Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Article
- Eine Ghettostimme über den Zionismus
- Date
- 1901-09-06
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 36 Hoffet ihr wirklich durch dieses „gam ze" die Völker menschlicher zu machen? Ist das Tapferkeit, wenn schon der Gedanke, dass, man euren russischen oder deutschen oder französischen Patriotismus verdächtigen und darum die euch als Gnadenbrot Inngeworfenen Eechte schmälern könnte, euer Blut gegen eine Bewegung in Wallung versetzt, die mit dem Patriotismus absolut nichts zu schaffen hat? Wie reimt sich dieser euer zur Schau getragener Patriotismus einerseits mit eurer Allmenschheit andererseits? Und was versteht ihr denn eigentlich unter „Patriotismus", dass ihr so demuthsvoll vor ihm den Hut ziehet? Glaubt ihr etwa, die Vaterlandsliebe sei ein immanentes, naturnothwendiges Gefühl, wie etwa das Hungergefühl, und nicht vielmehr heranerzogen durch eine laufende Reihe unzähliger Factoren? Von der einfachen Anhänglichkeit zur Scholle, zur Heimat angefangen, einer Anhänglichkeit, die auch Thieren eigen und nur Gewohnheitssache ist, bis zur glühendsten Leidenschaft, für die man opferfreudig Gut und Blut einsetzt, kann dieser Patriotismus sämmtliche Entwicklungsstufen durchmachen, je nach den unzähligen culturellen und ethischen Imponderabilien, die ihn grosszüchten, je nach den gemeinsamen Zielen und Hoffnungen, denen wir in einem gegebenen Lande mit unseren Compatrioten entgegenstreben, den Kämpfen, die wir zur Erlangung unserer socialen Freiheit gemeinsam durchkämpfen. Diese Vaterlandsliebe kann aber auch umgekehrt bis zum Nullpunkt herabsinken, ja, in Groll und Hass ausarten, wenn, trotz meines ehrlichen Strebens, ich als Fremder, als Eindringling, als Schmarotzer an fremdem Leibe behandelt, wie ein Paria ausgestossen, verachtet, der primitivsten Menschenrechte beraubt werde und nicht die geringste Hoffnung hegen kann, dass es je anders werde. Niedrig ist es, in diesem Falle Vaterlandsliebe zu heucheln und widersinnig einen Kampf mit dunklen Mächten aufzunehmen, die eine erdrückende Mehrheit bilden und meinen Appell an Menschlichkeit und Gerechtigkeit mit Kolbenschlägen erwidern. Wenn ich unter solchen Verhältnissen meinem Vaterland den Kucken kehre und mein Zelt unter freierem Himmel aufzuschlagen trachte, so ist das ebenso feige, wie es seitens der Hugenotten feige war, nach Aufhebung des Nantes'sehen Edictes Frankreich zu verlassen und ihr Nest in Südafrika zu bauen. Merkwürdigerweise ist uns Zionisten der Vorwurf der Feigheit und des Mangels an Patriotismus bis nun christlicherseits erspart geblieben und nur von unseren gegnerischen Glaubensgenossen gemacht worden, die, stets plus pape que le pape, ihre Vater- 3 an d streue nebst borniertem Unterthanen verstand auf Schritt und Tritt hervorkehren. Qui s'excuse — S'aecuse! Ganz ebenso steht es um die Bedenken jüdischerseits, ss die christliche Welt nie eine Besitzergreifung Palästinas durch die Juden dulden werde. Wie wisset ihr denn das, ihr klugen Leute? Und habt ihr's denn schon versucht? Warum vermüget gerade ihr so viel aus der Schule zu erzählen, während die Christenheit, mit dem Papst an der Spitze, sich so gründlich darüber ausschweigt?! . . . Die zionistische Bewegung ist, dank dem Häuflein entschlossener Männer, welche seit fünf Jahren ihre besten Kräfte dieser Volkssache widmen, in ein solch aussiehtsvolles Stadium getreten, dass es wahrlich seitens unserer jüdischen Gegner unverantwortlich ist, ihr System der Bekrittelung, Verspottung und Verdächtigung fortzusetzen. Worüber eigentlich spottet ihr denn, wenn nicht über eure eigene Impotenz? Wenn ihr für euer Volk nichts leisten wollet oder könnet, wenn ihr bis jetzt, trotz eures praktischen Sinnes, eurer Vorsicht und Superklugheit, höchstens euer eigenes Schäfchen ins Trockene gebracht, der Lösung der Judenfrage aber