Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Article
- Bergfeuer
- Date
- 1901-08-30
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 Die # Welt" Nr. 35 Bergfetiftr. Zum fünften Öpngresse.*) Die Congresse sind die Bergfeiier des Zionismus. Sie leuchten hinaus in die Welt und reden mit Flammt nzungen. Hier lebt etwas — sagen sie. Sie sagen es so, dass es jeder verstehen muss. Aber den Leuten in den Niederungen kommt es unglaublich vor, dass hier etwas leben solle; nein, das kann man gar nicht glauben, antworten sie auf die grosse Sprache der Bergfeuer. 0, sie lernen schon glauben. Denn ein .Flammenzeichen folgt dem andern; und in deren Lichte taucht zuerst der Sinn der vergangenen Zeiten auf, dann das grausame Bild der Gegenwart, ein schlichtes starkes Programm wird geschmiedet, auseinanderstrebende Massen werden in feste Gestalt gegossen, die Werkzeuge der That entstehen in Mühsal und Glut, und in den Worten thätiger Liebe, die hin- und herfliegen, lebt schon der schöpferische Geist der Zukunft. Ich schaffe, also bin ich — so künden den Kleingläubigen die Bergfeiier. Den Kühnen und Opferfreudigen, aber noch Fernstehenden sagen sie weit mehr. Da sind sie nicht mehr bloss Lebens- und Arbeitszeichen, auch Signal und Euf. Wir kämpfen, ruft es, für eure und unsere Freiheit kämpfen wir. Seht dieses Volk, das aufgestanden ist; seht ihr nicht, wie jung dieses uralte Volk ist? Wie ein wunderbarer Knabe ist es aufgestanden, unsagbar reich an Möglichkeiten, und sehnt sich nach seinem eigenen Leben. Fühlt ihr nicht, dass dieses Leben der Ewigkeit Schätze neuer Schönheit schenken wird, fühlt ihr nicht, dass hier ein Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit emporsteigen will? An eurer und unserer Zukunft schaffe ich — so tönt es von den Bergfeuern — schaffet mit! Das Schönste aber sagen sie uns selbst. Sie zeigen uns, wie wir geworden sind, seitdem wir unserem Volke leben: stärker, reiner, menschlicher. Und sie zeigen uns, wie köstliche Blüten unseres Volkes zweite Jugend treibt: sein Herr, der Geist, hat den Ghettostaub abgeschüttelt und die Gewänder des Lebens angethan, und er hat Griffel und Harfe, Farben und Klänge gefunden zu seiner Sprache. Wir können die Fülle der Verheissung nicht fassen. Mir ist es wie ein Wunder, und ich muss denken, wie lebenslustige Völker in der Johannisnacht allüberall Bergfeuer entzünden, und wie in selber Nacht nach der Sage die köstlichste Zauberblüte sich öffnen soll, die dem Pflückenden das Leben segnet und unsichtbare Königreiche schenkt. Unseren Beichthum und unsere Freude zeigen uns unsere Bergfeuer, und wenn wir auch des Leides und der Widerwärtigkeit viel empfangen haben auf dem Wege, so steigt doch der stille Sang unseres Glückes mit den Flammen unserer Freudenfeuer zum dunklen Himmel empor. All dies und unendlich mehr sind die Congresse. Und venn wir nun einen neuen zu bereiten beginnen, müssen wir unseren Willen von dem Gefühle leiten lassen, ein wie Hohes und Schönes in unsere Hände gelegt ist, Kampf und Triumph, Fest und Arbeit zugleich. Diese auserlesenen Tage sollen grosse und ewige Tage sein. Deshalb sollen vor allem auf dem Congresse nur unsere Tüchtigsten zusammenkommen. Natürlich hat im letzten Grunde — unhistorisch betrachtet — jeder echte Zionist den gleichen; unbestimmbar hohen Wert. Aber die das Volk an den edelsten bedeutsamsten Werktagen des Golusjahres vertreten, sollen alle Selbständiges und Ausgereiftes geben können. Bergfeiier will Höhenmenschen. Mit der Zahl der Delegierten hat diese Erwägung nichts zu thun: wir haben der Tüchtigen genug, und bei sorgfältiger Auswahl seitens der delegierenden Gruppen wird unsere Vorstellung von der Höhe des Congressniveaus leicht verwirklicht werden können. *) Diese Zeilen eröffnen eine kleine Reihe von Artikeln über die Bedeutung des fünften Congresses. Aber weil unsere