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Die Welt · 1901-09-13 · 37 (13.9.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
37 (13.9.1901)
Article
Ohne Drama
Date
1901-09-13
Page
8 (sequence 1)
Language
German
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Seite 8 .BM.^Wem N*. 37 Ohne Drama. Das Drama bezeichnet den . Gipfelpunkt der Dichtkunst. So lautet eines jener Meist- und Mindesturtheile, wie sie dem ungeduldigen Einschachtelungsbediirfniss der gebildeten und ungebildeten Menge eigen sind. Der geduldig forschende Geist liebt diese unzureichende und plumpe Art von Wertung nicht. Er weiss gar wohl, dass es keinen unbestrittenen Massstab gibt — dieser wechselt ja nach der Beschaffenheit der zugrunde gelegten Schätzungseinheit — und. dass für die Erklärung einer Erscheinung noch wenig gethan ist, wenn man sie nur an irgendeinen Punkt irgendeiner Rangordnung stellt. Den Denkenden drängt es vielmehr, in die Fülle des eigentümlichen Wesens jeder Erscheinung einzudringen, zu zergliedern, zu beschreiben, zusammenzufassen, kurz, unabhängig von ihrem sehr unsiehern Tauschwert ihren innern Wert auszuschöpfen. Wer in dieser geistigen Verfassung an die Frag«? herantritt, warum die Hebräer kein Drama entwickelten, wird vor allem davor bewahrt bleiben, das Thema zugunsten eines andern zu verschieben, d. h. statt über die Frage selbst über die antisemitischerseits behauptete Inferiorität der Juden zu sprechen. Und es wird dies nicht zum Schaden der Wahrheit ausfallen, die bei dieser Methode niemals zu kurz kommen kann. Wir wissen, dass das Drama der alten Völker, wie z. B. das der Hellenen und Inder, aus religiösen Anfängen herausgewachsen ist. Vor versammeltem Volke wurden Stücke aus der Lebensgeschichte einer Gottheit oder Gesänge zu ihrem Preise vorgetragen. Mit der Zeit wuchs die Zahl der Mitwirkenden und kamen neue Stoffe hinzu. Alles das ist recht einfach und einleuchtend. Aber erklärt ist damit sehr wenig. Das zeigt gerade die Geschichte Israels am besten. Das hebräische Volk war doch sicherlich nicht arm an religiösen Handlungen, die, sollte man meinen, den Keim des Dramas in sich hätten entwickeln müssen. Schon in frühester Zeit, zumal aber, seit sich das Heiligthum in Jerusalem erhob. Ein glanzvoller Gottesdienst, der sich in einer bunten Reihe scenischer Handlungen abwickelte, grossartige Aufzüge mit strenger Rollenvertheilung, brausende Levitenchöre, lyrische Ergüsse zu dramatischer Wirkung steigernd! Und dennoch gieng aus allen diesen Vorgängen kein hebräisches Drama hervor. So muss es denn also, damit ein Volk dramatisch zeugungskräftig werde, auf etwas anderes ankommen, als auf die blosse Thatsache primitiver religiöser Veranstaltungen. Diese sind offenbar nur ein dem Zeugungsacte günstiges Milieu, der Keim selbst muss aus tieferen psychologischen Nothwendigkeiten kommen, die die religiöse Art selbst bedingen und ihrerseits wieder auf irgendwelche Endursachen materieller Natur zurückzuführen sein werden. Das geht auch aus einer andern Betrachtung hervor. Wenn wir nämlich das Drama der modernen Culturnationen hinsichtlich seiner Entstehung ins Auge fassen, so spielen bei dieser religiös-melodramatische Urvorgänge überhaupt keine Rolle. Es gilt dies für die sogenannten geistlichen Stücke nicht minder als für die weltlichen. Hier wurde das Drama von den classisehen Völkern übernommen, wobei man sich aber hüten muss, der LTebernahme selbst zeugende Kraft zuzuschreiben. Sie ist wieder nichts anderes als die günstige Gelegenheit der Zeugung. Die Zeugungsfähigkeit selbst aber konnte ebensowenig übertragen und übernommen, als durch religiöse Veranstaltungen aus dem Nichts geschaffen werden. Sie musste vielmehr in beiden Fällen, sowohl für das neue als das alte Drama auf bestimmten seelischen Voraussetzungen beruhen. Nun ist im Grunde die Kunst überhaupt nichts anderes als eine Form des Lebensgenusses. Demnach hat jede Gesellschaft die Kunst, welche die ihr