Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Article
- Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
- Date
- 1901-08-09
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die $ Welt«* Nr. 32 rückten dieses Motiv bei allen Massnahmen zugunsten der Juden oder zu ihren Ungunsten stets in den Vordergrund. Wir finden dieses Motiv auch bei dem berühmten russischen NationalOkono-'- mer. Subbotin in seinem Artikel „Der gegenwärtige Stand der Judenfrage" in der jüngst erschienenen Sammelschrift „Hilfe den von der Missernte betroffenen Juden" Wir werden darauf noch bei der Erörterung der ökonomischen Lage der russischen Juden zurückkommen. Herr Zeljony erzielte im vorigen Jahre nur die Aufnahme von 14 jüdischen Studenten „über die Norm", die besonders gute , Maturitätszeugnisse aufzuweisen hatten. Heuer wandte sich die. Odessaer Abtheilung des „Vereines zur Verbreitung der Aufklä-, rung" an den Petersburger Centraiverein mit der Bitte, er möge; bei der Regierung die Aufhebung des „Percentsatzes" befürworten. . Allein in Anbetracht der jüngst erlassenen Verordnung des neuen Unterrichtsministers General Wannowsky, wonach die , auf die Juden bezüglichen Restrictionsbestimmungen in unge- , schwächter Kraft bestehen bleiben,, lässt sich nicht voraussagen, welches Ergebnis diese Fürsprache haben wird, respective wie , lange noch die jüdische studierende Jugend ihren Dornenweg wird , gehen müssen. , Es stellt sich deshalb als unvermeidlich und unaufschiebbar s. heraus, auch noch andere Mittel zu ergreifen, um das Elend zu lindern, wenn nicht vollständig zu beseitigen. t In Nr. 65 vom Jahre 1900 empfiehlt der „Woskhod" die*, gesellschaftliche Selbsthilfe als einziges Mittel, durch das die,, drückende Noth wenigstens gemildert werden kann. Es sollen priv vate Mittelschulen gegründet wrerden; die Regierung, meint der „Woskhod", werde dieser Initiative entgegenkommen. { In diesem Sinne äusserte sich auch Rechtsanwalt Doctor i Giigorij Woltke aus Petersburg in dem von ihm im September! ' vorigen Jahres im Odessaer „Verein z. V. d. A. d. r. J." gehaltenen; Referate „lieber den gegenwärtigen Stand der Bildung unter den Juden". Er stellte u. a. den Antrag: „Die Juden, und in erster Reihe der „Verein zur Verbreitung der Aufklärung" möge für » die Gründung von Mittel- und Hochschulen aus eigenen Mitteln s Sorge tragen". Herr Woltke stellte nicht bloss Anträge, sondern wies auch auf eine Reihe von Geldquellen hin, denen die zur Gründung dieser Schulen erforderlichen Geldmittel zu entnehmen; wären. * Ganz besonders energisch aber spricht sich für solche i Selbsthilfe die Zeitschrift „Budustschnostj" aus, diesich ' zur Möglichkeit einer baldigen Aufhebung der Besehränkungsniass- « regeln und eines freien Zulasses der Juden zu den staatlichen Mittel- und Hochschulen überaus skeptisch verhält und unermüd-; lieh zur Gründung speeifisch jüdischer Mittelschulen eindring-jj lieh mahnt. In Nr. 31 v. J. wies z. B. „Budustschnostj" auf einen Umstand hin, der besonders zur Gründung solcher Privatmittelschulen Anstoss geben dürfte. Die Absolventen einer Privatschule geniessen nämlich keine der den Absolventen der staatlichen Schu- : len zukommenden Rechte und müssen sich, wenn sie sich diese verschaffen wollen, einer zweiten Controlprüfung als „Externisten" unterwerfen. Nun konnte man aber bisher bloss von 4 bis 6 oder , von 8 Classen Prüfung ablegen. Vor kurzem ist die Regierung , jedoch in dieser Beziehung den Interessen der jüdischen Schüler; entgegengekommen, indem sie gestattete, jedes Jahr von einer [ Classe Prüfung abzulegen. Diese Erleichterung ist von sehr; grosser Wichtigkeit, denn während die Privatschüler früher ,( zu jeder „Rigorosen-Prüfung" den Lehrstoff mehrerer Classen durchnehmen mussten, können sie jetzt mit den Schülern der staatlichen Anstalten Schritt halten und haben diesen gegenüber nur den einen Nachtheil, dass sie, anstatt in ihrer (Privat-) Schule geprüft zu werden, die Prüfung in einer fremden (staatlichen) Anstalt bestehen müssen. Es wären übrigens noch weitere Erleichterungen zugunsten etwaiger jüdischer Privatschulen von der Regierung zu erwarten. Es wäre noch zu bemerken, dass „Budustschnostj" viel mehr für die Gründung von jüdischen Handelsschulen, als von Gymnasien und Realschulen ist, weil es nämlich bei der beschränkten Aufnahme der Juden in die