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Die Welt · 1901-09-06 · 36 (6.9.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
36 (6.9.1901)
Article
Julianus Apostata und der Zionismus
Date
1901-09-06
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die # Welt" Nr^«6, in Ehrfurcht und Angst zugleich vor diesem unbezwingbaren Volke, das nicht sterben wollte, bewilligten sie den Juden der Zerstreuung alle mit dem Exil und dem Gehorsam vereinbaren Privilegien. Daher die halb unabhängige Existenz ihrer Gemeinschaften; Ausnahmen aller Art^ politische und finanzielle; erhaltene Nationalgebräuche; tolerierte Religion. Im Gegensatze zu den anderen TJnterthanen Roms, die es sich rasch assimiliert hatte, blieben sie unauflösbar, eine Rasse für sich, ein abgesondertes Volksthum mit einer getrennten Religion, mit traditionellen Sitten, nur deshalb nicht offensiv, weil sie über die ganze Fläche der römischen Welt verbreitet waren, in Europa, in Afrika, in Asien, statt in einem einzigen Lande concentriert zu sein. Diesem Volke Landesgrenzen zurückzuerstatten, das nur schwach war unter der Bedingung, dass es keine solchen hatte, diese verschiedenen Gruppen zu vereinigen, die nur deshalb gefahrlos waren, weil sie isoliert blieben, das war vom Gesichtspunkte der römischen Politik ein ungeheuerlicher Widersinn. Eine solche Absicht konnte nur in dem Geiste eines Fürsten entstehen, der entweder den Traditionen der Regierung fremd war oder von einer starren Idee beherrscht wurde, die ihn nichts anderes mehr sehen Hess als nur seinen Traum. So war Julianus geworden. Zehn Jahre, nachdem diejenigen Juden, die eine langsame Infiltration nach Palästina zurückgeführt hatte, sich erhoben und die Warfen ergriffen hatten, erklärend, dass sie den Römern nicht mehr gehorchen werden, und sich erst von neuem unterwarfen, als Ströme von Blut geflossen waren, fasste Julianus den Entschluss, ihren Tempel wieder aufzurichten, das vornehmste Symbol ihrer Nationalität und ihrer Religion, und ringsumher die jüdische Einheit wieder herzustellen, auf die Gefahr hin, daraus eine drohende Gefahr für die römische Einheit wieder erwachsen zu lassen .... Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus hat von der Zerstörung Jerusalems und dem Falle des Tempels eine Erzählung hinterlassen, die eine der grossen und bewegenden Seiten der Geschichte ist. Man erinnert .sich daran, wie Titus die weite Ausdehnung und die herrlichen Einzelheiten des Tempels bewundert und sich denen widersetzt, die ihn zerstören wollen. Ein solches Denkmal erhalten, hiesse seine Herrschaft und das Kaiserthum ehren. Aber man erinnert sich auch, wie ein Soldat das Feuer warf, wie der Tempel in Asche sank, trotz aller Bemühungen, ihn zu retten, wie die vom Feuer verschonten Mauern bis zu den Grundfesten niedergerissen wurden, wie die Stadt, mit Ausnahme von drei Thürmen und einigen Wällen, dem Boden gleichgemacht wurde. Seit diesem Unheil wurde der Jahrestag der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels für die Juden ein Tag nationaler Trauer. Man sah sie in Scharen auf den Ruinen des Tempels weinen oder mit Oel einen durchbohrten Stein begiessen, der die Stelle des Allerheiligsten bezeichnete. Hieronymus, der Zeuge dieses Schauspiels war, hat es in ergreifenden Worten beschrieben: „Eine düstere Menge, ein jammervolles Volk, dem das Mitleid versagt wurde, sammelte und näherte sich. Es gab da entkräftete Frauen, Greise in Lumpen. Alle weinten. Und während Thränen ihre Wangen überschwemmten, während sie ihre fahlen iVrme erhoben und ihre wirren Haare rauften, kam der Soldat heran und verlangte von ihnen Bezahlung für das Recht, noch ein wenig zu weinen." Es war dies der einzige Tag, an dem den Juden für Geld gestattet war, nach Jerusalem zu kommen. Das Verbot, dahin zurückzukehren, schien im dritten Jahrhundert in Vergessenheit zu gerathen; aber es wurde durch Constantin erneuert, vielleicht infolge eines neuen Aufruhrs, von dem Johannes Chrysostomus spricht. Gregor von Nazianz bestätigt, dass das Verbot zu seiner Zeit noch