Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Article
- Ein amerikanischer Reformrabbiner über den Zionismus
- Date
- 1901-08-09
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Di$ # ^yert" Nr, 32 gewisse Concessionen zu machen, vorausgesetzt, dass eine genügende pecuniäre Gewähr den Erfolg der Unternehmung sicherstellen würde. Ich glaube, zehn Millionen sind ein bescheidener Betrag, wenn es sich darum handelt, die Juden der ganzen Welt zur Beisteuer aufzufordern für die Schaffung einer Ansiedelung oder Niederlassung, in Palästina, die der türkischen Regierung genehm wäre und die überfüllten jüdischen Wohnbezirke, wenigstens in Eussland und Rumänien, lichten würde. Was immer auch das Ergebnis des politischen Zionismus sei, wie sich auch die Juden im allgemeinen zur Idee des Judenstaates verhalten mögen: darin wenigstens sind alle einig, dass jeder Plan, der auf die Linderung des Elends unserer Brüder im Osten gerichtet ist und sie zur Selbsthilfe und Unabhängigkeit bringen will, der sie unseres Schutzes enthebt und die Ursachen vermindert, die den Antisemitismus hervorrufen, eines Versuches wert ist, möge dieser nun zehn oder hundert Millionen Dollar kosten. Wenn der Plan, der Dr. Herzl veranlasste, zehn Millionen Dollars zu fordern, wohlbegründet ist, so möge er die leitenden Männer Isra-els in der ganzen Welt ins Vertrauen ziehen, indem er eine internationale (!) Conferenz der angesehensten Juden einberufe, um über sein Project zu berathschlagen. Wenn sein Plan die Zustimmung einer solchen repräsentativen Körperschaft rinden wird, die das Vertrauen der gangen Welt besitzt, so wird, glaube ich, alles Geld, das notwendig ist, aufgebracht werden. Ich glaube, dass die „Alliance Israelite Universelle", die „Anglo Jewish Association", der „Hilfsverein der deutschen Juden", die „IVnei B'rith" und andere Bruderorganisationen aufgefordert werden müssen, mitzuwirken an der Verwirklichung eines umfassenden Projectes, das eine Lösung derunleidlichen Juden frage verheisst. Ich kann nicht von Ihnen fordern, sich dieser meiner Ansicht über den Zionismus anzuschliessen, aber ich glaube, es ist unsere Pflicht, jede Phase der Bewegung zu studieren und ebenso bereitwillig alles Gute an ihr anzuerkennen, wie wir verurtheilt haben, was uns als schlecht erschienen ist. Ich will bloss diesen Gegenstand Ihrer Erwägung unterbreiten." Diesen warmherzigen, von wahrhaft nationalem Geiste durchdrungenen Worten eines amerikanischen Reformrabbiners würde jeder Commentar Abbruch, thun. Sie bekunden eine Grösse der Auffassung, einen Adel der Gesinnung und einen Muth des Bekenntnisses, dessen wir uns in den Kreisen des Rev. Silverman am wenigsten versehen hätten. Darum ist uns die Rede ein neues Zeugnis für die unversiegliche Werbekraft unseres Ideals, das alle guten Geister im Judenthum in seinen hohen Bann zieht und mit der Zeit die Herzen aller gewinnen muss, die da guten Willens sind. Und darum ist uns die Rede auch eine Unterweisung. Sie lehrt uns, selbst unter den ungünstigsten Umständen von unserer Werbearbeit nicht abzulassen. Dem Zionismus geht es ja nicht um augenblickliche Erfolge. Denn unser Werk ist nicht bloss das des Säemanns, dem die Körner, die er streut, in der Gestalt von Halmen hundertfältig entgegenreifen. Sondern es ist auch das des Pflanzers, der vielleicht niemals unter dem Schatten des Baumes ruhen wird, dessen Keim er in die Erde senkt, der aber zuversichtlich hofft, dass dieser Baum einst reiche Früchte tragen wird — denen, die nach ihm kommen. Die Weinfrage und die Rebencultur in Palästina. Von A. Aaronsohn und Dr. S. Soskin (Zichron-Jacob). (Mittheilungen des Agronomisch-culturtechnischen Bureaus für Palästina.) Die palästinensische Rebencultur, die zu Beginn so grosse Hoffnungen erweckte, später aber leider mit einer fatalen Leichtfertigkeit behandelt wurde, erlitt ihren ersten empfindlichen Schlag durch das Auftreten der Phylloxera in Zichron-Jacob und