Bergfeuer uns Heimatlosen auch das milde Feuer des Heimatsherdes ersetzen müssen, sollen wir uns auf dem Congresse wie eine grosse Familie fühlen können und sollen die schöne, Stimmung nicht verlieren. Wenn selbständige Menschen, und gar Juden, zu einer Berathung zusammentreten, bringt wohl jeder eine eigene Nuance, hier sozusagen seinen eigenen Zionismus mit. Aus so verschiedenen Tönen muss aber doch eine volle Harmonie gelingen. Mit dem Vorgefühle dieser Harmonie, mit der Gewissheit, dass das Grundwesen der Bewegung aus allen Anschauungsverschiedenheiten heilig und unberührt hervorgehen wird, soll auch der Unabhängigste den Verhandlungen des Congresses nahen. Und unsere Bergfeuer sind auch eine reine beschwingte Flamme auf dem so lange verwaisten Altare des Volksthums. Man darf vor sie nur reinen und hingegebenen Herzens treten. Der Zionist, den seine Brüder als den Sprecher ihrer Herzen zum Congresse entsenden, rüste sich als zu einem ernsten grossen Werke. Er sei sich bewusst, dass an diesen Tagen vor allem intensiv gearbeitet werden soll; dass von jedem stille strenge Arbeit verlangt ist. Und damit es eine rechte Volksarbeit werde, lausche er schon lange vor der Fahrt — am besten von einem Congresse bis zum nächsten — auf den Herzschlag des Volkes, auf die heimlichen Stimmen, die ihm den dunklen unterirdischen Volkswillen kundthun. Wie seiner Arbeitspflicht, sei er sich seiner Verantwortlichkeit bewusst, die tiefer und. ernst er ist, als ir irgend einem anderen Parlamente auf Erden: gibt es doch keines, über dem man die Flügel des Schicksals so machtvoll rauschen hörte. Kann man sich so der Hoheit des Congresses gar nicht innig genug hingeben, so müssen doch auch stets seine Grenzen im Auge behalten werden. An den Gipfeln wrerden die Bergfeuer entzündet; das Leben selbst verläuft doch zumeist in der Ebene. Man hat die Congresse, wie man ihren wahren. Wert nicht immer ganz erkannte, andererseits auch überschätzt, indem man sie beinahe für die „eigentliche" Thätigkeit hielt. Nichts kann falscher sein. Die Congresse stellen das Geschehene fest und zeichnen die Linien weiterer Arbeit vor; diese selbst aber wird in der etwas eintönigen Mühe des Alltags, in dem langsamen -opfervollen Vorrücken, in der Selbstverleugnung des undankbarsten Kampfes, in den rastlosen Stunden des Bauens gethan. Diese Erkenntnis ist allmählich zum Durchbruch gelangt und hat im letzten Jahre manch schönes, still vollbrachtes Werk gezeitigt. Wir werden diesmal in Basel frohe Bückschau halten können. In Basel . . . Das klingt uns nach London fast fremdartig, und doch wieder so vertraut entgegen; bescheiden, aber mit Untertönen wie von Vertiefung und Verinnerhchung. In unserem lieben Basel lässt es sich gut arbeiten und über Dinge der Geistesentwicklung, des Schaffens, des Volksthums, der Wirtschaft, aber auch der inneren Organisation reden. Wir hoffen, es soll ein Arbeitscongress werden, mit einem Zuge echter fruchtbarer Wissensehaft, und zugleich mit einem Zuge intimer Schönheit, die erfreut und zusammenschliesst. Bergfeuer, die gleichsam nach innen lodern und die Umstehenden mit zarter Kosenglut, wie mit dem Scheine eines leisen Glückes übergiessen. Und doch wird wohl auch die Wirkung ins ferne Land eine mächtige sein. Denn wrir werden in Basel Grosses zu verzeichnen haben. Unsere Idee ist starken Fusses weitergeschritten, und sie hat einen neuen Boden betreten, auf dem ihr in Blüte und Frucht dasHerrliehste entgegenreifen kann. Es sind bereits Thatsachen bekannt geworden, deren mehr formelle Natur doch so inhaltreich war, dass die einigermassen Ehrlichen unter unseren Gegnern sich ihnen beugen mussten, während die Böswilligen ihre pathetischesten Argumente über Bord zu werfen und mit riesigem Aufwand von Spitzfindigkeit und Perfidie nach neuen Wühlmetoden zu suchen genöthigt waren. Der fünfte Congress dürfte