bestand. Nach den Absichten Julians sollte dieser Zustand der Demüthigung aufhören. Anstatt auf den Trümmern des zerstörten Tempels zu klagen, sollten die Juden als Sieger in einen neuen Tempel einziehen und, ein auferstandenes Volk, von ihrer heiligen Stadt' Besitz ergreifen. Der Brief, durch den Julianus seine Absichten der jüdischen Gemeinschaft mittheilte, ist einer der merkwürdigsten, die er geschrieben hat. Er beginnt mit der Ankündigung der Aufhebung einer speciellen Judensteuer, deren Acten die Räthe seines Vorgängers Constantin vorbereitet hatten, die aber noch nicht angewandt worden war. „Ich habe," sagte er, „diese Acten in meinen Archiven gefunden, und ich habe sie ins Feuer geworfen." Das ist ihm eine Gelegenheit, noch einmal die unglücklichen Räthe herabzusetzen, deren Mehrzahl er schon durch Verbannung oder Tod bestraft. hatte. „Ihr habet weniger meinen Bruder Constantin zu tadeln, als vielmehr die Verstandesbarbaren und Seelenatheisten, die an seinem Tische assen. Ich habe sie gepackt, sie-in den Abgrund geworfen, und sie auf eine solche Weise zugrunde gehen lassen, dass nicht einmal die Erinnerung ihres Verschwindens in unserer Mitte geblieben ist." Sich hierauf als Freund den inneren Angelegenheiten der Gemeinschaft zuwendend, benachrichtigt Julianus die Juden von seinen Bemühungen, die Missbräuche aufzuheben, die sie ihrem Patriarchen und seinen Werkzeugen vorwarfen. Seit dem Falle Jerusalems hatten die Juden an ihrer Spitze einen von der römischen Autorität officiell anerkannten Vertreter ihres Volkes, der den Namen Patriarch trug, und dem die Kaiser den Titel Illustris, wie den grossen Persönlichkeiten des Kaiserreiches, bewilligten. Dieser missbrauchte manchmal seine Macht, um den jährlichen Tribut zu vergrössern, den ihm alle Synagogen des Orients und des Occidents schuldeten. Er wurde nach dem Ausdrucke eines Kaisers des 4. Jahrhunderts, „der Räuber seines Volkes", oder, wie es Johannes Chrysostomus in gemässigteren Worten gesagt hat, er bediente sich feiner Vorrechte als Handeltreibender. Die Einhebung der Subsidien wurde in seinem Namen von Agenten durchgeführt, die Apostel genannt wurden und die in die verschiedenen Provinzen geschickt wurden, wo es Juden gab. Jene wurden leicht unpopulär, wie alle Steuereinnehmer. Es ist wahrscheinlich, dass sie unter der Herrschaft Julians ihre Glaubensgenossen stärker gepresst haben. Wenigstens scheinen die Klagen lebhaft gewesen zu sein. Der Kaiser beeilte sich, ihnen Gehör zu geben. Ersah darin eine ausgezeichnete Gelegenheit, der Masse der jüdischen Bevölkerung auf Kosten der Würdenträger zu schmeicheln, die sie nicht liebte. „Da ich," schreibt er, „Euch noch angenehmer sein will, habe ich unseren Bruder Julius, den sehr ehrwürdigen Patriarehen, aufgefordert, das bei Euch sogenannte Apostolat zu reformieren und niemandem mehr zu gestatten, Euch mit solchen Steuern zu bedrücken." Die Folge des Briefes erinnert die Juden an die Dankbarkeit, die sie Julianus für „die vollkommene Sicherheit, die sie unter seiner Herrschaft gemessen", schulden. „Ich verlange von Euch," fährt der Kaiser fort, „den Beistand Eurer heissesten Gebete, an den Meister aller Dinge, den Gott Schöpfer gerichtet, dessen reine Hand meine Stirn der Krone gewürdigt hat." Julianus schliesst mit einem neuen Versprechen. „Wenn ich von dem Kriege gegen die Perser siegreich heimkehre, werde ich nach Wiedererbauung Eurer heiligen Stadt Jerusalem, die Ihr seit so vielen Jahren bewohnt zu sehen wünschet, sie wieder bevölkern und in ihr mit Euch dem Allmächtigen Dank erstatten." Gregor von Nazianz berichtet, dass Julianus, der die Bibel und sogar die Kunst, sich ihrer zu bedienen, kannte, unter den Juden eine Sajnmlung von Stellen der heiligen Schrift hatte verbreiten lassen, in denen die Rückkehr in die Heimat, die Aufrichtung des Tempels von Jerusalem, die Wiederherstellung ihres Gesetzes und ihrer Bräuche prophezeit war. Er wartete nicht die Heimkehr von Persien ab, um die Wiederaufbauung des Tempels vorzubereiten.-

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