sieht jetzt einer Krisis entgegen, da für das einzige bis jetzt von ihr gelieferte Product, für den Wein, kein genügendes Absatzgebiet gefunden werden konnte. Wahrend nun früher die Rebencultur, als der einzige lohnende Zweig der Landwirtschaft Palästinas, von den Colonisten favorisiert wurde, ist man jetzt allgemein infolge der getäuschten Hoffnungen auf den Weinbau sehr schlecht zu sprechen. Allein wie überall, so liegt auch hier die Wahrheit nicht in den Extremen. Schon lange bevor die Pflanzungen ertragsfähig waren, haben einige klar in die Zukunft blickende Geister auf die Wahrscheinlichkeit eines mangelnden Absatzes für den Wein hingewiesen. Leider ohne Erfolg. Da bisher keine sicheren Absatzquellen für den Wein existierten, so genügte eine jährliehe Produktion von 40—50 000 Hektoliter Wein, um die Kellereien von Rischon-Lezion und Zichron-Jacob, sowie die neuerdings in Hamburg geschaffene Transitfiliale innerhalb 3—4 Jahren so gut wie zu überfüllen. Die Verwaltung sieht sich nun gezwungen, die Weine zu lächerlich geringen Preisen loszuschlagen und den Preis für die Trauben unter die Productionskosten hinabzudrücken. Die Krise scheint ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Die Absatzschwierigkeiten für die Weine, ihre Ursachen und die Mittel zur Abhilfe verdienen sicherlich, dass man bei ihnen etwas länger verweile. Wir werden darauf in einem späteren Artikel ausführlich zu sprechen kommen. Aber selbst angenommen, dass es thatsächlich an Mitteln und Wegen fehle, um unsere 40—50 000 hl Wein jährlich abzusetzen (bei dieser sehr gewagten Annahme müsste man vor den Thatsachen die Augen versehliessen, dass die deutsche Einfuhr nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas einzig und allein durch den Hafen von New-York von 462 480 Gallons (1 Gallon — 4 543 Liter) im Jahre 1898 auf 653 840 Gallons im Jahre 1900, die französische Einfuhr nach demselben Lande und durch denselben Hafen von 269 580 Gallons im Jahre 1898 auf 274 780 Gallons im Jahre 1900, die spanische Einfuhr ebenfalls dorthin für dieselben Jahre von 425 320 Gallons auf 596 074 Gallons gestiegen sind, dass die italienische Einfuhr nach demselben Lande im Jahre 1900 die Hohe von 305 067 Gallons erreicht hatte, während sie im Jahre 1898 nur 141830 Gallons ausmachte1); dass ferner die deutsche Einfuhr nach Aegypten im Jahre 1897 den Wert von 32 000 Mark, dagegen im Jahre 1898 den Wert von 51 000 Mark repräsentierte, dass die deutsche Einfuhr nach der Türkei von 36 000 Mark im Jahre 1897 auf 53 000 Mark im «Jahre 1898 gestiegen ist2), dass ausserdem Länder, die von hier verhältnismässig entfernt sind, wie Frankreich und Italien, in der Nachbarschaft Palästinas, in Aegypten, im Jahre 1899 für annähernd 9000 aegyptische Pfunde (ii. 2'6 Francs) Wein verkauft hatten3), ein Betrag, für den vielleicht in unseren Kellereien zur selben Zeit Wein zu Essig wird) — angenommen also, allen oben in Parenthese angeführten Thatsachen zum Trotz, dass die gegenwärtige Krisis unvermeidlich sei, und es absolut kein Mittel gebe, ihr abzuhelfen, so glauben wir doch nicht berechtigt zu sein, an der Rentabilität der Rebencultur in unserem Lande, welches dazu so gut geeignet erscheint, zu zweifeln. Die Weinfrage macht eben nur einen Theil des Problems aus. Man kann recht gut die Rebe culti vieren, und zwar in einem ziemlich ausgedehnten Masse, ohne dabei an eine Produktion von Wein zu denken. Die Herstellung von Rosinen sowie die Züchtung von *) „Expoit-Agent", Februar-Ausgabe 1901, Nr. 124. Die angeführten Zahlen beziehen sich nur auf den Wein, der in Fässern importiert wurde, dagegen bleiben die Flaschenweine unberücksichtigt. Es wäre noch zu bemerken, dass die Einfuhr an Wein dun-h der Hafen von New-York ca. 72% der Gesammteinfuhr der Vere nigten Staaten ausmacht. 2) Angaben des „Catalogue ofTiciel de la section allemande a TExposition Universelle de 1900 ä Paris." 3) „The Egyptian Gazette\ 28. Februar 1901.