eigenthümlichen Kunstgelüste befriedigt. Und die Künstler sind nur die von der Gesellschaft selbst hervorgebrachten Organe zur Befriedigung dieser Lüsttriebe. Auf unseren Fall angewendet: Nur bringt1 Drama und Dramatiker hervor, die kraft ihrer seelischen Eigenart auf die aus dem Drama sich ergebenden Lustempfindungen erpicht ist. Diese besondere Art von Lustempfindungen gilt es zu bestimmen. Das kann nicht so schwer sein. Dazu bedarf es keines hilfswissenschaftlichen Apparates. Es genügt einfach die Erkenntnis dessen, was f ür das Wesen des Dramas entscheidend und unterscheidend ist. Dies ist aber — bisher Unbestrittenermassen —'■ die „Handlung", d. h. das unmittelbare Abrollen menschlicher Lebensbeispiele. Ein Volk, in welchem eine starke Freude am unmittelbaren Leben wohnt, eine so starke Freude, dass sie die Lust am Begrübein, am Beschreiben, am Bejubeln und Beklagen des Lebens übersteigt, — ein solches Volk wird nicht eher ruhen, als bis es sich neben dem Epos und dem Liede ein Drama geschaffen hat. Alles Leben ist ihm zu wenig. Darum geht es ins Theater, um noch Leben zu trinken, — künstliches und künstlerisches neben dem natürlichen und alltäglichen. So kamen die Hellenen , und Inder zu ihrem Drama. Die Hebräer aber kannten dieses wollüstige Sich versenken ins unmittelbare Leben nicht. Im Gegentheil,. sie hatten eine Art lüsternen Verlangens, vom Luftschiff ihrer Gedanken und Empfindungen auf das Leben herabzusehen. Wenn grosse kosmische Tragödien, wo Welten und Ewigkeiten aufeinander platzen, überhaupt denkbar wären, dann hätten vielleicht auch die Hebräer ein Drama geschaffen. Aber, das menschliche Leben, das sie tief unter sich sahen und das für sie eben nur den mystischen Reiz der fernen sinnenden Beobachtung hatte, — das konnte keine dramatischen Keime in ihre, Begeisterungen sonst so zugängliche Seelen pflanzen. Warum die hebräische Volksseele so geworden ist? Kein Zweifel, dass irgendwelche materielle Verhältnisse sie so gestaltet haben. Vielleicht liegen diese, — ob Rassen¬ oder ökonomische Momente oder beides zusammen — in uralter vorgeschichtlicher Zeit und sind in gleicher Weise für die künstlerischen Anlagen der übrigen Vorderasiaten und der Aegypter, die ja auch kein Drama haben, massgebend geworden. Vielleicht sind sie jüngeren Datums. Es ist ja möglieh, dass diese hebräische Unfähigkeit zur Leben sextase 'Wirkimg und vererbte Nachwirkung der ägyptischen Sklaverei war. Gegen beide Vermuthungen sprechen allerdings, als ein sehr gewichtiges Bedenken, die Schicksale des hebräischen Volkes vom Augenblicke der Landnahme ab. Diese vielen Jahrhunderte eines freien, ziemlich derben und kriegerischen und dabei doch durch ein Ideal über den ewigen Alltag emporgehobenen Daseins hätten doch hinreichen müssen, um die Erbschaft aus vorgeschichtlicher oder ägyptischer Zeit wenn nicht ganz zu tilgen so doch durch eine entgegengesetze Entwicklungstendenz wett zu machen. Es ist daher auch ganz und gar nicht ausgeschlossen, dass sich in jenen Zeiten geradezu Keime dramatischer Dichtung gebildet haben, die erst später wieder, zusammen mit einer gewiss hochausgebildeten weltlichen Epik und Lyrik, so gründlich vernichtet wurden, dass sie selbst aus dem Gedächtnisse des Volkes schwanden. Ist diese beispiellose Poesie^Sintflut Thatsache, dann kann sie nur auf eine ISTeuerstarkung des Hanges zum Ueber-dem-Leben-schweben zurückzuführen sein. Was aber diesen grossen geistigen Rückschwung herbeigeführt hat? Um diese Frage erschöpfend zu beantworten, dazu fehlen uns die Anhaltspunkte. Die wachsende moralische Macht des Prophetenthums gegenüber dem König- und Priesterthum ist ein Fingerzeig, mehr aber nicht. Denn auch sie ruft wieder nach einer Erklärung, Vielleicht walten hier wirtschaftliche Mitursachen, die wir heute nicht mehr erkennen; können, vor. Wenn aber nicht? Nun, dann hätten wir es wirklich mit dem Spätlingssiege einer ererbten

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