Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-09-06 · 36 (6.9.1901) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
36 (6.9.1901)
Article
Betrachtungen einer Philozionistin
Date
1901-09-06
Page
5 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315942-3399577--27929-3399686
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 36 „Die £ Weit" Seite 5 abstechende Erscheinung ausmachte. Kaum dass man je die. Thatsache constatierte: der oder jener ist Jude. Geschah es ja, so geschah es nicht anders, wie wenn man sagt: Der oder jener ist ein Protestant, oder meinetwegen: Der oder jener ist Franzose. Das war gewiss nicht die richtige Stellungnahme zum Judenthum unter uns, aber immerhin gab es diesen Menschen einen Zug von Grösse, dass nur das Menschliche ohne Unterschied für sie in Betracht kam. Ob einer Bedeutendes war, Bedeutendes that oder schuf, eigenthümlich, stark, beweglich, anregend war — nichts weiter! Natürlich waren gerade deshalb viele Juden in dieser Gesellschaft. Damals wurde mir kaum klar, oh und inwieweit einer Jude war, und ich suchte keinen von diesem Gesichtspunkte zu verstehen und that somit jedem von ihnen unrecht. Denn wäre ich mir dessen bewusst geworden, ich hätte manches an ihnen besser erfasst, manches nicht verlangt, manches mehr gewürdigt. * Spät erst empfand ich die Sonderstellung der Juden unter uns. Einmal ist sie mir in erschreckender Weise nahe getreten. Es war in Zürich im Herbst vor zwei Jahren. Ich sass am Fenster meines Parterrezimmers und übersah ein kleines Stückchen der einsamen Strasse und einen grossen hübschen Garten. Die Strasse, die kaum, je ein Wagen befuhr, war ein rechter Tummelplatz f ür Kinder. Da spielte denn auch an jenem Spätnachmittag ein lebhaftes Völkchen von Kleinen und Kleinsten einträchtig lärmend herum. Dicht vor meinem Fenster sass ein niedliches, schwarzäugiges Bübchen im Sand und erfreute sich friedlich seines Spielzeugs: einer kleinen Schaufel und eines Eimerchens. Bald kam ein kleiner Zauskopf herbei und wollte dem Bübchen Schaufel und Eimerchen abnehmen. Der Besitzer wehrte sich, es entstand ein Kampf, aus dem der rechtmässige Herr als Sieger hervorgieng. Nun erhob sich der Unterlegene, und mit einer Fertigkeit und Eile, die bei dem kleinen Bürschchen überraschte, kam eine Flut von Schimpfwörtern zutage, die den Kleinen als „Judenkind" verhöhnten. Im Nu waren sämmtliche Kinder da, standen im Kreise um den kleinen Juden und spotteten, neckten und zupften, bis der Kleine jammervoll heulte. Ehe ich einschreiten konnte, erschien ein etwa achtjähriges Schwesterchen des Beschimpften und gab, vor dem Kinde stellend, die Schmähungen wohlpointiert mit solcher Gewandtheit zurück, dass man sehen konnte: diese Kampfesweise wurde täglich geübt. Und das hübsche Kindergesicht verzerrte sich, die Augen wurden stechend, und mit verzweifelter Wuth schlug sie um sich. — Als die beiden Geschwister längst verschwunden waren, vergnügte sich die kleine Gesellschaft von „Christen" noch lange damit, die schönsten und bewährtesten der Juden Schmähungen in den Abend hineinzurufen — nur so, zum Vergnügen. *• Um jene Zeit trat mir der Zionismus zum erstenmale anders als episodisch näher. Es tagte der dritte Congress in Basel. Ich wusste kaum mehr als den Namen und kaum des Namens Bedeutung. Da geschah mir, dass ein Menschenmund mit wunderbarer Gewalt zu mir sprach. Es war zuweilen, wie wenn ein Kind schüchtern redete, stockend, zart, bange, ob es Yv7iederhall fände. Und dann und wann überzog die scheue Rothe einer unberührten Seele das Antlitz dieses Menschen. Es war so, dass mir das Herz stille stand, rührend und heilig. Und dann war es wieder, als spräche er mit ehernen Zungen, als brausten alle Glocken der Welt über mich hin. Es war kein einzelner Mensch mehr, urgewaltig zogen die ungeheure Sehnsucht, Wunsch und Wille eines ganzen Volkes wie mit Stromesgewalt daher. Ich weiss nicht viel vom „Für und Wider" und habe nie viel darnach gefragt. Es kam über mich wie alles Grosse im Leben und wie das Leben selbst — kam und nahm mich hin. Ich denke nicht, dass es für die Bewegung Wert, Sinn oder Bedeutung habe, dass Menschen wie ich ihr angehören. Doch für mich ist es herrlich, dass im Leben Dinge wie dieses über einen kommen können, Dinge, vor denen sich Zaghaftigkeit und Zweifel verkriechen wie armselige Nachtvögel vor der Sonne.