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Die Welt · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Article
Ein Erretter des Judenthums
Date
1901-08-09
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32 „Die # Welt" Seite il Was die „weltfremden" Kabbinen mit ihrer „spitzfindigen Sophistik" aus der jüdischen Eeligion gemacht haben, bedeutete zu ihrer Zeit jedenfalls einen Fortschritt. Sie besassen allerdings, das will ich Herrn Juda Honens gern zugeben, „keinen Funken deutschinnerlichen Gefühls", denn sie lebten zum grössten Theile gar nicht in Deutschland, sondern im Orient, in Spanien und Südfrankreich, sodann war es bei den damaligen Juden auch noch nicht Mode, sich anderen Nationen gewaltsam an den Hals zu werfen und sich nicht einmal durch derbe Fusstritte abschütteln zu lassen. Aber gar so weltfremd waren sie keineswegs. Sie kannten die Bedürfnisse ihres Volkes ganz genau und waren religiösen Reformen, soweit solche einem wirklichen Bedürfnisse entsprachen, durchaus nicht unzugänglich. Erst als die ganze Eeformthätigkeit, wie in den letzten Jahrzehnten, in eine sinn- und zwecklose Nachäffung der christlichen religiösen Gebräuche ausartete, wurde sie vom gesunden Sinne des Volkes abgelehnt. Aeusserst schwach sind auch die Argumente, mit denen Herr Juda Monens seine Forderung: „Fort mit der hebräischen Sprache!" begründet. Der pathetische Ausruf: „Deutsche sind wir, und deutsch wollen wir beten!" ist doch — gelinde gesagt — nichts weiter als eine leere Phrase. Dem lieben Gott gegenüber ist der nationale Chauvinismus ganz und gar unangebracht; er ist auch nicht ganz ungefährlich, denn der liebe Gott prüft bekanntlich Herz und Nieren, und mancher, der sein Deutschthum besonders ostentativ zur Schau trägt, könnte vielleicht gewogen und zu leicht befunden werden. Eine Hebung des Synagogenbesuches würde die Abschaffung der hebräischen Sprache aus der Liturgie jedenfalls nicht zur Folge haben. lch*glaube auch nicht, dass Herrn Juda Monens, als einem modernen Menschen, besonders daran gelegen ist. Ebensowenig können die pädagogischen Fehler, die beim Religionsunterrichte in Bayern begangen werden, als ein Grund für die Abschaffung des Hebräischen gelten. Die wirklichen Motive des Herrn Juda Monens dürften vielmehr in dem Stossseufzer zum Ausdruck kommen: „So lange wir das Hebräische als Wesen unserer Religion ausgeben, so lange wir eine eigene Nationalsprache uns anmassen, so lange werden wir mit Recht als Fremdlinge betrachtet und behandelt im deutschen Vaterlande."' Für die Unlogik dieser Behauptung kann höchstens nur die Furcht als mildernder Umstand gelten. Was in aller Welt soll unsere Religion mit unserer staatsbürgerlichen Stellung oder auch mit unserem Deutschthum zu schaffen haben? Würde Herr Juda Monens, wenn heute aus irgendeinem Grunde sämmtliche Einwohner — sagen wir: der bayrischen Pfalz —zum Judenthum oder zum Islam übertreten, auch die Pfälzer Bauern als Fremdlinge im deutschen Vaterlande betrachten und behandeln? Die würden sich das schön verbitten. Oder soll vielleicht die „Anmassung" einer nationalen Sprache uns den Stempel als Fremdlinge aufdrücken? Dann müsste Herr Juda Monens allerdings nicht wissen, dass das Deutsche Reich Millionen von Staatsangehörigen zählt, die sicheine nationale Sprache nicht nur anmassen, sondern auch faetisch besitzen, und die trotzdem niemand als Fremdlinge betrachtet. Es fällt auch niemandem ein, ihnen ihre nationale Sprache, deren sie sich nicht bloss in der Liturgie, sondern auch im täglichen Verkehr bedienen, entreissen zu wollen; man verlangt von ihnen nichts weiter, als dass sie sich auch die deutsche Sprache aneignen und etwa vorhandene Absichten auf Losreissung der von ihnen bewohnten Provinzen vom Deutschen Reiche einfür allemal aufgeben. Aber selbst gesetzt den Fall, dass die Beibehaltung der hebräischen Sprache als ein wesentliches Element unserer Religion unsere Stellung im deutschen Vaterlande thatsächlich gefährden könnte, so wäre ihre Abschaffung aus -diesem Grunde nicht nur unethisch, sondern als halbe Massregel auch unpraktisch. Bildet sich denn Herr Juda Monens thatsächlich ein, durch deutsche Gebete den Antisemitismus aus der Welt .