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Die Welt · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Article
Der Zionismus der westlichen Juden
Date
1901-08-30
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 Die ffr Welt" Nr, 35 lieht haben werden, class selbst die Antisemiten es an uns nicht erschnüffeln können. „Der Zionismus gibt dem jüdischen Proletariat, dem elendesten und unglücklichsten aller Proletariates die gesunde Unterlage, auf der es seine Arbeitskraft erfolgreich bethätigen kann." „Was ist das für Kauderwelsch? Bei uns gibt es kein jüdisches Proletariat. Es geht uns ganz gut und wer arbeiten will, der wird jedenfalls in Deutschland, Frankreich usw. viel leichter Seide spinnen als in den Wüsteneien von Palästina oder anderen schönen Gegenden hinten, weit, in der Türkei, wo die Völker aufeinander schlagen." Es ist unnüthig, dieses Zwiegespräch fortzusetzen. Es dreht sich im Kreise und kommt nicht weiter, kann nicht weiter kommen. Der Zionismus ist Vernunftsache in dem Masse, in dem es etwa die Euklidische dreidimensionale Geometrie..ist. Audi diese hat Postulate, die nicht bewiesen werden können. Der Zionismus hat gleichfalls ein PostuhU, das dem vernünftigen Beweise unerreichbar ist, weil es in der Gefühlssphäre waltet. Die Voraussetzung des Zionismus ist jüdisches Fühlen, Stolz auf die Geschichte des jüdischen Volkes, der Wunsch geschichtlicher Weiterentwicklung 3es altehr würdigen Stammes. Wo diese Voraussetzung fehlt, da ist der Zionismus nicht zu vertheicligen und nicht zu begreifen. Er muss sinnlos und unannehmbar scheinen. Hieraus ergibt sich die Methode, nach der allein unter assimilierten Juden für den zionistischen Gedanken geworben werden kann. Es hilft nichts, mit den reifen Juden zu argumentieren, die vollständig verlernt haben, jüdisch z.; fühlen, und in einer gefesteten asemitischen oder sogar an 1 isemitischen Weltanschauung leben. Es ist Zeit- und Kraft Vergeudung, wenn wir diese Elemente mit vernünftigen Beweisgründen überzeugen und bekehren wollen. Worauf es ankommt, das ist, jüdisches Gefühl zu schaffen. Denn auch Gefühle werden geschaffen. Sie sind eine Wirkung der Erziehung, früher Einflüsse auf den Geist, aber ganz besonders des Beispiels. Durch diese Kräfte macht man aus de'u Judenkinde Mortara einen tief gläubigen, mit jüdischer Sentimentalität christlich fühlenden katholischen Priester und aus den Söhnen eingewanderter polnischer Ghettojuden kraushaarige Germanen, die finden, dass „dem Antisemit :smiis ein gewisser Kern von Wahrheit nicht abzusprechist." Mit diesen Kräften kann man aus den Abkömmlingen assimilierter, dem Judenthum völlig entfremdeter Stammiilichter wieder gute Juden machen, und zwar leichter, de-.:, selbst in der vermorschtesten und unterwühltesten Judenseele gibt es immer noch einige Geviertcentimeter festen Grundes, wo man anbauen kann, um mit dem umherliegenden überbuschten, halb verwitterten Getrümmer alter Erinnerungen einen Neubau jüdischen Denkens und Fühlens zu errichten. Es gilt also, auf die Jugend, womöglich schon auf di« Kindheit einzuwirken. Dass dies leicht ist, behaupte ich nicht. Wir haben die Widerstände der Eltern, die Einflüsse der Familie und der Schule gegen uns. Auf Gymnasien ist in Deutschland die Vereinsbildung nicht gestattet und auf der Hochschule kommt die Einwirkung der jüdischen Studentenverbindungen häufig schon zu spät. Dennoch findet Eifer und Begeisterung für die grosse Sache, zähe. Ausdauer und einige Anschlag!gkeit immer Mittel und Wege, um rechtzeitig in die jüdische Familien-Citadelle einzudringen, auf deren Ringmauer man gegen uns scharfen Auslug hält. Hier haben jüdische Kunst und schönwissenschaftliches Schriftthum eine grosse Rolle zu spielen. Hochstehende jüdische Eomane, Dramen und Gedichte, Gemälde und Sculpturen thun für die Entfachung jüdischen Gefühls in jungen Seelen mehr als jede uns noch so überzeugend scheinende systematisch verstandesmässige Belehrung. Dies3 triit immer erst in ihr Eecht, wenn jüdische Strebungen und Sehnsuchten