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Die Welt · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Article
Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
Date
1901-08-09
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 „Die # Wöltf« Seite 7 Wo sollen wir unter diesen Umständen die für die Regeneration der Judenheit, für die nationale Wiedergeburt nüthigen energischen und opferwilligen intellectuellen Kräfte hernehmen*: Schon vor Jahren warf der bekannte hebräische Schriftsteller R. lUainin, der damals noch in Wien lebte und dem Studentenverein angehörte, in einem seiner Artikel die Frage auf: iKXä'1 pKÖ D^aiCH —: Wo werden wir Schriftsteller hernehmen? Und ich frage jetzt Wo werden wir überhaupt Juden hernehmen? Nicht arme, kranke und degenerierte Juden; von denen hat unser Volk mehr al« genug, sondern körperlich und geistig gesunde, nationalgcsinnte, energische, opferwillige Juden, wie sie unser Volk zu seiner Wiedergeburt auf dem Boden der Väter benöthigt? So ein Student, der die bessere Hälfte seines Lebens hindurch den brutalen Kampf mit der drückenden Noth führen musste, deij von allen Menschen verlassen, verbittert und vergrämt dahinvegetiert, bis er in den Besitz des heissersehnten Doctordiploms gelangt, so ein Student wird dann im Leben vielleicht ein guter Arzt, ein tüchtiger Jurist, ein geübter Techniker sein können — vielleicht; ich halte es nämlich für sehr fraglich — aber nie und nimmermehr wird er ein strammer, selbstbewusster opferwilliger Jude sein. Vielmehr wird er, nachdem er sein Ziel erreicht hat, trachten, sich eine einträgliche Pfründe zu verschaffen .... Und da stossen wir unmittelbar auf die Frage der sogenannten cultur eilen T h ä t i g k e i t der Z i o n i s t e n. Die russischen Zionisten verhielten sich nämlich bis jetzt zu dieser Frage ganz gleichgiltig. Allerdings findet diese Gleichgiltigkeit in dem Umstände ihre Erklärung und Rechtfertigung, dass sich überhaupt die meisten russischen Zionisten von allem Anfang an nur auf die politische resp. agitatorische Thätigkeit beschränkten und sich mit Gegenwartsarbeiten nicht befassen wollten. Ausserdem waren zur Gründung jüdischer Mittelschulen, zur Unterstützung der Hochschüler etc. sehr grosse Geldsummen nöthig, so dass diese Thätigkeit eine viel compliciertere und schwerer ausführbare ist als die Gründung von jüdischen Elementarschulen, Muster-Chedarim etc. Nun, was die Geldmittel betrifft, so ist das Beispiel der wenigen jetzt schon existierenden jüdischen Privatsehulen ermuthigend, die in finanzieller Beziehung sehr gut gestellt sind, trotzdem sie nur von privaten Unternehmern erhalten werden und keinerlei Subventionen geniessen. Diese privaten Mittelschulen würden ja jüdisch-nationale Schulen im besten Sinne dieses Wortes sein, da ein ausreichender Unterricht in hebräischer Sprache, jüdischer Geschichte und Literatur den Schülern ertheilt werden könnte. Letzthin scheinen die russischen Zionisten übrigens die Nothwendigkeit einer culturellen Gegenwartsarbeit eingesehen zu haben, wie aus den Beschlüssen der-Minsker und Elisabethgrader zionistischen Bezirksconferenzen zu entnehmen ist. Viele russische Gesinnungsgenossen wollen jedoch noch immer nicht mit der Thatsache rechnen, dass diese ursprüngliche, ich möchte sagen, embryonale Form des zionistischen Programms sich schon längst zu einem reiferen, sämmtlichen Lebensforderungen entsprechenden Organismus ausgebildet hat. „Wir werden durch diese locale Thätigkeit von unserem Hauptziele abkommen," sagte mir vor kurzem einer der angesehensten russischen Zionisten. Das ist aber — mit Verlaub — eine ganz unbegründete Auffassung. Ich halte an der Ueberzeugung fest, dass diese Gegenwarts-Thätigkeit uns vom Hauptziele — der Wiedergeburt des jüdischen Volkes auf dem historischen Boden Palästinas — nicht nur nicht abbringen kann, sondern gerade im Gegentheil zur Erreichung dieses Endzieles beitragen wird. Denn nur wo Unthätigkeit und Stillstand, dort ist auch Zersetzung