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Die Welt · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Article
Bergfeuer
Date
1901-08-30
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. SS „Die $ Weit'* Seite 3 uns Worte bringen, aus denen die Seele jener Thatsachen zu um sprechen wird. Und er wird uns noch Manches und Grosses bringen. Aus den in einigen Ländern neugebildeten Organisationen werden sich auch für die Centralisation neue Gesichtspunkte ergeben. Die Fragen der Hebung, die in London skizziert wurden, werden in ihrer vollen Bedeutung als einer der nothwendigsten Wege zu unserem Ziele und in der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Probleme erörtert werden. Das geschäftliche Ins-Leben-treten der Jüdischen Colonialbank, ciic Bildung des Nationalfonds werden in der ersten Eeihe der Discussion stehen. lieber diese und einige andere Punkte werden wir in den nächsten Heften Einiges mittheilen, das zu Anregung und Meinungsaustausch Gelegenheit geben könnte. Wir sehen dem fünften. Congresse mit stolzer Zuversicht entgegen. Wir wollen alles thun, um ihn zu einem Werkfeste der Arbeit, des Geistes und der Schönheit zu gestalten ..... Wie Bergfeuer lodern unsere Congresse auf in der schweren Nacht des Exiles. Wir schauen in das reiche strömende Flammenspiel, im Innersten bewegt. Und der selige Traum von einem Morgenroth beginnt leise Schwingen zu regen. B. Der Zionismus der westlichen Juden. Von Max Nordau.*) Es ist klar, dass der Zionismus dem Juden des WTestens nicht dasselbe bedeuten kann wie dem des Ostens. Wir waien für diese Thatsache niemals blind. Wir haben sie seit unserem ersten Hinaustreten in die Oeffentlichkeit immer nachdrücklich betont. Aber nicht alle von uns haben sie sich immer gegenwärtig gehalten. Daher gewisse Irrthümer in der Propaganda, die nothwendig Verstimmungen, Empörungen, Enttäuschungen, Entmuthigungen verursachen müssen. Für unsere Brüder im Osten bedeutet der Zionismus einfach alles, das ganze Leben, das individuelle wie das nationale, das materielle wie das moralische. Er ist die Wiedel einsetzung in die Menschenwürde und die Erlösung aus der Sclaverei. Er ist das tägliche Brot und die Mannesehre. Er ist der Schlüssel zur Bildung und die Brücke zur grossen Heerstrasse des Fortschrittes. Für die Juden in Russland, Rumänien, Galizien, wohl auch Persien, stellt sich, die Frage einfach so: „Wollt ihr verhungern? Wollt ihr in Schmutz und Elend verkommen? Wollt ihr schlechter behandelt sein als das liebe Vieh? Wollt ihr tiefer verachtet sein als die Insassen der Zuchthäuser? Gut, so bleibt, was ihr seid, versinkt immer tiefer in euren Sumpf, regt euch nicht, strebt nicht, macht keine Anstrengung. Wollt ihr dagegen aus eurer Noth befreit sein? Wollt ihr Menschen- und Bürgerrechte erlangen? Wollt ihr in dieselben wirtschaftlichen, staatlichen und sittlichen Bedingungen versetzt werden, unter denen alle anderen gesitteten Völker ihren noth wendigen Kampf ums Dasein ausfechten? Dann schliesst euch dem Zionismus an, stärkt ihn durch euren Ansei lluss, steigert ihn zu einer politischen und wirtschaftlichen Macht, mit der man rechnen muss. Ihr werdet das Ziel gewiss nicht augenblicklich erreichen, aber schon die blosse Hoffnung und thätige Vorbereitung eurer künftigen Geschicke wird euer' Gegenwarts-Elend augenblicklich erleichtern/'' Zu den Juden des Westens kann man offenbar nicht so sprechen. Sie fühlen sich tief unbehaglich, aber sie wollen sich über die Ursachen ihres Unbehagens nicht klar werden. Der Antisemitismus vergällt ihnen zur Zeit das Leben ein wenig, aber sie trösten sich damit, dass er eine rasch vorübergehende Erscheinung sei. In allen Ländern des Westens *) Aus der jüngsten Nummer der