im Gefühl bereits vorbestehen. Leider fehlt es uns an diesen Mitteln der Erziehung jüdischer Seelen noch sehr. Denn was vor vielen Menschenaltem geschaffen wurde, das hat für allermodernste Empfangende keinen lebendigen Wert, und in den letzten zwei oder drei Gesehlechtsaltern haben alle unsere Talente d.as Judenthum verlassen und aus allen Kräften an der Entjudung ihrer. Stammesgenossen gearbeitet. Ein Lilien und Kossig in der Kunst, ein Grünau und Zlocisti in der Lyrik, ein Viola, eine Rosa Pomeranz, ein Robert Jaffe im Roman, bedeuten vortreffliche und verheissungsvolle x^nfänge, auf deren Entwicklung unter dem Einflüsse des neuen zionistischen Lebens wir hoffen dürfen. Das Wichtigste bleibt aber das Beispiel. Wir wirken erzieherisch schon dadurch, dass wir sind. Nichts überbietet die propagandistische Kraft der Erscheinung, dass ernste, einwandfreie, gebildete Männer, deren Lebensführung jeder Verleumdung trotzt und jeden Spott zuschanden macht, für das zionistische Ideal leben und arbeiten, ohne sich durch Gleichgültigkeit entmuthigen, durch Hohn beirren, durch Feindeswuth aufregen zu lassen. Eine Gruppe von Männern, die diese Anforderungen erfüllt, setzt sich durch, und wäre sie anfangs noch so klein. Sie muss nur dauern, die ersten Erfolge lassen vielleicht lange auf sich warten. Treten &;o aber einmal ein, dann wachsen sie nach der Formel der Schneeball-Unternehmungen. Der Zionismus kann auf den Westen nicht verzichten, obgleich dessen Juden dem Judenthum völlig verloren seheinen. Das Heer der Zionisten recrutiert sich naturgemäss im Osten. Aber ein grosser Theil seines Officierscorp.:; muss ihm aus dem Westen kommen. Denn Officiere können ihm nur aus solchen jüdischen Volkselementen erwachsen, die sich in Freiheit entwickelt, zuWohlstand erhoben und aus allen Quellen moderner Bildung getrunken haben. Solche Elemente sind aber in einiger Häufigkeit eben nur in den Ländern der Gleichberechtigung zu finden. Ich lasse mir es nicht nehmen, sogar einen Vortheil für unsere Bewegung, wenigstens in ihren Anfängen, darin zu sehen, dass das westliche Judenthum, sich im ganzen äusserst spröde und theilweise schroff feindlieh gegen uns verhält. Wir sind auf diese Weise sicher, dass die wenigen Zionisten, die aus diesen Kreisen zu uns stossen, das Ergebnis einer strengen Auslese sind. Die Zionisten des Westens sind weder Ghetto-Streber noch Reelame-Tiger, weder Ideine Profitmacher noch Speculanten, weder eitle Mitläufer noch Nachschwätzer, wie sie es dort sein können, wo der Zionismus bereits Volks- und Mehrheitssache geworden ist; sie sind reine Idealisten, unerschrockene Minderheitsmenschen und, Kraftnaturen vom härtesten nationalen Korn. Es sind. Ueberlebende in einem scharfen sittlichen Daseinskampf^ in dem die Schwächeren national untergegangen sind. Es sind Individualitäten, deren verborgener, ererbter Rassen , und Volksunterbau ausnahmsweise festgefügt ist. So aber müssen die Männer beschaffen sein, die die zionistische Menge des Ostens auf ihren Wegen und in ihren Kämpfen führen sollen. Wer etwa aus diesen Ausführungen herausgelesen hätte, dass ich die westliche Judenheit bereits als abgefallen betrachtender würde mich nicht richtig verstanden haben. Gewiss ist sie auf dem Wege zum Abfall, und dieser wird endgültig werden, wenn keine nationale Erneuung die Abgeirrten wieder ihrem Stamme zuführt. Die Vita nuova des Zionismus kann sie aber dem Judenthum retten. Sie wird sie bestimmt dem Judenthuni retten, wenn sie erst zur Verwiiklichung gelangt. Denn seien wir gerecht: wir dürfen vorn durchschnittlichen Mensehen, also auch vom durchschnittliehen Juden, weder Heldenthum noch eine reiche visionäre Phantasie verlangen. Beide sind Ausnahmegaben. Der gewöhnliche Jude kann sich heute in den Ländern, wo er wenigstens leidliche Sicherheit der Person und des Eigenthums hat, gar nichts anderes vorstellen als seine gegenwärtigen Verhältnisse. Das Gesetz definiert ihn als deutschen Staatsbürger. Er hat ein

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