Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Article
- Julianus Apostata und der Zionismus
- Date
- 1901-09-06
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36 .Die s£ Welt66 Seite 9 Aus Antiochien ertheilte er alle Befehle für dieses schwierige Unternehmen. Es gehörte zu denen, die nur durch das Zusammenwirken der kaiserlichen Macht und des jüdischen Reichthums gelingen konnten. An den Tempel war übrigens stets der Name eines Fürsten geknüpft: Es hatte den Tempel Salomons, es hatte den Tempel des Herodes gegeben, es würde den Tempel Julianus geben. Das Werk nahm sogleich einen offiziellen Charakter an. Julianus ernannte einen Leiter der Arbeiten. Es war dies eine hervorragende Persönlichkeit, Alypius, der ehedem die Bretagne verwaltet hatte. Man besitzt zwei Briefe Julians an diesen Beamten; der eine, in einem seltsamen Stil geschrieben, scheint auf seine Absichten betreffs Jerusalem Bezug zu haben. „Ich brauche viele Menschen," sagt der Kaiser, „um aufzurichten, was traurig gefallen war." Der andere lobt „die mit Sanftmuth verbundene Festigkeit, die Mischung von Güte, Vernunft, Strenge und Energie", die Alypius in der Behandlung der öffentlichen Angelegenheiten bewiesen hatte. Julianus dankt ihm darin für die Uebersendung eines geographischen Werkes, das von einem Plan begleitet und mit jambischen Versen geschmückt war. Handelt es sich um eine Besehreibung und einen Plan der Bretagne oder um eine Beschreibung und einen Plan von Jerusalem? Der immer dunkle Stil lässt es nicht erkennen. Sehr bedeutende Summen, „unmässige", nach dem LTrtheile des Ammianus Marcellinus, wurden für die Arbeit bestimmt und Alypius zur Verfügung gestellt. Seinerseits machte das jüdische Volk Anstalten, dazu beizutragen. Die ungeheuren Schätze, die dem Patriarchen zur Verfügung standen, bildeten einen bereiten Fonds. Die Begeisterung des Volkes fügte freiwillige Gaben, dazu. Die Frauen beraubten sich ihres Schmuckes, brachten ihre Juwelen herbei. Einige sollen sogar Luxuswerkzeuge, silberne Schaufeln, um die Erde zu graben, silberne Körbe, um sie zu transportieren, verfertigen lassen haben.. Man bereitete sich zur Wiederaufrichtung des Tempels wie zu einem nationalen Unternehmen und zu einem Feste zugleich. Die Arbeiten begannen mit Demolierungen. Man musste reinen Platz bekommen, um ein neues Gebäude nach einem weiteren Plane zu errichten. Die Fundamente, die in der Erde geblieben waren, die verkohlten Ueberreste des alten Tempels sollten vor aller anderen Arbeit beseitigt werden. Die von Alypius und dem Statthalter der Provinz beaufsichtigten Arbeiter und eine grosse Menge von Juden, die sich freiwillig angeboten hatten, gierigen mit Eifer daran. Frauen sogar, in grosser Toilette, bedienten die Arbeiter und trugen Erde in den Falten ihrer Kleider . . . Die Juden glaubten sich in die Zeit der Propheten zurückgekehrt. Sie fühlten sich zum erstenmale seit drei Jahrhunderten ihrer Zukunft sicher . . . In dem weiteren Verlaufe des uns vorliegenden Artikels wird erzählt, wie fortdauerndes Erdbeben und andere Katastrophen ein Abbrechen der Arbeiten bewirkten, wie Julianus plötzlich seinen Plan aufgab und das Drama der Diaspora ungehinderten Fortgang nahm. Brief aus Ungarn. Von Dr. J. Rönai (Baläzsfalva), „J ü d i s c h e Ueberschwem m u n g". So nennt das in Nngy-Szeben (Heimannstadt) erscheinende rumänische Tageblatt „TribumV" (Nr. 149) die am Hungertuche nagende und jede harte Arbeit gerne leistende jüdische Bevölkerung des nordostungarischen Comitats Märmaros. Dieses auf niederem Niveau stehende, trotzdem vielgelesene und in fast allen Schichten der Nationalitäten beliebte Hetzorgan lässt sieh aus M.