Berliner „Israelitische-i Rundschau". entstehen dem Judenthum wohlwollende Berather,, die ihm ein unfehlbares Heilmittel gegen die böse Zeitkrankheit des Antisemitismus empfehlen. In Deutschland schlägt der biedere Beneclictus Levita den Juden vor, ihre Kinder tauten zu lassen, wenn den Erwachsenen diese Behandlungsmethode für sie selbst unbequem sein sollte. In Frankreich räth der gelehrte S. Reinach in einer jüdischen Gemeindezeitung, die vom Consistorium unterstützt wird, den Juden, Schweinefleisch zu essen, das erheblich billiger sei als das Fleisch der rituell geschlachteten Wiederkäuer. Auf diese Weise würden sie den Wettbewerb der christlichen Arbeiter unter günstigeren Bedingungen ertragen können, sie würden sich aus ihrer gegenwärtigen Armut zu Wohlstand hinaufarbeiten, wohlhabende Juden aber hätten unter dem Antisemitismus nicht zu leiden. Das weiss der Verfasser dieser tiefsinnigen Belehrung, ein zwanzigfacher Millionär, nämlich aus eigener Erfahrung. In .England predigen Simon und Claude Montague eine fortschrittliche Entwicklung des jüdischen Glaubens zu einem reinen Theismus und Ethismus, der ihn nothwendig zur Weltreligion aller Gebildeten und Aufgeklärten machen müsse, wodurch jeder Gegensatz, jeder Unterschied zwischen Juden und Christen von selbst verschwinden würde, und in Amerika schicken, die Iieformrabbiner sich an, dieses kluge Programm auszuführen. In Italien endlieh wird die Sache unter Verzicht auf alles Theoretisieren praktisch angefasst. Dort gilt die Mischehe für die richtige und erfreuliche Lösung der Judenfrage, und in den sogenannten „guten" Familien ist es geradezu zu einem Grundsatze geworden, die Kinder nur mit Christen zu verheiraten. Alle diese Heilmittel, obwohl voneinander verschieden und mehr oder weniger anspruchsvoll, haben das eine miteinander gemein, dass sie die Auflösung des Judenthums anstreben. Was kann der Zionismus solchen Juden bieten, die ihr Judentimm mindestens als eine Last, häufig als eine Schmach empfinden und an ihre Eltern und Ahnen nur denken, um sich über sie zu ärgern, weil sie nicht so vernünftig waren, sich vor dreissig oder dreihundert Jahren laufen zu lassen, um ihnen durch diese liebevolle Fürsorge die antisemitischen Dornen vom Lebenspfad zu entfernen? Die Wechselrede zwischen dem Zionismus und ihnen nimmt ungefähr diesen Verlauf: „Der Zionismus ist das einzige Mittel, um das Judenil mm zu erhalten." „Das ist es ja gerade, was wir ihm vorwerfen. Wir wollen nicht, dass das Judenthum erhalten werde, wir wollen, dass es versehwinde." „Der Zionismus verbürgt dem jüdischen Volke eine nationale Zukunft und Würde." „Unsinn. Es gibt kein jüdisches Volk, nur eine jüdische Eeligion, und aus dieser machen wir uns nichts. Wir ärgern uns genug über unsere jüdische Vergangenheit und Gegenwart, und nun sollen wir auch noch eine jüdische Zukunft haben? Wir danken! Nationale Würde? Soll der Handel mit alten IJosen ein idealer Lebensinhalt werden, das Mauscheln die Vornehmheit des Garde-Schnarrens erlangen, Plattfuss und krumme Nase der Inbegriff männlicher Schönheit sein? An eine solche Umwertung der Werte glauben wir nicht und wünschen sie auch gar nicht. Andere nationale Züge als die erwähnten kennen wir aber am Judenthum nicht, wenigstens haben uns die Witzblätter, Tingeirangel-Lieder, Vorstadtpossen und Dresdener Bilderbogen, aus denen wir unsere Kenntnis des Judenthums schöpfen, von keinen anderen gesprochen." „Der Zionismus macht aus den jüdischen Heloten Vollmenschen und Vollbürger." „Das sind wir gesetzlich schon jetzt, und wir werden es auch gesellschaftlich sein, sobald wir erst unser Judentimm so vollständig abgestreift oder so geschickt verheim-

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