Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Article
Die Weinfrage und die Rebencultur in Palästina
Date
1901-08-09
Page
4 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315938-3398943--27487-3399041
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 „Die # Welt" Nr. hier nur noch eine geringe Absatzmöglichkeit für die jüdischen Colonien bleibt. Wenn wir aber trotzdem bei der Besprechung dieser Zustände verweilen, so geschieht es, abgesehen von dem allgemeinen Interesse, das diese Frage beanspruchen darf, aus dem naheliegenden Grunde, weil die gegenwärtige Lage sich über kurz und lang unbedingt ändern muss. Fassen wir diese bevorstehende Aenderung rechtzeitig ins Auge, so können wir aus ihr den vollen Nutzen ziehen. Die Phylloxera existiert nun einmal im Lande. Die Weinberge von Zichron-Jacob sind so gut wie vernichtet, diejenigen der übrigen Colonien zum Theil schon zweifellos angegriffen. Die Pflanzungen der Araber müssen unbedingt demselben traurigen Schicksale unterliegen, wenn einmal die Phylloxera auch dorthin vorgedrungen ist. Es ist eine Frage der Zeit, und zwar einer ziemlich kurzen Zeit. Nun aber werden die Araber, infolge ihrer ökonomischen Lage, der ziemlich bedeutenden Schwierigkeiten, welche die Ileconstitliierung der Pflanzungen durch amerikanische Reben aufweist, zum grössten Theile auch infolge ihres traditionellen Fatalismus, so gut wie nichts zur Bekämpfung des Uebels unternehmen. Mit ihrer üblichen Fahrlässigkeit werden sie ihre vernichteten Beben durch nichtwiderstandsfähige Sorten ersetzen. Ein Analogon haben wir in Kleinasien, wo seit 10—12 Jahren die Phylloxera sich eingebürgert hat and wo trotz der activen Beihilfe der Regierung die Reconstituierung durch amerikanische Reben fast ausschliesslich von Europäern, Nichtmohamniedanern, bewerkstelligt wird. Würden also unsere jüdischen Colonisten das Lob der Rührigkeit, welches den Juden im allgemeinen nachgerühmt wird, auch wirklich verdienen wollen, so könnten sie rasch zu Herren der Situation werden, falls sie die amerikanischen Reben mit arabischen und europäischen — leicht aeclimatisierbaren — Tafel traubensorten pfropfen wollten. Die Rebencultur könnte wiederum zur Quelle bedeutender Einnahmen für die schon existierenden, wie auch für die möglicherweise neu zu begründenden Colonien werden. Eh soll uns noch gestattet sein, die Frage vom Standpunkte der Production von Primeur-Tafeltrauben zu beleuchten, worüber sich mehrere geäussert haben. Trotzdem Palästina sich eines genügend warmen Klimas erfreut, scheint doch die Production von Tafeltrauben zu Exportzwecken, wie die Production von Primeurs überhaupt, wenig aussichtsvoll zu sein. Zunächst hemmt ja der Mangel eines Netzes von bequemen nud ausgebreiteten Verbindungswegen die Production von Primeurs und beschränkt sie ausschliesslich auf das Küstengebiet, wozu eigentlich die Depression des Jordan am besten geeignet erscheint. Und dann: Wohin sollen wir denn exportieren? Aegypten scheint ein ziemlich, consumkräftiges Absatzgebiet für Trauben zu sein, aber man hat sich auch dort schon der Cultur der Reben zugewendet, der Ertrag wird nicht lange auf sich warten lassen, und so fällt für uns dieser Markt binnen kurzem aussei" Betracht. Uebrigens ist die Cultur von Primeurs auch in Ländern, Welche in dieser Beziehung besser gelegen sind, wenig; ausgebreitet. O O O " o o Algerien, welches den Export nach Europa ziemlich bequem hat, dessen Weinberge im Jahre 1899 einen Flächenraum von 139.028 Hektar bedeckten, widmet der Cultivierung von Trauben als Primeurware nicht mehr als 150 Hektar, d. h. etwas mehr als V'/m. Allerdings erreicht der Ertrag dieser 150 Hektar die Höhe von circa 1,800.000 Kilogr. Trauben, welche zu einem Preise von 500.000 Francs verkauft wurden Die Kosten sind sehr hoch, übersteigen aber nicht 000 Frcs. per Hektar, es bleibt noch immer ein mittlerer'Ertrag von mehr als 2;500 Frcs. per Hektar. Abgesehen davon, verlangt diese Oultur viel Handarbeit zur sorgfältigen Verpackung der