nicht um einen Schritt näher gekommen seid, so wäre es doch am schicklichsten für euch — zu s c h w e i g e n, anstatt einen jeden von den Zionisten erreichten Erfolg zu bemängeln, bekritteln und zu verkleinern. Durch euer Theoretisieren, durch eure in bequemen, weichen Sesseln angestellten Keflexionejfeiber die zukünftige Verbrüderung aller Menschenkinder, über die vorläufige Mission der Juden, den Prügeljuden für die arischen Völker abzugeben, damit letztere an unserer Demuth lernen, echte Christen zu sein — durch all diese hohlen Theorien macht ihr Hungerige nicht satt und Sclaven nicht frei. Nur eine kühne That, eine unverdrossene, ehrliche Arbeit, ein Hineingreifen in die verzweifelt-traurige Wirklichkeit kann die Judenf rage einer Lösung näher bringen. Und je schwieriger die Lösung des Problems, desto energischer und opferungsfähiger sollten die intelligenten Köpfe des Volkes auftreten, wenn sie anders den Vorwurf eines totalen moralischen Bankerotts nicht auf sich laden wollen . . . Vierzig lange Jahre hat Moses die Juden durch die Wüste geführt, auf dass er ihnen ihren Sclavensinn und ihre Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Aegyptens austreibe. Und als es ihm nicht gelungen, und als er einsah, dass noch fernere 3000 Jahre dazu nicht ausreichen dürften, da hat er das freiheitssprühende. Gesetz geschaffen, wonach die langen Ohren der Sclaven, die frei werden können und nicht wollen, an den Thürpfosten anzunageln sind, damit sie für ewig gebrandmarkt bleiben. 0 Mosche Kabenu, grosser Meister! Ich sinke in den Staub vor deinem durchdringenden, Jahrtausende umfassenden Seherblick! . . . Betrachtungen einer Philozionistin. Von Paula Winkler. Ich bin so glücklich, schon von früher Jugend an anders zum Judenthum zu stehen, als dies den meisten unter uns gegeben oder gegönnt ist. Meine Mutter hat als junges Mädchen in der Nähe einer kleinen Judenansiedelung gelebt und aus deren Leben eigenthümlich starke und bleibende Eindrücke empfangen. Unreif, phantastisch und innerlich vereinsamt war sie wie fast jedes junge weibliche Geschöpf, und so scheint ihr beweglicher Geist für eine Weile Zuflucht gefunden zu haben auf dieser kleinen fremden Insel im Meere ihrer Alltäglichkeiten. Sie, die vortrefflich zu erzählen wusste, sprach viel später oft und gerne von diesem kleinen Orte mit seltsam bewegter Wärme. Und dies Bild, mit freundlichen Worten in liebender Art gemalt, stach gar sehr von dem ab, was ich später vom Leben der Juden unter uns hörte und sah. Da steht ein kleines Städtchen vor mir aiif, reinliche Häuser, helle Fenster, bunte Sommergärtchen, viel Licht und Sauberkeit, ein bescheidener Ueberfluss und viel Liebe überall und an jeglichem Ding, gutgepflegte Kinder und behaglich wohlwollende Matronen. Gatten und Väter zogen hausierend in der Gegend umher, wohlgelitten und, wie es scheint, auch ausgiebigen Erwerb findend. Und über all dem der Heiz der Absonderlichkeit, Worte und Bräuche fremd und wunderlich, der dunkle Hintergrund einer schmerzhaft bewegten Vergangenheit, Geschichten von schaurigem Verdacht und trostloser Flucht, Geschichten von Heldenthum und unendlicher Duldung. Ein Wunderbau eigenthüm- 3icher Ceremonien und Feste, nur halb gesehen, nur halb verstanden, aber desto reizvoller. Wie ein Kind, dem es gelingt, einen Blick in eine selten geöffnete dunkle Lade zu werfen, steht man davor. Ein Sonnenstrahl fällt darauf und weckt ein Glänzen auf verblichenem Damast, man staunt und tritt herzu — da schliesst sie sich wieder, und vorbei! Und nun träumt man und träumt alle Nächte nnd alle Tage, und das verblichene Bestehen wächst und strahlt wunderbar wie Kronjuwelen. Also stand ich vor jenem kleinen blassen Stückchen jüdischen Lebens, das aus den alten Geschichten aufstieg. * Es war den Menschen, neben denen ich meine spätere Jugend verlebte, eigenthümlich, dass der Jude für sie keine