------ * Zuweilen fand ich Gelegenheit, mich vor dem oder jenem für den Zionismus zu bekennen. Da kommt zuweilen Köstliches zutage. Von Missverständlichkeiten und allgemeinen Phrasen der Erwiderung, gedankenlos, schnell und schlecht geprägt, braucht man nicht zu reden. Sie sind nicht gar erquicklich und sehr häufig. Aber manchmal findet man einen jener „Ueberlegenen", die ein so prächtiges und mitleidiges Lächeln zur Antwort haben, das da heisst: „Armer, phantastischer Teufel \" Hinter jenem Lächeln steht ein dürftiges Wörtchen „Ich" und fragt: Kommt dabei etwas für mich heraus? 0, vor jenem mitleidigen Lächeln der Ueberlegenen fühlt man sich so königlich reich, jung, stark und verschwenderisch. * Es ist, als ob über jedem jüdischen Haupte eine Dornenkrone schwebte. In. dem Auge des kleinsten Kindes leuchtet als heimliches Feuer der tausendjährige Schmerz. Und ihr Lächeln schimmert von heimlichen Thränen. Und alle Seelen umspannt festgeschmiedet ein einziger starker Reif — unbezwingiieh, die alte Sehnsucht nach der alten Erde. Zionist ist jeder Jude. Das ist wahr — nicht jeder weiss es, nicht jeder bekennt es. Aber im tiefsten Grunde aller Herzen wohnt das ersehnte Land — ein unsichtbares Königreich. Nur ergreifen müssen sie es, herausstellen, und es ist da, und der Duft seiner Erde steigt auf, ein gewaltiger Wunderthäter, und heilt Deine urtiefen Wunden, Du altes, krankes Edelvolk!----- * Und wenn Ihr wieder werdet Herren sein Eures Landen dann, wird ein Buch Eurer Geschichte geschrieben werde, herrlich wie die herrlichsten Bücher der Erde. Da wird stehei, vom Anbeginn Eures grossen Elendes, von dem Tage, da das grässlichste Verhängnis Euch zu Irrenden machte, von dem Tage, da Eure Heimat ihre treuesten Kinder verstiess, und es wird reden von jeder That, die unter Euch geschah, und von jedem Wort, das unter Euch gesprochen wurde von damals bis zu dem Tage, da Ihr wieder einziehen werdet, um Besitz zu ergreifen von Eurer Muttererde. Tiefer als Meerestiefen wird die alte Schwermuth aus diesem Buche leuchten und alle Herzen werden, vor ihr beben. Eure grosse Sehnsucht wird wie ein namenloser Stern darüber stehen mit süss-verschwiegenem Glänze, wie von Blut und Rosen. Eure Leiden werden aufgezeichnet sein, ja, einer wrird kommen, der mächtige Worte finden wird, für Deine Leiden, Du altes Volk! Und strahlen wird ihr Glanz über alle Länder, und alle Menschen werden sich ihnen neigen, und Du selbst, Du altes Volk, Du selbst wirst sie lieben, die heute tief verhassten! Wie mit einem Kranze aus Maienblüten wirst Du Deine Stirne mit ihnen krönen, und wie Ereudenfeuer werden sie über Deinem Festesreigen lolrn! Da wird Dein blasses Lächeln von Deinen Lippen schwinden, das nur Wehnmth im Herzen weckt, und lachen wist Du — hell wird Dein Lachen klingen, wie Davids Harfenklang. Und stark wist Du sein im Gedenken dann! Das wunderbare Buch Deiner Geschichte wirst Du ausbreiten vor Dir, Dein junges Kind wird auf Deinem Schosse knien, und Du wirst ihm die dunklen Bilder der Verbannung weisen. Da werden enge Gassen sich aufbauen, Häuser voll Armut und Jammer, da werden Menschen aufstehen, bleiche, gehetzte, mit fiebernden Augen, da werden Schmähreden ertönen und Steinwürfe fliegen. Da werden noch andere Bilder aufziehen: Blut wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.