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Die Welt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Article
Das Wesen des Antisemitismus [Rezension]
Date
1901-08-23
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 34 sächlich ist aher nicht einmal seine Spur vorhanden. Wären es Juden, man möchte von Luther, Bismarck, Moltke auf antisemitische]' Seite gewiss behaupten, dass ihr fortwährendes Schwanken und ihre Inconsequenz in der Judenfragc echt jüdisch seien. In Fürstenguust sieh herauf- und herabzuschaukeln, dabei ward immer den Juden sehr schlecht. Was hält der Autor davon, wenn er die eine Seite seines Werkes mit judenfreundlichen Aussprüchen, die nächste mit Antisemitismen irgendeines grossen. Mannes füllen kann? Doch nichts anderes, als dass die (Irosse jedes der angeführten gegenüber den Juden ins Wanken gekommen ist, und dass sie nur zweckshalber sich eine schäbige Liebe zu den eigentlich Uehassten abgezwungen haben. Und die Wirkung auf die Massen? Lieber Poctor, es ist Ihnen ja nicht entgangen, dass wir, wenn auch nicht persönlich liebenswürdigere, doch jedenfalls mächtigere Anwälte gehabt haben als Sie es sind. Die Päpste konnten im Mittelalter deutsche Kaiser ernennen oder nach Canossa bringen, haben eisern im halben Erdtlieil geherrscht. Machtlos, lächerlich machtlos waren sie gegenüber dem Judenhass; ob Pom donnerte oder blitzte, es lachte darüber Rintfieisch, der Bluthund, und (limielnicki und noch so viele, Schmach ihrer .Rohheit! Und heute? Graf Coudenhove ist kein Buchgelehrter. Er hat mit hellen Augen in die wimmelnde Welt geschaut und hat dann selbst in seinem Buche, nachdem er alle Anerkennung und seine persönliche Zuneigung den Juden ausgedrückt hat, den Satz drucken lassen: „Die Gegensätze sind unüberbrückbar." Den Grund hiervon bringt der 'Verfasser in den Worten : „Aber was nützt dem Erfahrenen, dem Wissenden seine Ueberzeugung? Die Leute glauben doch ihren Vorurtheilen. Der Beweis des Gegentheils ist unmöglich." In geistreich fesselnder Art hat der Autor die abgedroschene Judenfrage erörtert, keinen jemals vorgebrachten Punkt vergessend, und hat jede Stütze, die er für seine Ansichten linden konnte, aufgestellt. So ist das Buch, möchte ich sagen, zu einem persönlich gefärbten. Conversationslexikon der Frage geworden, was Reichhaltigkeit der Thatsachen und Registrierung des bereits Dagewesenen anbelangt. Ein unhaltbarer, persönlicher Standpunkt tritt oft hervor. So lässt sich das ganze Buch hindurch Dr. Coudenhove absolut nicht von einem ganz besonderen Steckenpferde herunterbringen. Er deduciert und dociert und behauptet auf Tod und Leben, dass der Antisemitismus in keiner Schattierung etwas anderes sei als Peligionshass und die Juden nur als Religionsgenossenschaft verfolge. Das Fechten für derlei Ansichten wäre eine sehr unschuldige Freude, wenn wir nach subtilster Untersuchung nicht constatieren müssten, dass die Prügel gleich stark schmerzen, die man dem Hund selbst gibt oder aber nur dem Fell, das er anhat. Doch hat den Verfasser sein Pferdchen doch einmal abgeworfen, welchem unvorgesehenen Unfall wir einen derzeit noch wahren Ausspruch verdanken: „Sie (die Juden) waren das erschreckende Beispiel eines jammervollen Passenproletariats. Das Rassenproletariat ist jedoch schlimmer als das ökonomische, denn die ökonomische Schranke ist zu durchbrechen, die der Rasse aber nicht." So wird denn wohl nichts aus der Völkerrast am Brunnen Hennochs, dem Friedensbrunnen, aus dem Wolf und Schäfchen zugleich sich laben. Visionär hat an seinen AVässern der Weltreisende Coudenhove die Völker des Monotheismus brüderlich lagern gesehen. Das schöne Traumbild zerstiebt im Tageslicht. In all der Noth haben Berufene.zu helfen, zu schlichten und zu führen. Gemäss dem Geiste, der aus dem Buche strömt, wird uns die Zustimmung des Verfassers zum Zionismus wertvoll. Harmonisch decken seine Worte sich mit unseren, wie er sagt: „Im Zionismus liegt das Heilmittel, die Befreiung, die Rettung für die Juden; gehandelt muss werden, ruhig, eonsequent, 'dann wird diese Frage gelöst werden können." Emes> Zur Lage der jüdischen Landarbeiter in