Kisten und Korbe, welche die Beschäftigung einer grossen Anzahl von Frauen und Kindern zulässt. (Schluss folgt.) Die Juden in Böhmen. Die homogene Zusammensetzung unseres Stararnec findet zwischen den Meridianen und den Breitekreisen, sehr oft eine --augenfällige Unterbrechung. Man spricht yoq Unterschieden zwischen französischen und deutschen, zwischen rumänischen und ungarischen Juden. Doch kommt diesem Umstand keinerlei Bedeutung zu. Denn er ist aus der Geschichte durchaus nicht ethnographisch zu" begründen, d. i. als ein uraltes Erbe, das die Stürme aller Zeiten nicht zu begraben vermochten, als eine nationale Eigentümlichkeit, die hartnäckig jede Generation abstempelt, ohne dass sie, wie sich das Sprichwort drastisch ausdrückt, auch mit der Heugabel vertrieben werden könnte. Es gibt Gegner, die auch diesen Schimmel reiten — eine kraftlose Mähre. Viel crasser und aufdringlicher ist die Art der erwähnten Unterschiede zwischen den Deutschen im Norden und Süden der Elbe, und doch krächzt kein dummer Unglücksvogel dem kraftvollen deutschen Staate kommendes Verderben. Um wieviel weniger mag uns in dieser Beziehung ein gegnerisches Wort treffen. Denn die Formen der Lebens- und Sinnesart in den einzelnen Gruppen des heutigen Judentums sind von nichts anderem modelliert, als al lein von dem ökonomischen und damit, nach moderner Auffassung, den moralischen Verhältnissen. Diese Thatsache ist ein Moment, das uns Zionisten gar sehr interessiert und nach erkannter Bestätigung seiner Wahrheit nicht wenig erbaut, weil wir es als einen Fingerzeig in eine lachende Zukuift nehmen, wenn wir sehen, dass das Niveau der Oekonomie und da^ der Moral zugleich sich heben, das zweite aber mit ungleich grösserer Geschwindigkeit und Höhe" als das erste. Dafür sind die Juden Böhmens eine Bejahung — und eine Negation. Ihre materielle Lage war eine gute, w^rni wir von den letzten vierzig Jahren zehn abziehen, die einer eigenen Beleuchtung bedürfen. Innerhalb des Khombus der böhmischen Grenzgebirge Hessen seit jeher strotzende Gelände reiche Sehätze der Wohlfahrt in blühende Städte e.infliessen und im allgemeinen Keichthum liess der leichtere Erwerb den Neid nicht hoch auf schiessen. Im Leben der Umgebung nahmen und gaben die Juden ihren gerechten Theil, nichts darunter und nichts darüber, vnd wem eine Dummheit Vergnügen macht, wer im Felde gegen den Antisemitismus liegt mit schönem Worte, mag sich immer eine Statistik der böhmische]] Jiulenheit anlegen. Er wird darin bestätigt finden, was er abscheulicherweise glai.bt, erst klärlich beweisen, zu müssen: dass die Juden anständige ^ieiisehen sind und noch etwas mehr. Jeder Erfahrene wir.! es unbestritten lassen, dass die böhmischen Juden den Jammcx des Ghettos zum grössten Theil überwunden haben und den Erniedrigungen der zwingenden Xoth nicht ausgesetzt wrren. Daher ist ihnen gegenüber das Gekläff des ök mcinischen Antisemitismus nichts als Böswilligkeit und hat in der Politik Böhmens niemals Anklang gefunden. In puncto allgemeiner Moral stehen also die Juden Böhmen» auf der Höhe. Etwas anderes stellt sich heraus, wenn wir sie vom Standpunkte nationaler Ehrlichkeit und muthigen Volksbewusstseins betrachten. Für jeden Juden, der in der Lage ist, sein Leben halbwegs nach seinen eigenen'Wünschen einzurichten, für jeden Juden, dem die Noth die Augen für die andere Welt offen gelassen hat, ist es eine Schande, nicht Zionist zu sein. Deshalb, weil bei der im Daseinskämpfe ausgezeichneten Intelligenz unseres Volkes mit Sicherheit zu erwarten steht, dass jeder das Richtige scharf erfasst. Wenn er dann seine Erkenntnis nicht zur llichtsehnur seines Lebens macht, so bat ihn eins von beiden daran gehindert: Egoismus oder Furcht; beides eine brenn °ndc Schande. Und noch etwas kommt hinzu: Norclau, der .Ritter der klaren Wahrheit, hat schon oft manch ehrwürdigaltem Götzen aus Thon mit wuchtigen Hieben den Garaua gemacht; auch letzthin sprach er ein Wort, das schon des»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.