Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Article
- Eine Ghettostimme über den Zionismus
- Date
- 1901-09-06
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nh 36 ^Die # Wfelt" Seite 3 die nationalen Gegensätze n?£ so zugespitzt, wie gerade in der Gegenwart. Der Zionismus ist praktisch eine force majeure,\., die nicht an dem Widerstande der arischen Völker oder der Türkei, sondern einzig und allein an dem Widerstände der Juden selbst zerschellen könnte, mithin realisierbar; theoretisch ist der Zionismus eine sociale Lehre, welche auf 2000jähriger Erfahrung und Beobachtung beruht. Es wurde mit den Juden in sämmtlichen Laboratorien der Welt herumexperimentiert. Die grässlichsten Vivisectionen nahmen und nehmen kein Ende, und deshalb gründen wir Zionisten-Vereine und rufen den Völkern zu: „Genug des grausamen Spiels, es muss anders' werden!...." Es gibt Menschen, die aus Furcht vor dem Tode einen Selbstmord begehen. Dass aber Menschen aus Lust zum Leben einen moralischen Selbstmord begehen — gibt's eine grössere Verkennung des Lebenszweckes und zugleich eine grössere Feigheit? Und diese Feigheit hat nicht sowohl die jüdischen Volksmassen, als gerade die wohlhabendsten und intelligentesten Kreise des Judenthums ergriffen. Darin liegt unsere Volksschande. Der Auflösungs- und Zersetzungs-Proeess innerhalb des Judenthums geht jetzt erschreckend rasch vor sich. Dafür leben wir ja im Zeitalter des Dampfes und. der Elektricität. Das Fleisch des Mammutthieres, welches sich Tausende von Jahren unter der sibirischen Eiskruste frisch conserviert, zersetzt sich sofort unter Luftzutritt und Einwirkung von Mikroben. Die Eiskruste der Ghettomauern ist zum Theil eingeschmolzen und das Judenthum einem rapiden Fäulnisprocess preisgegeben. Aus der Sclaverei des Leibes ist es in eine Sclaverei des Geistes verfallen. Mit dem langen „Kaftan" und den gekräuselten Schläfenlocken wirft der Jude leichten Herzens auch sein jüdisches Gewissen über Bord, eignet sich alle Untugenden seiner Umgebung an und entäussert sich aller guten Sitten, die seinen Stamm jahrhundertelang wetterfest gemacht hatten. Vom Gottesdienst und den religiösen Festen angefangen bis zum Wechsel der Vor-und Familiennamen, bis zur Taufe, bis zu den crassesten sinnlichen Excessen, hat sich ein Theil des massgebenden Judenthums derart seiner Umgebung angepasst, dass man nicht recht weiss, worüber mehr zu staunen sei: über die falsche Legende vom kritischen Verstände der Juden, über ihre iSTachahmungsfähigkeit, welche die Leistungen der entwickelten Affen überbietet, oder über ihre Selbsterniedrigung, welche sie zu widerlichen Hanswursten stempelt und gerade in denjenigen Kreisen verächtlich macht, in die sie sich hineindrängen möchten. Durch eine besondere Verirrung der Begriffe glaubt ein anderer Theil, und zwar der intelligenteste, des führenden Judenthums, sich dadurch zu einer höheren Lebensauffassung emporzuschwingen, dass er sich in den Dienst der ganzen Menschheit stellt, Allmensch, Kosmopolit wird. Vor allen Dingen thut er nun diese Allmenschlichkeit dadurch kund, dass er seine Provenienz verleugnet und unter fremder Spitzmarke auf die Arena tritt: „made in Germany!" Der grobe Denkfehler, den diese Denker begehen,- besteht eben darin, dass das Allmenschthum überhaupt ein Unding ist, eine, theoretische Abstraction, ein Lichtenberg'sches „Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt"; de facto also besteht der Kosmopolitismus dieser Herren bloss darin, dass sie sich, coute que coute, der sie beherrschenden Mehrheit anschliessend Küssen, Polen, Deutsche, Franzosen werden, nur nicht Juden bleiben wollen, wobei es doch klar ist, dass sie bei dieser künstlichen Häutung bloss vom Regen in die Traufe gerathen; denn Franzosen allein, oder Küssen allein, oder Deutsche allein machen ebensowenig die ganze Menschheit aus, wie Juden allein. Und da erleben wir nun das komisch-tragische