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Die Welt · 1901-08-02 · 31 (2.8.1901) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
31 (2.8.1901)
Article
Jüdische Familiengeschichten
Date
1901-08-02
Page
10 (sequence 3)
Language
German
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Seite 10 „Die & Welt" Nr. 31 dieser deutsche Idealismus ist wundersam durchglüht von einem fremdartigen Feuer, das schon längst vorher in der Talmudistenseele des polnischen Kabbi von Fürth sich entzündet hat. Als Gabriel Riesser in einer unwiderstehlichen Bede der Sehnsucht nach der deutschen Einheit Ausdruck gab, da weinten, wie ein Chronist erzählt, die ergrauten Männer in der Paulskirche, unter denen sich die Zierden der deutschen Xation, die Unland, Grimm, Dahlmann, Ems*. Moriz Arndt befanden. Nicht minder ist es der Erinnerung wert, dass Giacomo Meyerbeer., der grosse Componist, sowohl väterlicherwie mütterlicherseits von hochangesehenen Babbinern herstammte, von David Oppenheim, der Landesrabbiner in Nikolsburg und dann in Prag war, und von Josua Fei bei Teomim, der als Ra bbiner in Przemysl starb. Jener Kabbi David Oppenheim, der KS 64 in Worms geboren war und 173(5 in Prag starb, war eine grosse, weithin sichtbare Figur im Judenthum seiner Zeit. Heute noch erinnert der Katalog der berühmten Bibliotheca Bodlejana zu Oxford an ihn, denn er hinterliess eine höchst wertvolle Bücherei von 7000 Bänden und 1000 Handschriften, welche nach seinem Tode durch verschiedene Hände wanderte, von Moses Mendelssohn auf 60.0000 Thaler geschätzt wurde und im Anfang des XIX. Jahrhunderts um 9000 Thaler nach England an die Bodlejana verkauft wurde. Eine talmudische Autorität ersten Ranges und der Begründer der Talmudschule in Nikolsburg, war David Oppenheim zugleich fürstlich reich, denn zwei Fünftel seines Vermögens, die er zu wohlthätigen Zwecken bestimmte, betrugen nicht weniger als 50.000 Keiehsthaler und ebensoviel gab er als Mitgift seiner zweiten Tochter Blümele, welche die ITrgrossmutter Meyerbeers war. Väterlicherseits aber gieng die Herkunft des Conipouisten sogar auf Kabbi Saul Wahl, den sogenannten polnischen Nachtkönig, zurück. Ja wohl, dieser Rabbi Saul Wahl, wegen seiner Frömmigkeit und Rechtschaffenheit hochgeehrt, war eine einzige Nacht hindurch König von Polen. Auf dem Wahlfelde bei Warschau, diesseits und jenseits der Weichsel, standen in Waffen starrend die Parteien zur Königswahl und es war keine Einigung zu erzielen. Da ward, um die Entscheidung hinzuhalten, Rabbi Saul Wahl in Purpur und Krone, mit Scepter und Reichsapfel auf den Thron gesetzt, von dem er bei Anbruch des Tages, als die Parteien sich endlich verständigt hatten, wieder herabstieg. Noch nicht zwanzig Jahre ist es her, da stellte sich mir eine Dame aus Budapest, welche einen von mir geschriebene]! Essay über Rabbi Saul Wahl gelesen hatte, als ein weiblicher Spross des „Nachtkönigs" vor. Diese wenigen Beispiele tlum dar, wie sehr das Vermächtnis David Kaufmanns, den jüdischen Familiengeschichten nachzuforschen, der Beachtung und Pflege wert ist. Wie er selbst in dem „Ahnensaal Heinrich Heines"' den Zusammenhang von der Volkerstrasse in Düsseldorf bis nach Pressburg aufgespürt hat, so sind zweifellos noch manche merkwürdige Continuitäten über das ganze weite Gebiet der jüdischen Diaspora hier zu entdecken, die mehr als alle pragmatische