Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Article
- Die Weinfrage und die Rebencultur in Palästina
- Date
- 1901-08-09
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 32 „Die # Welt" Seite 3 Tafeltrauben können, wie wir im Nachfolgenden darlegen werden, einen sehr lohnenden Handel zur Entwicklung bringen. Man wird uns von vornherein entgegenhalten, dass die Rosinen-Erzeugung in Palästina keine Zukunft besässe: hat doch Rosch-Pinah nicht mehr als 80 ha Weinberge, die zur Rosinenerzeugung dienen, und man ist kaum imstande, die Hälfte des Ertrages abzusetzen. Das beweist aber nichts. In derselben irrthümliehen Art, wie man für den Wein, ohne Rücksicht auf die klimatischen und geologischen Verhältnisse des Landes, die Nachahmung des M e" d o c als erstrebenswert angesehen hat, so bemühte man sieh bei der Herstellung der Rosinen, dem Ideal von Malag a nachzustreben, ohne sich die Frage vorgelegt zu haben, ob diese Varietät sich für die gegebenen Verhältnisse eigne, ob sie sich durch eine ausreichende Productivität auszeichnen werde, ob nicht die Erzeugungskosten zu hoch ausfallen würden, ob die Absatzbedingungen günstig seien, ob es endlich nicht im Lande selbst Varietäten gibt, die sich eher den klimatischen und Boden-Verhältnissen, sowie auch den örtlichen Marktbedingungen anpassen Hessen. Man pflanzte also M u s c a t e 1 - M a 1 a g a. Die Productivität erwies sich als gering. Um die Herstellungsart der Rosinen kennen zu lernen, sah man sich veranlasst, nachdem schon vorher ein Vertrauensmann ad hoc nach Spanien gesandt wurde, zwei Eingeborene aus dem heiligen Lande der Autodafes kommen zu lassen, welche den Colonistensölmen die Nachahmung dös Malaga beibringen sollten. Und man ist in der Nachäfferei der Kisten, ihres Formates und ihres Inhaltes so weit gegangen, dass man sich specielle farbige Illustrationen eigens aus Spanien verschrieb. Und so sehen wir in Rosch-Pinah Kisten mit Rosinen expedieren, die mit hübschen Abbildungen von schmachtenden Andalusierinnen und schmucken Toreros verziert sind. Die Erzeugungskosten dieser Malaga-Imitation stellten sich zuweilen auf 1 Franc pro Kilo an Ort und Stelle; man kann sie aber hier im Lande nicht verkaufen, und der Markt von Hamburg bietet nicht mehr als 0,80 Francs pro Kilo. Man muss sagen: es ist ein entschiedener Misserfolg. Aber er ist durchaus nicht von der Art, dass er uns irgendwie beunruhigen oder irremachen könnte. Die Untersuchung der arabischen Rebencultur und ihrer Ökonomischen Bedingungen könnte uns mit einigen sehr nützlichen Kenntnissen bereichern. Es wird wohl Leute geben, und darunter solche, die sich schon längere Zeit in unserem Lande aufhalten, welche sich wundern werden, wenn sie uns von einer arabischen Rebencultur sprechen hören. Nichtsdestoweniger existiert eine solche. Ohne dass man sich in unseren Colonien darum kümmert, gibt es in Palästina ausser den jüdischen Weinpflanzungen, die einen Flächenraum von ca. 2500 ha, genau 27 933 Dunam1), umfassen, 5—10 000 ha Weinberge, die sich im Besitze von Arabern befinden. Diese Weinberge liefern einerseits Tafeltrauben, andererseits das Product zur Herstellung von Rosinen. Sie umfassen hauptsächlich zwei Gebiete: die Gebirge von Jerusalem und Hebron für das Westjordanland und Es-Salt und Djebel Ajloun für Transjordanien. Die Production von Tafeltrauben kann nur dort inbetracht kommen, wo man sicheren Absatz in einem örtlich begrenzten Gebiet vorfindet. Dagegen können die Rosinen auf ein entfernteres Absatzgebiet Anspruch erheben für den Fall, dass die örtliche Absatzquelle für die Gesammtproduetion nicht ausreicht. Dieser letztere Fall tritt für Es-Salt mit seiner schwach bevölkerten Umgebung ein. Das Gebirge von Jerusalem dagegen mit seiner dichten Bevölkerung bietet uns ein Beispiel für den ersten Fall. Man cultiviert in diesen zwei Hauptcentren, wie auch im übrigen Palästina und im ganzen Gebiet des Libanon mit seinem Hauptproduetionsort Schehtorah, einheimische Rebenvarietäten, deren grösster Theil in den europäischen Werken der Ampelographie noch nicht beschrieben und classificiert ist. Alle diese Varietäten zeichnen sich durch ihre schönen Früchte, ihre grosse, fleischige, für die Weinbereitung folglich wenig geeignete Traube aus, die sehr — man