-Sziget schreiben, dass gelegentlich der dort tagenden Industrieausstellung eine Conferenz geplant würde, um die Bevölkerung von der Ausbeutung durch die Juden zu befreien, und erklärt: „E s w ä r e zu wünschen, dass endlich einmal eine ernste Bewegung (miscarea) gegen die Judenlegionen begonnen werde, da sonst die arme unglückliche rumänische Bevölkerung auf den Bettelstab kommt/' Aber warum sollte dieses die Juden hauptsächlich wegen ihres Ungarthums verfolgende Tageblatt besser sein, als die chauvinistisch-ungarischen Organe der radicalen Aeusserstlinken, namentlich „Magyarorszäg" (Budapest) und „Ellenzek" (Klausenburg)? Letzteres veröffentlichte im letztverflossenen Winter eine lange Artikelreihe unter der sensationellen Bezeichnung „Reise im Khasarenlande", worunter das Gebiet der nordöstlichen Comitate gemeint sein will, das die gefährlichen schrecklichen Juden verwüstet haben sollen. Wenn man Juden mit verstörten Gesichtern und scheuen Blicken begegnet, so sei das — nicht etwa, wie wir meinen, der drückenden Noth und allseitigen Verfolgung — sondern nach Versicherung des edlen Bedeteurs und hochmögenden Deputierten Nikolaus B a r t h a einzig und allein dem unausgesetzten gierigen Haschen nach Gelderwerb zuzuschreiben. Kaum war voriges Jahr die erste unsichere Vermuthung von der bevorstehenden Durchreise einiger aus Kumänien auswandernder Juden ins Land gedrungen, da brach in der Sieben uiirger Presse ohne Parteiunter schied sofort ein Jammergeheul ob der hereinbrechenden Barbaren in vasion los. Alle forderten die strengsten und grausamsten Polizeiverfügimgen. „Ellenzek" legte der Regierung ans Herz, es sei ihre heiligste Pflicht, dafür zu sorgen, dass die rumänische Bevölkerung ein gutes sicheres Auskommen habe und dieses von den Juden nicht bedroht werde, dann würde das Wohlwollen und die Anhänglichkeit der Rumänen an die ungarische Staatsidee gewonnen und gesichert werden. Und derlei zu schreiben., vermass sich das Blatt, das Jahr aus Jahr ein gegen das Rumänenthum zu schüren und zu hetzen und die ins Unendliche hinaufgeschraubte Magyarisierung der Juden anzutreiben sich nie des Guten genug thun konnte. Die Verbreitung des Ritualmordglaubens in Siebenbürgen greift immer mehr um sich. Das bekannte jüdische Assimilantenblatt „Egyenlöseg" bildet sich ein, dass die heutige Situation der Connivenz der Regierung zur Last falle, und dass es unter dem gewaltsamen Regime BäniTys nicht so wert gekommen wäre. Dies scheint mir ein schiefer Gesichtspunkt zu sein, denn elementaren Volksströmungen vermag die ehrlichste Regierung nicht dauernd zu widerstehen, und je zäher die Dämme die heranstürzenden Wogen zurückschlagen, umso wilder und verheerender der endliche Durchbruch. H. Stewart Chamberlain und seine Beunheilung das Judonlhums*.) Von B e r n a r d T a g. (Schluss.) Du findest, mein Freund, es sei nicht ganz berechtigt, wenn ich sagte, dass man noch bis vor kurzem dem Judentliuin oder einem grossen Theil desselben den Vorwurf materialistischer Denk- und Empfindungsart machen konnte. Nun, ich hoffe, Du wirst mir zustimmen, wenn ich mich ein wenig näher erkläre. Die besondere Signatur des Judenthums ergibt sich, wie übrigens die eines jeden anderen Volkes, aus zweierlei Momenten: aus seiner Stellung zum allgemeinen Völkerleben, aus dem Antheil, den es an diesem nimmt und zu nehmen fähig ist, und ferner aus den inneren Trieben, die es als eine eigenthüinliche Individualität bewegt und aus denen besonders nationale Gestaltungen hervorgehen. Die Zeiten sind nicht gar so entlegen, da der Antheil des Judenthums an jenem Völkerleben, welches man in dem einen Ausdruck „abendländische Cultur" zusammenzufassen pflegt, kein besonders hervorragender war; die meiste Thätigkeit desselben bekundete sich in nationaler Form. Und wenn auch diese letztere bei dem Mangel an freier Entfaltung keinen imponierenden Inhalt aufweisen konnte, so war dennoch jene eng beschränkte Welt von herzlicher, von inniger Poesie durchweht, einer Poesie, welche dem in jeder Beziehung gebrochenen Leben unseres Volkes so einen unsagbar schmerzlichen, aber auch unaussprechlich zarten Ton gedämpfter Lust und gedämpften Leidens verliehen hat. Das Band der Familie und das Band nationaler Gemeinsamkeit knüpften sich *) Siehe „Die Welt", Nr. 22, 24, 26, 28 und 34.