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Die Welt · 1901-08-02 · 31 (2.8.1901) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
31 (2.8.1901)
Article
Jüdische Familiengeschichten
Date
1901-08-02
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 Die 2§l Weit66 Seite 9 Ahnen nach den Titeln ihrer Schriften auswendig, von denen wir Nachgekommenen im Wechsel von kaum zwei Generationen überhaupt keim; Ahnimg mehr haben. Ja noch mehr, sie hatte fast geographische Kenntnisse, denn die Namen von hundert Städten giengen ihr ganz geläufig'vom Munde, aus denen an unsere gelehrten Ahnen Antragen über strittige RitualVorschriften gekommen waren, um von ihnen in scharfsinnigen Responsen beantwortet zu werden. Aus Salonichi nach Wiener-Neustadt, aus Brisk nach Metz, aus nordafrikanischen Gemeinden nach Prag oder Worms. 0, diese wundersame Freizügigkeit der jüdischen Gelehrsamkeit gab dem Ahnenstolz des Ghettos einen ganz aparten Glanz. Nicht der lange und ununterbrochene Besitz der Scholle war das Merkmal des Ghetto-Adels, sondern im Gegentheil die Ausbreitung des Gelehrten ruhmos, dessen Träger ihre Sitze wechselten, lehrend bald im Osten und bald im Westen, bald im Süden und bald im Norden. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert ist es fast wie; ein Weg mit bestimmten Etappen, dass Rabbiner aus Polen nach Metz berufen werden und,dass Wien und Fürth ihre Lehrhäupter tauschen. Ich bin an die Erzählungen unserer alten Muhme — Gott hab..sie selig! — durch ein gutes Buch gemahnt worden, durch ein Buch der Pietät gegen einen, der gestorben, aber nicht vergessen ist. Es ist das .„Gedenkbuch zur Erinnerung an David Kaufmann". Leider habe ich David Kaufmann nicht von Person gekannt, und von allem, was er geschrieben hat, nur einen Theil. Aber die ihm dieses Gedenkbuch gewidmet haben, sind voll des herrlichen Eindruckes seiner Persönlichkeit. Und er muss wohl einer von den Hinreissenden gewesen sein, die nicht bloss sind, sondern auch wirken, und nicht blosswissen, sondern auch scharfen. In diesem Gedenkbucho wird unter anderem auch gepriesen, dass David Kaufmann unermüdlich die Erforschung und Darstellung jüdischer Familiengeschichten betrieben und angeregt hat, dass er mit seinem „Ahnensaal Heinrich Heines" und den ,,Memoiren der Glückel von Hameln4' beispielgebend vorangegangen ist. Das ist, linde ich, einer der liebenswürdigsten Züge im Oharakterbilde des früh dahingerafften Mannes, der durch mehr als zwanzig Jahre von Budapest aus die ganze jüdische Gelehrten weit mit seinen Anregungen bereichert hat. »Ja, diese jüdischen Familiengeschichten! Sie sind schier das Schönste, dessen das jüdische Geschichtsleben der letzt verflossenen Jahrhunderte sieh berühmen könnte, und liegen doch verschüttet, wie ein ungehobener Sehatz, dessen Wert die Gleichgültigen oder Pietätlosen von heute nicht begreifen. Arme, alte Muhme, was ist aus der Welt geworden! Wenn du mit frommem. Augenaufschlage den Namen eines Rabbi nanntest, und dann noch einen und wieder einen, die allesaimnt unsere Ahnen, deine und meine gewesen, waren, wie wenig war dir bewusst, dass es ein Stück jüdischer Adelsgoschichte war, die du erzähltest, und dass die jüdische Geschichte der zweitausend Jahre seit der ersten Zerstörung des Tempels'überhaupt nur Gelehrtengeschichte ist! Die Juden haben keine Lehens- und keine beamtenaristokratie. keinen alten Ritterstand und Grundbesitz. Ihr Aristokrat ist der Lehrer. Ja, so wenig ist die Scshhaftigkeit das Merkmal dieses jüdischen Gelehrtenadels. dass beispielsweise in der Gemeinde von Posen die Vorschrift bestand, es dürfe kein in dieser Gemeinde Geborener zu ihrem Rabbiner gewühlt werden. Ich finde diese Vorschrift wunderbar charakteristisch für die tiefe Ehrfurcht vor der Wissenschaft, welche das Judenthum beseelte. Der Abstand des Rabbi sollte auch ausser!ich zur Erscheinung kommen, er sollte dadurch nicht verkleinert werden, dass jeder erstbeste in der Gemeinde etwa zu unstatthafter Vertraulichkeit verleitet werden konnte, weil er mit dem Rabbi zusammen aufgewachsen war. Allerdings ist