Schau- ■•■ spiel, wie diese kosmopolitelnden Juden für alle Welt, für „die geistige und ökonomische Hebung des russischen Ka- zappen" oder des polnischen Bauern sich in Dienst stellen, womöglich sogar für den Congo-Neger, wenn kein anderer sieh dazu hergibt, nur für die Millionen darbender Stam- ^esgenossen nicht . . . Diese internationale Hausiererthum soll eben geläuterter Kosmopolitismus sein; ich nenne es bewussten oder unbewussten Selbstbetrug. Dankbarkeit ist eine recht schöne Tugend. Wäre nun der Jude dafür dankbar, dass man ihm W o h 11 h a t e n erweist, ich würde es sehr beloben. Leider aber kennt seine Dankbarkeit selbst da keine Grenzen, wo man ihm theilweise das bloss wiedergibt, was ihm von rechts wegen gehört und was man ihm aus menschlicher Bosheit und Niedertracht jahrtausendlang vorenthalten hat. Eine solche Dankbarkeit, die sich obendrein durch eine totale Selbst - entäusserung, durch ein Hinüberspringen ins feindliche Lager, durch ein Kencgatenthum manifestiert — ist Kriecherei. Wenn unsere vermeintlichen Gastgeber uns — Gottseidank! — nicht überall wie die tollen Hunde todtschlagen, sondern bloss wie zahme Hunde behandeln — sollen wir ihnen dafür die Hand lecken? Gegen diejenigen Juden, die es thun, gegen solche Mollusken ohne Rückgrat, deren Zahl Legion — lehnen sich die Zionisten mit aller Entschiedenheit und Entrüstung auf. Wir wollen und werden das kämpfende Judenthum des . zwanzigsten Jahrhunderts sein — wohlverstanden: ohne Kruppsche Kanonen und Panzerflotten. Mit offenem Visier werden wir für unser Volk und dadurch indirect für die höchsten Güter der Menschheit einstehen. Wir werden zu den jüdischen Volksmassen hinabsteigen, um sie in freiere Regionen emporzuheben. Wir bedürfen keiner besonderen, neuen Heilslehren, um unser Volk moralisch zu läutern; auch brauchen wir uns die Liebe zum Wissen und zur Erkenntnis nicht erst von anderen eintrichtern zu lassen; daran haben wir nie Mangel gelitten. Unsere Waffen wollen wir uns einerseits aus der Rüstkammer der neuzeitlichen Cultur und Wissenschaft holen, zu deren enormem Aufschwung wir unser Theil ehrlich beigetragen, — andererseits aber aus den vergilbten, halbvermoderten Talmudfolianten, diesen reichen Vorrathsspeichern menschlicher Tugend- und Gerechtigkeitslehren; wir werden diese Schätze aus ihrer rauhen, versteinerten Kruste herausschälen, unserer Jugend als ethische Kost darbieten, auf dass aus ihr Männer, Charaktere erstehen, welche gefeit sind gegen Halbheit, Kleinmüthigkeit und Feigheit, Gebresten, die bis nun an Leib und Seele der Juden wie Geier nagen . . . Unsere Menschenwürde wollen wir wiedergewinnen, und das können wir bloss dann, wenn wir sein wollen, was wir sind — Juden! Es klingt wie bittere Ironie und zeugt jedenfalls für eine sehr mangelhafte bona fides, für ein Ueberwälzen eigener Schuld auf fremde Schultern, wenn unsere jüdischen Gegner behaupten, dass eigentlich sie die modernen Makkabäer im Kampf gegen Uebermaeht, Unterdrückung und Rassenhass seien, während wir Zionisten das Hasenpanier ergreifen und nach Palästina flüchten wollen. Du grosser Gott! bei diesen Beschuldigungen und. Verdächtigungen schwebt meinem geistigen Auge ein Bild vor, wo auf der grossen Heerstrasse, auf welcher alle Nationen und Rationellen im freien Wettbewerb sich herumtummeln und austoben, der „ewige Jude", aus tausend Wunden blutend, an Händen und Füssen geknebelt, abseits vom Wege niedergestreckt daliegt, und der erste beste rumänische oder russische Bauernlümmel ihm im Vorübergehen mit seinem Thranstiefel einen neuen Rippenstoss versetzt, und dieser zu Boden gestreckte Wurm ächzend und stöhnend ausruft: „Garn ze Ttowo! Garn ze Ftowo!" („Auch das ist zum Guten!") Ist das euer Makkabäerthum, eure Tapferkeit, ihr edlen, klugen Ritter, wenn ihr aus geschützten Schlupfwinkeln den Qualen dieses Elenden zuschauet und in sein „Garn ze l'towo \" äugen verdrehend einstimmet?