Hochschulen „von Wichtigkeit ist, dass die Mittelschulbildung, die den jüdischen Kindern zutheil wird, einen nach Möglichkeit abgeschlossenen und praktischen Charakter habe". Diese Erwägung ist allerdings theoretisch sehr richtig, es knüpft sich jedoch an sie die Frage an: Wäre es nicht unzweckmässig, eine allzu grosse Menge von gebildeten judischen Geschäftsleitern oder Handelscorrespondenten zu schaffen? Würde sich dadurch nicht ein neuer Typus von Intelligenz-Proletariat bilden, der umsoweniger eine Existenz-Möglichkeit finden könnte, als ja auch „Unstudierte" oft dieselben kaufmännischen Posten bekleiden? Ausserdem wäre zu bedenken, dass die Absolvierung einer Handelsschule dem Juden nicht einmal das allgemeine Wohnrecht verleiht, so dass er ausschliesslich auf das Ansiedlungsgebiet angewiesen bliebe, weshalb man z. B. in Odessa, wo drei Handelsschulen bestehen, auch jetzt schon Absolventen dieser Schulen finden kann, die keine Verwendung für ihre Kenntnisse finden. Mit viel mehr Berechtigimg wären die Handelsschulen Kindern reicherer Leute zu empfehlen, die dann ihre eigenen Geschäfte und Unternehmungen leiten könnten, die also die Schulbildung nicht eigentlich als Mittel zur Existenz benöthigen. Hingegen sollten meiner Ansicht nach für die ärmeren Classen mehr Fachschulen gegründet werden — sagen wir technische Mittelschulen — z. B. chemische Lehranstalten für Tuchfärberei und sonstige Gewerbeschulen. Derartige Anstalten gibt es in Russland überhaupt sehr wenige, und Juden werden dort schon gar nicht aufgenommen. Nun macht sich aber in Russland mit der rasch zunehmenden Entwicklung und Ausbreitung der Fabriks-Industrie der Bedarf an solchen Fachmännern immer mehr fühlbar, und wir wissen, wie viele junge Leute ins Ausland gehen, um dort diese Kenntnisse zu erwerben. Wir wissen auch, welche gute Aussichten den Absolventen solcher Fachschulen in Russland winken, wenigstens jetzt noch, wo selbst Juden noch hie und da im Staats- und GeseHschaftsdienste angestellt werden. Auch die Thatsache, dass die eingeborenen Studenten einiger deutscher und schweizerischer Fachschulen ihren Behörden die Bitte unterbreitet haben, man möge den Russen die Aufnahme in diesen Schulen verweigern, und dass manche Behörden dieser Bitte bereitwilligst willfahren, so dass jetzt schon an einigen deutschen und schweizerischen Hoch- und Fachschulen russische Studenten nur nach Ablegung einer Concursprüfung aufgenommen werden, während sie früher ohne jeden Nachweis Aufnahme fanden; auch diese Thatsache wird ja von manchen dadurch erklärt, dass die deutschen Behörden die Ausbildung der Russen als einen ihrer Fabriks-Industrie schädlichen Umstand betrachten., da Russland mit Hilfe dieser im Auslande ausgebildeten Fachleute selbst dieselben Industrieproduete erzeugen kann, die es früher vom Auslande beziehen musste. Für Juden hätten Fachschulen auch noch den Vortheil, dass den Absolventen derselben auf Grund vieler Entscheidungen des dirigierenden Senats das allgemeine Wohnrecht eingeräumt wird, da sie als „Handwerker" betrachtet werden. Ausser der Gründimg von jüdischen Privatschulen wäre noch von grosser Wichtigkeit, eine ausreichende Hilfsaction für die Unterstützung derjenigen Studierenden ins Leben zu rufen, die wegen ihres vorgerückten Alters oder infolge anderer Umstände auch die Privatschulen nicht besuchen können, die also doch als „Externisten" ihr Ziel verfolgen müssten. Ich spreche gar nicht von einer Hilfsaction für diejenigen russischen Studierenden, die nach Erreichung der Matura im Auslände ihre Universitätsstudien absolvieren müssen. Hier in Oesterreich, beziehungsweise in Wien, wo die Zahl der russischen Studenten bis jetzt noch eine sehr geringe ist (circa 40—«50), von denen die meisten dazu von Haus aus wohlhabend oder sogar reich sind, hier gelingt es ihnen noch verhältnismässig leicht, durch Ertheilung von russischem Sprachunterrichte, durch russische Correspondenz,Uebersetzungen, manchmal gar durch „Adressensehreiben" sich die Existenzmittel zu verschaffen. Anders jedoch in denjenigen Universitäts-Städten, wo sich, wie es in einigen deutschen und schweizerischen Universitäten der Fall ist, mehrere hunderte russische Studenten und Studentinnen zusammengefunden haben, wo die Zahl der Bedürftigen eine ungeheuer grosse ist, und wo es absolut keine Erwerbsmöglichkeit gibt.