Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1901-08-16
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33 „Die 2$ Weit" Seite 13 sorgt, um stets in adeliger Gesellschaft zu sein, wenn es auch die schäbigste ist, seine armen Glaubensgenossen aber durch seine Lakaien hinauswerfen lässt, und noch keinem Bettler einen Bissen Brot geschenkt hat; mit Ihrem Freunde, dem Ritter von Weiss, der querüber in der Equipage liegend, durch die Strassen fährt, stündlich zehnmal die Worte „Vornehmheit" gebraucht, grosse Treibjagden arrangiert, alles mit starrer, aristokratischer Kälte behandelt und einen Glaubensgenossen, wenn er nicht mehrfacher Millionär ist, nicht in seine Nähe gelangen lässt, weil die Juden so . . . so . . . nicht fair, so . . . so . . . nicht gentlemanliko, so . . . so . . . nicht quellreinen Charakters sind. Dabei sass dieser Ritter von Weiss vor fünfzehn Jahren wegen falscher Crida anderthalb Jahre im Gefängniss. Ja, Sie sollten sich taufen lassen, Herr v. Tulpenthal, Sie mit Ihren Freunden Baron Singer, Weiss und Silberfinger, denn Sie sind eine Schmach und eine Schande für das Judenthum/' „Gut, dass Ihnen endlich der Athem ausgegangen ist, mein lieber Rosenstein. Aber Sie haben schön gesprochen, wunderschön, wie alle Hungerleider, die den grosen Männern ihre Erfolge nicht vergeben können. Uebrigens: bei einem Ohr hinein, beim anderen hinaus. Reden Sie nur, mein lieber Rosenstein, wenn es Ihnen Spass macht. Sie haben ein Vergnügen davon, und warum soll ich Ihnen ein Vergnügen missgönnen? Sie sind, so was man sagt, ein Philosoph, und wenn Sie gestorben sein werden, können Sie sich Ihre Philosophie in Ihren Grabstein hauen lassen. Sie wird sich grossartig ausnehmen. Uebrigens habe ich mir schon hundertmal vorgenommen, mich mit Ihnen in keine Privatgespräche einzulassen, denn sonst bekommt man immer Ihren ordinären Sozialismus zu hören. Es geschieht mir recht. Sie sind bei mir im Geschäfte und Sie haben mit mir bloss von Geschäften zu sprechen. Verstanden? Was hat die Post besonderes gebracht?" „Eine Anzahl Photographien Ihrer armen Verwandten. Elf Stück. Arme Neffen und Nichten, Tanten, Schwäger und Cousinen haben ihre Portraits eingeschickt. Wahrscheinlich über Ihr Verlangen. Wie kämen sonst die armen Leute dazu? Und nachdem Sie diese Photographien verlangt haben, steckt wahrscheinlich eine grossmächtige That dahinter. Was soll mit diesen Bildern?'' „Das geht Sie nichts an! Kümmern Sie sich um Ihr Hauptbuch und um die Correspondenz." Damit nahm Herr v. Tulpenthal die Photographien an sich und verliess das Comptoir ohne Gruss, die Thüre hinter sich zuschlagend. Rosenstein blickte ihm eine W7eile schweigend nach, dann vertiefte er sich in seine Arbeit. Doch sein Fleiss hielt nicht lange an. Die Unterhaltung mit seinem Principal hatte den Missmuth, der in seinem Herzen aufgehäuft lag, wieder einmal rege gemacht. Er konnte nicht arbeiten und warf die Feder beiseite, dass die Tinte umherspritzte. Er erhob sich und griff nach seinem Hut, um auf die Strasse hinunterzugehen, als ein livrierter Diener bei ihm eintrat. „Die Frau Baronin lässt den Herrn Rosenstein ersuchen, zu ihr hinüberzukommen/' Rosenstein erwiderte nichts. „Es ist sehr dringend/4 sagte der Bediente. „Gut, ich komme. Hören Sie einmal, Josef: Der Herr . . . der Herr Baron hat von hier eine Anzahl Photographien hinübergenommen. Wissen Sie nicht, was er damit gemacht hat?" „Gewiss! Mir hat er sie übergeben. Hier sind sie.