und Tod. Der beste Beweis dafür ist, dass erfahrungs- «cmäss in denjenigen russischen zionistischen Vereinen und Ortsgruppen, wo keine locale Thätigkeit entwickelt wurde, allmählich auch die politisch-zionistische Thätigkeit abnimmt. Hingegen herrscht in den Vereinen, die sich energisch den praktischen Aufgaben der Gegenwart widmen, auch in Hinsicht auf den Absatz von Shares und Sehekel, sow ie auch sonst inbezug auf Propaganda reges Leben, das zu den besten Hoffnungen für die Zukunft berechtigt. , (Fortsetzung folgt.) Discussionsabende im Gumpendorfer Arbeiter- Bildungsvereine. Der grosse Wiener Arbeiterbildungsvcrein hat sich veranlasst gesehen, die zionistische Idee zum Gegenstände ernster Discussionen zu machen — ein Fortschritt, der dein jungen kritischen Geiste in den Arbeiterorganisationen zu danken ist. Allerdings ist dieser kritische Geist nicht voraussetzungslos, sondern tendenziös, doch ist schon die Absicht, anders zu scheinen als man ist, ein Zeichen des erstarkenden Gewissens. Heden, die gelullten wurden, waren typisch und ebenso die Gesinnungen und Charaktere, die sich durch blosse Dialeetik gegenseitig zu überwinden trachteten! Socialdcmol'raten, die sich aus idealer Anhänglichkeit an den entheiligten und leider nur zu oft gänzlich.verständnislos bekrittelten Marxismus des blossen Willens zur Aufnahme neuer Gedanken begeben haben; Social radicale, die untereinander Augurenblicke tauschen und innerhalb der socialdemokratisehen Partei für die freie Wissenschaft Opposition machen, nach aussen aber jede Kritik bekämpfen, die von Nichtorganisierten, also Laien gewagt wird; SocialpoliUIcer, die sich vor dem socialen Weltgetöse in ihre stille Studierstube flüchten und sich dorten damit vergnügen, dass sie sociale Theoreme in Form von schillernden, leeren Seifenblasen in die Welt hinauspaffen; endlich jüdische Socialisten, die überall, von Ehrgeiz gejagt, mitthun wollen, die Kritik und Ankritik mit gleicher Leidenschaft betreiben und nur bei einem Thema die eisernen Reifen ihrer Logik sprengen: bei der Judenfrage. Sie verschenken an die Menschheit ihr Herz und ihre Seele und erbetteln sich als Zeichen der Dankbarkeit die Toler'u rung und Vertuschung ihres Judenthums. Objectiv und gerecht für die ganze Welt, subjectiv und ungerecht gegen die eigene Person, die Familie, das Volk. Antisemitisch infolge der „unangenehmen Eigenschaften der Juden", anational der Geschichte und Entwicklung zum Trotz, irrreligiös nicht aus wirklicher Lreberzeugung, sondern nur im politischen Interesse. Das sind die vier Fractionen in den freien social istischen Vereinigungen, das sind die Träger der Kämpfe für Principicn und Gleichberechtigung. Der Zionismus hat vorzugsweise die wirklichen und die jüdischen Socialdcmokraten zu Gegnern. Die letzteren kämpfen um ihre Stellung in der Partei, die erschüttert würde, wenn man den Bankbruch der Assimilation bekannt werden liese. Dieser Existenzkampf macht die jüdischen Sozialisten zu bornierten Fanatikern, die aus sophistischen Instmeten selbst das Judenelend aus der Welt leugnen wollen. Jüdische Socialisten werden erst dann ihr Judenthum wieder in den Adern pulsieren fühlen, wenn sie durch die schmerzlichsten Erfahrungen die Notwendigkeit erkannt haben, ihren oberflächlichen Kosmopolitismus auf nationaler Basis zu reconstruieren. Die Discussion erwies, das eine grosse Begriffsverwirrung über die antizionistischen Köpfe hereingebrochen ist: Dr. Herzls „Judenstaat" wird bekämpft, weil er als Baseler Programm gilt. Die Errichtung einer Heimstätte wird so lange perhorresciert, als diese nicht ausdrücklich als sociale Republik ausgerufen ist, und dies von Bernsteinianern, die erklären: „Der Weg ist uns alles, das Ziel nichts l« Nur in einem Punkte gab es volle Harmonie zwischen den Zionisten und ihren Gegnern, u. zw. bei Constatierung der Thatsache, dass die Socialdemokratie an Hypertrophie mit jüdischen Führern leide — eine Krankheit, die von

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