^schaffen zu können? Wer selbst Herrn Juda Monens noch nicht als Volldeutschen anerkennt, der thut es aus ganz anderen als religiösen Gründen, dem ist es herzlich gleichgiltig, ob und in welcher Sprache Herr Juda Monens betet. Ich möchte aber noch eine andere Frage an Herrn Juda Monens richten: Die jüdische Nation hat für ihn zu existieren aufgehört mit dem Momente, wo „die Schranken;des Ghetto gefallen sind und uns der Weg zum deutschen .Bürgerthum erschlossen wurde"; die jüdische Religion in der Form wie sie heute besteht, ist ihm ein Gegenstand •der Abneigung; die ethischen Lehren des reinen Mosaismus, die kann er auch im Christenthum oder in der Confessions- (losigkeit haben. AYozu gibt er sich nun die viele Mühe, die jüdische Religion zu erhalten oder, richtiger gesagt, erst eine neue mit seinein deutsehnatioiialeii Gefühle harmonierende jüdische Religion zu schaffen? Sollte nicht vielleicht in irgendeinem Winkel seines Herzens noch unbewusst ein Rest von jüdischem Nationalgefühl schlummern und sein lebhaftes Interesse an dem Fortbestand des Judenthums bedingen? Ich glaube, diese Lösung des psychologischen Räthsels wäre gar nicht so absurd. Das ist eben der Cardinalfehler des Herrn Juda Mo- .nens, dass er im offenen Widerspruch mit allen ThatSachen, mit der Ansicht der ganzen nicht jüdischen Welt und auch mit seinem eigenen unbewussten Empfinden, die Existenz eines jüdischen Volkes leugnet und im Judenthum nur noch eine Religionsgemeinschaft erblickt. Dies muss ihn zu der irrigen Annahme verleiten, dass das Judenthum sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Auflösung , befindet, denn er sieht es auf Schritt und Tritt, wie die Religion im Volke und namentlich bei der jungen Generation immer mehr an Boden verliert. Da er nun persönlich ebenfalls mit der überlieferten Religion der Väter gebrochen hat, so wäre es eigentlich nur consequent, sich von dieser Religion vollständig loszusagen. Dagegen sträubt sich aber in ihm jenes unbewusste Etwas, das ich nicht anders denn als üeberreste jüdisch-nationalen Empfindens definieren kann, und so verfällt er auf den recht abenteuerlichen Gedanken, -eine Reform der jüdischen Religion inaugurieren zu wollen, obgleich er sich doch selbst gestehen müsste, dass ihn schon seine mangelnde Kenntnis der Religion für diese Aufgabe ganz und gar ungeeignet macht. Mit Unrecht betrachtet sich daher Herr Juda Monens . als einen Gegner des Herrn Levita. Ihre Ziele sind vollkommen gleich. Die „Errettung" des Herrn Juda Monens (bildet den ersten, die „Erlösung" des Herrn Levita den zweiten Schritt. Zum Glück für das Judenthum ist aber der Standpunkt des Herrn Juda Monens durchaus nicht der der jungen Generation, der die Zukunft gehört. Diese wendet sich zwar, was Herr Juda Monens richtig beobachtet hat, von der Religion immer mehr ab, aber sie beginnt allmählich zu erkennen, dass das J udenthum nicht bloss eine religiöse, sondern auch eine nationale Gemeinschaft bildet, welche den Fortbestand des Judenthums ganz unabhängig von dem Schicksale der Religion verbürgt. Noch mehr, die junge Generation beginnt auch bereits die Consequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen: die H e r r n Juda Monens so verhasste hebräische Sprache, die jüdische Geschichte und , Literatur zu pflegen, s i c h f ü r d a s Schicksal der S t a m m e s g e n o s s e n in der ganzen Welt zu interessieren und an der Schaffung eines autonomen jüdischen Gemein- : „wesens im Lande der Väter mitzuarbeiten,

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