durch solche und ähnliche Vorschriften die Continuität der Familienzusammenhänge oft genug der genaueren Kenntnis entrückt worden, aber darum ist es doch nicht weniger wahr, dass ein gutes Stück der jüdischen Geschichte des sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten, vielleicht auch, des fünfzehnten Jahrhunderts merkwürdig erhellt werden könnte, wenn mit Eifer die Ausforschung und Darstellung jüdischer Familiengeschichten in Angriff genommen würde. Die Familie ist die Burg des Judenthums. Das klingt fast wie ein Gemeinplatz und gehört doch zu den anheimelndsten und zu den unanfechtbarsten geschichtlichen T^rfahrungen. Schöner ist es niemals in Worten gesagt worden, als von dem weit kund igen de Silva in Karl Gutzkows „Priel Aeosta". Wie wäre es auch anders möglich gewesen, als dass das innere Loben, des Judenthums in der Familie sich verdichtete? Von der Stadt und vom Staate waren die Juden ausgeschlossen, zum Heere, zur Jagd, zum Mar,kt war ihnen der Zulass verwehrt': so eoncent rierto sich alles Leid und alle Freude, alle Sorge und alle Hoffnung auf die Familie im Halbdunkel des Ghettos. Die jüdische Familie ist die Herzkammer der jüdischen Geschichte. Aber freilich, die Einzelforschung ist erst seh]* spät, erst seit wenigen Jahren zu dieser Erkenntnis gekommen und unterdessen war das Material der Forschung zusammengeschrumpft und verkümmert. Es war für die jüdischen Familien ja auch kein äusserer Anlass vorhanden, ihre Stammbäume evident zu halten; es standen keine Titel und Orden zu erwerben, wie etwa für die Ritter des Goldenen Vliossos, die sich mit achtzehn Almen ausweisen müssen. Nur von den Inschriften verwitterter Grabsteine oder ans verschollenen Minhagbüchern sind noch vereinzelte Fainiiienzusaiunienhänge oder Familienschicksale mühsam abzulesen. Auf ein Jahrhundert reicht ja wohl mitunter mündliche oder literarische Hoberlieforung zurück und nicht jede Familie kann, sich rühmen, dass so viel Genie und Glanz sie umleuehtete, wie die ,,Familie Mendelssohn", der auch in der Thai zuerst von einem ihrer Angehörigen eine ausgezeichnete Monographie gewidmet wurde. Doch selbst die Tradition dieser begnadeten Familie beginnt erst bei Moses, dem Philosophen, und von dessen Vater weiss man viel weniger als von seinem Lehrer, dem Rabbi David Frankel in Dessau, der ein berühmter Talmudist war. Die Voraussetzung des Ahnenstolzes ist lebendiger Geschichtssinn und wie hätte dieser in dem Infi- und lichtlosen Pferch des Ghettos, in der dumpfen Klause des Talmudlehreis rege werden sollen, von wo aus kaum die Sonne zu sehen, geschweige ein "Rückblick auf die Vergangenheit und ein Ausblick auf die Zukunft möglich war. Das historische Familionbowmsstsein, das ein 'Bewusstsein des zeitlichen Zusammenhanges ist, konnte erst aufleben, als die Gheltomauer niederbrach, als die Dialectik von unbehinderter Weltbetrachtung abgelöst war: aber inzwischen hatte das Emnneipations- und Assimilierungsverlangen die alten Grundlagen des jüdischen Lebens erschüttert und versehohen. Die alte Muhme mit ihren Erzählungen und Erinnerungen war ei n An ach roni smu s geworden. Und. doch war die Continuität nicht völlig auszulöschen, ja es liegt eine Art geschichtlicher Destination darin, dass eine der hervorragendsten und anziehendsten Gestalten de? Zeitalters der jüdischen Emancipation in ganz directer Herkunft von vornehmem Rahbinerblute stammte, ja dass sogar diese Gestalt eines führenden deutsehen "Mannes, gleichsam um in sieh alle Contraste der jüdischen Geschichte widerzuspiegeln, einen berühmten polnischen Rabbiner zum Ahnen hatte. Rabbi Eleasar ben Mordeobai TToilprin, der aus Polen nach Fürth berufen wurde und dort im Jahre 1700 starb, war der Hr-Hrgrossvatcr Gabriel Riossors. des VieepräsidenteiL der ersten deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Aller Idealismus des tollen Jahres" quillt stürmisch aus der Seele dieses .gebräunten, schwarz lockigen Hamburger Rechtsanwaltes hervor, der zu den hinreissendsten Rednern der Paulskirche zählt, und

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