*'* Und der Diener zog die Portraits aus seiner Rocktasche hervor. „Der Herr Baron hat gesagt, ich soll diese Bilder bei mir behalten und genau besehen, und wenn ich einen von diesen Menschen bei ihm vorlasse, so wirft er mich aus dem Hause hinaus, dass ich mir die Glieder breche." „So wirft er Sie aus dem Hause hinaus? Ja, ja, so habe ich mir die Sache vorgestellt. Hören Sie, Josef, wenn einer von den Leuten kommt, deren Photographien Sie bei sich tragen, so weisen Sie ihn an mich. Sagen Sie ihm, es sei unmöglich, beim Herrn von Tulpenthal vorzukommen, wenn man nicht vorher mit mir gesprochen habe. So schaffen auch Sie sich diese Leute in der leichtesten Weise vom Halse, wenn sie zudringlich werden sollten. Und der Frau Baronin sagen Sie, dass ich in zehn Minuten drüben sein werde." II. Im kleinen Salon der Frau von Tulpenthal, oder wie sie im Hause hiess: der alten Baronin, herrschte eine böse Stimmung. Sie versuchte auf ihre zwei Töchter begütigend einzuwirken, allein es war vergeblich. Fräulein Emmy sass zusammengekauert in einer Sophaecke und weinte, und Gräfin Steinwaldt, die verheiratete Tochter, gieng erregt auf und ab und zerwühlte ihr Taschentuch mit beiden Händen. „Entweder ist Papa reich genug, um den Weg, den er eingeschlagen hat, zu vollenden," sagte die Gräfin, „oder er hätte diesen Weg nie betreten dürfen. Bitte, ich hätte ja nichts einzuwenden gehabt, nicht die Gattin des Grafen Steinwaldt, sondern des Börsianers Kohnberger zu werden, aber dann hättet Ihr uns auch darnach erziehen sollen. Wären wir in die Judenschule geschickt und auf den kaufmännischen Ball geführt worden, hätte man zu unseren Soirees die Kohns, die Silbersteins, und wie das Gesindel heissen mag, geladen, und uns nur junge Bantpiiers, Börseaner oder Grosshändler zugeführt, so wären wir eben in den jüdischen Kreisen geblieben und zufrieden gewesen. Doch darauf war es nie abgesehen. Zur Erzieherin hatten wir eine Baronin vom besten Adel : obwohl nicht getauft, war das Vaterunser unser Abendgebet; der Erzieher des Buben war ein Jesuitenpater, wir wurden bloss auf Bälle geführt, wo auch Aristokraten anwesend waren, und nun, nachdem wir wie christliche Aristokratinnen heranwuchsen, soll Emmy vielleicht irgendeinen schäbigen Juden heiraten?" „Liebe Mary, Du gehst über das Ziel hinaus," meinte Frau von Tulpenthal. „Wir sind nicht so hoch gestiegen, um uns durch eine Heirat Emmys mit einem Juden zu beschmutzen. Davon ist nicht die Rede. So lange ich lebe und hier im Hause zu befehlen habe, bekomme ich keinen Juden zum Schwiegersohn. Ich selbst wünsche ja, dass Emmy die Gattin des Grafen Brandt werde, aber Euer Vater zögert und zögert; er sagt, er habe das Geld nicht beisammen. Doch Ihr wisst. dass ich ihm nicht traue, und wenn es sich nur irgendwie veranstalten lässt, soll Emmys Verlobung auf unserer übermorgen stattfindenden Soiree bekannt gemacht werden. Nachher mag er wüthen. Euer Herr Papa. Aber Ihr wisst ja. wer hier im Hause der Herr ist? Emmy wünscht