin Judith" war der Titel. Diese Dichterin sah ein einfaches jüdisches Weib, gross in seiner schlichten hüllenlosen Art, rein und unbezwingbar in der Macht seiner meerestiefen Liebe. Und sie sah den königlichen Keif über der Stirn dieses Weibes. Daran; muss ich bei diesem kleinen Buche denken. Sie sieht die heimliche Krone auf dem Haupte unseres Volkes. Die Sammlung enthält altjüdische und altchristliehe Gedichte. An den letzteren ist uns bemerkenswert, das.-. Jesus nur als ,,der letzte von Israels Helden söhnen" „zum grossen Lichtsaal" aufsteigt, „wo von Gnadenzeit zu Gnadenzeit der Alte der Tage eine neue Leuchte schafft, die Sterblichen den Weg zur Freiheit weist". Im ITebrigvn kann uns hier nur der erste Theil beschäftigen. Wenn wir diese Gedichte mit anderen uns bekannten biblischen Dichtungen vergleichen, etwa mit Byrons „Hebräischen Melodien" oder mit dem „Juda" Börries Münchhausens, fällt uns Eines auf: die Hingabe. Die Dichterin schmiegt ihre Seele an die Seele der Bibel, sie legt ihr Ohr an einen unsichtbaren Mund. Das konnten Jene nicht. Byron nicht, weil er so stark und abgeschlossen war, dass er nichts anderes als sich selbst und das Bild seiner Sehnsucht zu sagen vermochte. Münchhausen aber liebt allzu sehr die laute rauschende Rede, als dass er die stille, schwere Art der Bibel in sich walten lassen möchte. Möge der Eine an Tiefe des Geistes und der Schwermut, der Andere an Fülle und Wohlklang des Tones sie übertreffen, dieses Eine, die Hingabe, ist Marie Janitschek allein eigen. Aus dem Munde der Bibel hat sie ihre Dichtungen erlauseht. Erst liebte sie das Buch, dann lernte sie das Land des Buches und das Volk des Buches lieben. Einmal aber, in dem die Sammlung eröffnenden Gedichte „Herkunft", findet sie Worte für die Einheit von Land und Volk. „Wo Wasser kostbar wie Fürstenblut, Wo die Nacht voll Räthsel und heimlicher Glut, Wo Engel verlangend zur Erde steigen, Und schlanke Palmen im Samum sich neigen : Da kommen sie her, geheimnissvoll, Thrc Liebe ist brennend wie ihr Groll c<r Und ein andermal, im „Moses", Worte für die Erlösung des Landes durch das Volk, für die Erlösung des Volkes durch das Land. „Sie werden wandern Jahr um Jahr, Jahr um Jahr So weiter wandern, Bis das geträumte Wunderland, Die Heimat, die glühend begehrte Sich aufthut vor ihnen. Bis den abgezehrten Leibern Die verlorene Jugend wieder spendet Der Anblick des väterlichen Bodens, Der Quelle, die ihre Mütter tränkten, Des geliebten Tempels .... Man sieht: hier greift die Dichterin über ihren Stoff hinaus. Es ist nicht mehr die biblische Wüsten Wanderung, die sie schaut* nicht die biblische Ankunft in Kanaan, . 011dern der Zug durch die Jahrhunderte und die künftige Wiedergeburt. So entstehen überall, wo ein Stück tiefen alt jüdischen Lebens zu Dichtung oder zu Kunst wird, Symbole für das Walten ewiger, das Volksschicksal gestaltender Mächte. Es ist beinahe, als sei die jüdische Unruhe, die jüdische Sehnsucht nach dem Kosmos auch an jeden grosesn jüdischen Stoff geknüpft, so dass er sozusagen sich selbst nicht genügt und über sich hinausßtrebt ins Weltenweite.

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