Gesehichtsdarstellung darüber Aufschlug gben können, wie wunderbar von der jüdischen Familie her der Geist des Judenthums sich in den Geist fremder Nationen eingelebt hat. Die alte runzlige Muhme ist lange todt, aber was sie in dem tiefen, dämmerdunklen, ebenerdigen Zimmer uns als Seheherezade war, das sind jetzt die jüdischen Geschichtsforscher, welche von bröckelnden Grabsteinen die Namen und Schicksale alter jüdischer Fani i 1 ien entZiffern. Wiegenlied. (Nach einem Volksmoti vvon ßertholdFeiwel.) Schlaf, mein süsses, kleines Söhnlein, Schlaf, ei—lu—lju, Schlaf, mein Trost, mein feines Krönlein, Schlaf, ei—lu—lju. Sitzt Dein Mütterchen an der Wiege, Singt dem Kind ein Lied und weint, Später, später wirst Du wissen, Was das kleine Liedchen meint. Weit, ach weit ist Kindchens Vater, Schlaf, ei—lu—lju, In Amerika ist Dein Vater, Schlaf, ei—lu—lju. Ei da drüben, weisst Du, Liebling, Ist das Leben wundersüss. Ueber'm Meere, weisst Du, Liebling, Ist es wie im Paradies. Jeden Tag gibt's Weissbrot, Schätzchen, Schlaf, ei—lu—lju, Und fürs Kindchen Zuckerplätzchen, Schlaf, ei—lu—lju. Vater rührt für uns die Hände, Schickt, will's Gott, ein Briefchen her. Zwanzig Dollar! Und wir fahren Gleich, mein Kleinod, übers Meer. Ei, wie wird Dich Vater küssen, Tanzt mit Dir im Kreis voll Freud, Doch Dein Mütterchen, mein Liebling, Weint und weint vor Seligkeit. Bis das Briefchen kommt — fein stille, Schlaf, ei—lu—lju, Schlafen ist die beste Pille, Schlaf, ei—lu—lju . . . Im Schnee. Eine Novelle von titefan Zweig (Wien). Eine kleine deutsche Stadt aus dem Mittelalter, hart an der Grenze von Polen zu, mit der vierschrötigen Behäbigkeit, wie sie die Baulichkeiten des vierzehnten Jahrhunderts in sich tragen. Das farbige, bewegliche Bild, das sonst die Stadt bietet, ist zu einem einzigen Eindrucke her abgestimmt, zu einem blendenden, schimmernden- Weiss, das hoch über den breiten Stadtmauern liegt und auch auf den Spitzen der Thürme lastet, um die schon die Nacht die matten Nebelschleier gezogen hat. Es dunkelt rasch. Das laute, wirre Strassentreiben, die Thätigkeit vieler schaffender Menschen dämpft sich zu einem verrinnenden, wie aus weiter Ferne klingenden Geräusche, das nur der monotone Sang der Abendglocken in rhythmischen Absätzen durchbricht. Der Feierabend tritt seine Herrschaft an übei* die abgemeldeten, schlaf er sehnenden Handwerker, die Lichter werden immer vereinzelter und spärlicher, um dann ganz zu verschwinden. Die Stadt liegt wie ein einziges, mächtiges Wesen im tiefen Schlafe. Jeder Laut ist gestorben, auch die zitternde Stimme des Haidewindes ist in einem linden Schlafliede ausgeklungen; man hört das leise Lispeln der stäubenden Schneeflocken, wenn ihre Wanderung ein Ziel gefunden .... Plötzlich wird ein leiser Schall vernehmbar. Es ist wie ein ferner, eiliger Hufschlag, der näher kommt. Der erstaunte schlaftrunkene Wächter der Thore geht überrascht ans Fenster, um hinauszuhorchen. Und wirklich nähert sich ein Reiter in vollem Galopp, lenkt gerade auf die Pforte zu und eine Minute später fordert eine rauhe, durch die Kälte eingerostete Stimme Einlass. Das Thor wird geöffnet, ein Mann tritt ein, der ein dampfendes Pferd zur Seite führt, das er sogleich dem Pförtner übergibt; und seine Bedenken beschwichtigt er rasch durch wenige Worte und eine grössere Geldsumme, dann eilt er

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