könnte sagen, allzu sehr — zuckerreich ist *) Siehe „Die Besehreibung der Kolonien in Palästina" von M, Meierowitsch, Odessa 1901 (russisch). und weiten Transport auf schlechten Wegen recht gut verträgt. Einige Varietäten haben Trauben von einer Schönheit, die den Vergleich mit den schönsten europäischen Tafeltraubengattungen bestehen können. Es gibt welche, die sich durch eine verhältnismässige Frühreife auszeichnen; der grösste Theil aber reift sehr spät, etwa zu Beginn der Regensaison (Anfang bis Mitte October). Diese Traubengattungen, ihre Zuchtverhältnisse, ja sogar die Örtliche Routine, verdienten wohl, die Aufmerksamkeit unserer Agronomen auf sich zu lenken. Eine mehr oder weniger tiefgehende Untersuchung dieses Gegenstandes, besonders in den ersten Anfängen unserer Colonisation, würde uns manche bitteren Enttäuschungen erspart haben. Sie kann aber noch heute zu wichtigen Schlussfolgerungen Veranlassung geben. Alle diejenigen, die sich mit wirthschaftlichen Studien in Palästina befassen, wissen, dass es nahezu unmöglich ist, hier im Lande statistische Zahlen zu sammeln. Es bleibt uns folglich nur eine geringe Möglichkeit, genaue Angaben über die von den arabischen Weinpflanzungen bedeckte Fläche, sowie über deren Ertrag und Productionswert zu liefern. Nichtsdestoweniger glauben wir uns zur Behauptung berechtigt, dass es auf dem Djebel-el-Kuds (Gebirge von Jerusalem), den Djebel-el-Halil (Gebirge von Hebron) inbegriffen, einige Tausende Hektar Weinberge gibt. Die Trauben werden nach Jerusalem, Nabulus (dem alten Sichern) und Jaffa expediert. Das Gebiet vori Nabulus gehört mit zu den am meisten bevölkerten Gegenden Palästinas. Die Stadt Nabulus allein zählt 25 000 Einwohner, und in der näheren und entfernteren Umgebung der Stadt werden weitere 75 000 Consumenten vermuthet. Man bedenke, dass die Araber zum grössten Theile eine vegetarische Lebensweise führen, welche hauptsächlich auf ökonomische Ursachen zurückzuführen ist. Fleisch kommt den Arabern nur selten und in sehr kleinen Mengen auf den Tisch, hingegen hat Obst eine ganz besondere Anziehungskraft für sie, und sie verbrauchen davon solche Mengen, die keinem europäischen Magen zugemuthet werden könnten. Man schätzt für das Dorf M e z r a ' a allein, dessen Hauptabnehmer Nabulus ist, einen täglichen Export von 300 Lasten (Esel oder Maulthier) Trauben. Bei einem Lastgewichte von 50 kg würde dies einem Quantum von 15 000 kg pro Tag und von 5—600 000 kg pro Saison (ca. 30 bis 40 Tage) entsprechen — eine Ausfuhr, deren Wert sieh auf 100 000 Francs beziffert, und zwar für dieses Dorf allein. x\ls mittleren Ertrag nehmen wir 1)000 kg Trauben pro ha an. Der Preis der frischen Trauben schwankt in Nabulus zwischen 2l/2 und 3l/2 Piaster pro 1 Rotel, d. i. 0.15—0,25 Francs pro Kilogramm und entspricht einem Bruttoertrag von mehr als 1000 Francs für den Hektar (G00O kg). Wenn auch die Züchtungsvorgänge zu wünschen übrig lassen, so sind dafür die Unterhaltungskosten sehr gering, und trotz der hohen Transportspesen dürfte immerhin ein Reinertrag von 500 Francs pro Hektar verbleiben. Ein Reinertrag von 500 Francs pro Hektar! Diese Ziffer muss denjenigen unter den unglücklichen Colonisten als fabelhaft erscheinen, welche noch vor wenigen Jahren den Reinertrag ihrer Weinberge auf 1000 Francs pro Hektar anzusetzen pflegten und welche bei den gegenwärtigen Preisen mit 200 Francs pro Hektar, und dies für die besten Traubensorten, vorlieb zu nehmen gezwungen sind. Jerusalem, Nabulus und Umgebung könnten also den Jahresertrag von mehr als 1500 Hektar an Tafeltrauben allein verbrauchen, wenn man ausser den jetzt cultivierten Sorten noch solche einführen wollte, die sich einerseits durch ihre Frühreife auszeichnen, wie z. B. der C hasselos, dessen Reife schon mit der zweiten Hälfte des Juni beginnt, andererseits solche, die durch ihr starkes Aroma, wie der Muscat in seinen verschiedenen Abarten, der arabischen Bevölkerung ganz besonders munden würden. Wir würden also mit einer Verkaufssaison von ca. vier Monaten (Mitte Juni bis Mitte October) rechnen können. Wir geben allerdings zu, dass die arabische Production bei den momentanen Wirtschaftsverhältnissen den Bedarf dieser zwei wichtigsten Consumtionscentren vollständig deckt, dass folglich