sich den Grafen Brandt zum Manne, und sie soll ihn bekommen." „Ich werde mich tödten. wenn meine Verlobung nicht endlich stattfindet," rief Fräulein Emmv unter Thränen. Ich liebe ihn!" „Ich weiss es, mein Kind," versetzte Frau Tulpenthal. „Lasse mich in Ruhe mit Deiner Liebe," rief Gräfin Steinwaldt erbost. „Hier handelt es sich um andere Dinge. Mein Mann ist ein Schafskopf!" „Mary, Dein Mann ist Graf!" „Mein Mann ist ein Schafskopf. Er hat für nichts Sinn, als für seine Geliebte und fürs Trinken: ihm ist es ganz einerlei, ob ich in der Aristokratie oder mit dem ordinärsten Judenpack verkehre. Es thut nicht so viel für meine aristokratische Position. Graf Brandt allein ist es, der die Verbindung aufrecht erhält, und wenn seine Verlobung mit Emmy nicht bald erfolgt, wenn er sich grollend zurückziehen sollte, so liege ich in der Pfütze, kräht kein Hahn nach mir, kann ich mir meine Gesellschaft in der Judengasse suchen ." In diesem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet und Herr von Tulpenthal trat bei seiner Familie ein. Er wollte grüssen, doch der Gruss stockte ihm in der Kehle. Er sah Emmy in Thränen, die Gräfin erzürnt, seine Frau erregt mit der Uhrkette spielen, und er wusste, worum es sich handelte. Er Hess sich behutsam in einen Fauteuil nieder, zog einen kleinen Kamm hervor und begann seine langen Cotelettes behutsam durchzukämmen. Seine Frau schrie ihn zornig an: „Glaubst Du vielleicht, Du bist in einem Friseurladen?" „Nein, ich weiss, ich bin in einem Heiratsbureau," erwiderte er. „Papa, ich verbiete mir derlei Scherze," sagte Emmy, das Taschentuch von den Augen nehmend. „Die kannst Du drüben in Deinem Bureau zum Besten geben, nicht aber hier, wo es sich um die heiligsten Empfindungen eines armen gemarterten Mensch enherzens handelt." „Armes gemartertes Menschenherz ist gut."' „Papa?!" „ich würde Dich ganz ruhig aus dem Salon hinauswerfen lassen/' sagte Frau von Tulpenthal zu ihrem Gatten, „wenn ich nicht das Unglück hätte. Deine Frau zu sein. Bist Du schon wieder der Jud', der in seiner Jugend mit den Packen auf dem Rücken hausieren gieng? Glaubst Du, Du hast Deine Frau Mama, die Gänslerin, vor Dir?" „Johanna, meine Mutter lass' in Ruhe, die hat Dir nichts gethan." „Lieber Papa,'' hub hier die Gräfin Steinwaldt an, die noch immer im Salon unruhig auf- und abgieng, „lassen wir die häuslichen Scenen. Wir müssen endlich ins Reine kommen. Die Angelegenheit muss geklärt werden. Wozu hast Du mich an einen Grafen verheiratet?'* „Wozu? Wozu? Weil Du durchaus Frau Gräfin hast werden müssen, weil sich das aristokratische Blut Deiner Mutter empört hatte, wenn ein Jude ihr Schwiegersohn geworden wäre." „So? Und Dir zuliebe geschah es nicht? Du hofftest nicht, durch einen gräflichen Schwiegersohn in die vornehmen Kreise zu gehingen, um Deine Glaubensgenossen besser verachten zu können?" „Und wenn ich das auch im Sinne hatte, erreicht habe ich es ja doch nicht?" „Durch meinen Mann war das eben nicht zu erreichen. Er war nie ein Vollblutaristokrat, er war ein Lump, dem seine besseren Standesgenossen stets aus dem Wege giengen. Das wird ganz anders, wenn Emmy den Grafen Brandt heiratet. Seine Tante ist die Obersthofmeisterin Ihrer Majestät, seine Schwester