Palästina. Das Centralcomite" der jüdischen Landarbeiter in Palästina ersucht uns um Aufnahme folgender Entgegnung auf einen Artikel im „Hameliz": (Uebersetzimg aus dem Hebräischen.) In einem Aufsätze des „Hameliz", Nr. 118 d. J., der die Uebersclirift „Die Delegation und ihre Aufgabe" trägt, bestrebt sich dessen Autor, die Erfolge der Abordnung der Chowewe Zion in Paris hervorzuheben und zu übertreiben. Das zwingt uns, die i^ngelegenheit hier klarzustellen. Der geehrte Artikelschreiber gibt zuerst eine Einleitung, die das Verhältnis der Arbeiter zur Colonisation und den Grund ihrer schlechten Lage erklären soll. „Gleich zu Beginn der Colonisationsthiitigkeit" — führt der Artikelschreiber aus — „bildete sich in Palästina eine (lasse von Landarbeitern, d. h. Taglöhnern, in den Colonien. Als sich aber die Arbeit verminderte, verschlechterte sich die Lage der Arbeiter, weil es den meisten von ihnen an Beschäftigung in vielen Monaten des Jahres fehlte. Ausserdem mangelte es dem grössten Theile an billigen Wohnungen und billiger Küche. Auch trat unter ihnen das Bestreben hervor, selbstständige Eigenthümer eines Grundstückes zu werden.'' Hierzu müssen wir bemerken, dass „das Bestreben, selbständige Eigenthümer eines Grundstückes zu werden'4, nicht nur „hervortrat", sondern das Hauptbestreben im Leben der Arbeiter war. Wer die Geistesrichtung des grössten Theiles der Arbeiter gut kennt, wird zugeben müssen, dass sie nicht um des Brotes willen in die Colon ien arbeiten gegangen sind, sondern dass ihr Ziel ein viel höheres war. Sie wollten an dem nationalen Werk in fleissiger Thätigkeit mitarbeiten und ihre Lebensweise ändern, d. h. sich und ihre Kinder an das Leben eines Landmannes gewöhnen, wie es die nationale Sache erfordert. Weil sie aber nicht die nöthigen Mittel hatten, „selbständige Eigenthümer eines Grundstückes zu werden", das sie mit festen Banden an das Land kette, begnügten sie sich, Taglöhner zu werden, in der Hoffnung, von dem Arbeitslohne so viel zu erübrigen, dass sie nach Jahren an das ersehnte Ziel gelangen könnten. Dass dem so ist, beweist auch das Programm des im Jahre 1881 unter den Arbeitern in der Colonie Rechoboth gegründeten „Bruderbundes", welches damals dem Odessaer Comite durch Herrn Diesenhof zugeschickt wurde. Als nun die Arbeit abnahm und der Lohn nicht einmal für die notwendigsten Lebensbedürfnisse ausreichte, die Arbeiter also sahen, dass sie die Selbständigkeit" nicht erringen werden, ohne die es hier erfahrungsgemäss unmöglich ist, festen Fuss zu fassen, fühlten sie mit einemmale den Boden unter ihren Füssen wanken. „Zu jener Zeit nun" — erzählt der Artikelschreiber — „fiengen die Eingeweihten an, von der Noth wendigkeit zu sprechen, der Lage der Arbeiter Aufmerksamkeit zu schenken, die Arbeiter durch Geld und Arbeitsgelegenheit zu unterstützen" usw. — Nun haben aber die „Eingeweihten" aus der Nebensache eine Hauptsache gemacht. Sie sprachen immer von Unterstützung und Arbeitsgelegenheit, als ob diese Dinge ausreichten, das Verbleiben der Arbeiter im Lande zu sichern. Sie vergassen, dass es bei den Landesverhältnissen unmöglich ist, hier Arbeit auf fester, geschäftlicher Grundlage zu schaffen, sondern bloss auf der morschen Grundlage der „Philanthropie". Die Geldunterstützung aber ist noch viel weniger zweckmässig und wirkt in moralischer Beziehung schädlich. Trotzdem nun die Arbeiter alle die Zeit her bittere Noth litten, verliessen sie nicht das Land, weil sie in ihrer Hoffnung, von den Förderern der Colonisation doch einmal bodenständig gemacht zu werden, durch viele Thatsachen bestärkt wurden. Sind doch eben infolge der Erkenntnis aller Förderer der Colonisation von der Notwendigkeit einer Ansiedlung der Arbeiter die Arbeiter-Colonien Em-el-Dschemel, Metulah und K a s t i n i e gegründet worden, abgesehen davon, dass einzelne Arbeiter auch in Rischon-Lezion Grund und Boden bekamen. Diese Hoffnungen stärkten den Muth der Arbeiter und Hessen sie alle Leiden und Mühseligkeiten geduldig ertragen. Das beweist zur Genüge, dass die Arbeiter sich gar nicht um die Gegenwart kümmerten,

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