Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Article
- Die rumänische Judennoth und die "Jüdischen Mutualisten"
- Date
- 1901-08-02
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite % „Die # Welt" Mir. 31 Vorsehusscassen, von Volksküchen, Spar- und Consumvereinen, scheint uns dieses — man möchte sagen aus der Einfalt einiger Handwerker heraus geborene Project das glücklichste und verheissungs vollste zu sein, denn es soll allen wirtschaftlich bedrängten Ständen des rumänischen Judenthums zugute kommen, dem Handwerk und Kleingewerbe sowohl, wie dem Kleinhandel. Und es soll ihnen nützen und ihre wirtschaftliche Position stärken, nicht durch Beeinträchtigung fremder Interessen, auch nicht durch fremde Beihilfe, sondern einzig und allein durch die wechselseitige Ausnutzung der eigenen Kräfte. Und indem es auf eine Cumulierung der Interessen von Consumenten, Producenten und Zwischenhändlern hinarbeitet, stärkt es das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den verschiedenen Ständen, kräftigt so indirect das Nationalbewußtsein und nützt dadurch der zionistischen Propaganda nicht minder wie durch den direeten Absatz der Shares und Schekel, den es in Aussicht nimmt. Es liegt auf der Hand, dass man das System der „Jüdischen Mutualisten" auch in anderen Ländern mit Erfolg zur Einführung bringen kann. Es gibt heute nur wenige Länder, in denen die Juden nicht unter der wirtschaftlichen Absperrung zu leiden hätten, viele Länder, wo der antisemitische oder asemitische Boycott geradezu den Kern staatlicher oder gesellschaftlicher Wirtschaftspolitik bildet. Jüdische Schutzvereine, die auf der Grundlage der Gegenseitigkeit aufgebaut sind und dabei durch ihren zionistischen Charakter sich principiell von den „Ab wehr vereinen" und allen Institutionen früherer Zeiten unterscheiden, die nur Augenbl i eksbedürf nissen dienten, werden überall grossen Nutzen stiften. Natürlich werden die Formen dieser wirtschaftlichen Organisationen sich den Landesverhältnissen anpassen müssen. Diese Formen zu finden, wird die Aufgabe der zionistischen Landes-Comites sein. Sie bilden die natürliche Centrale für diese Unternehmungen, in ihren Händen wird auch die Controle darüber liegen. Wenn in verschiedenen Ländern die Vereine der Mutnalisten gedeihen werden, wird man sich gerne der armen Handwerker von Bukarest erinnern, die das erste Beispiel von Energie und wirtschaftlichem Scharfsinn gegeben haben. Ihrem jungen Vereine geben wir die besten Wünsche' mit auf den Weg. Agitation im Sommer. Die zionistische Partei ist in einer Beziehung besser gestellt als fast alle anderen politischen Gruppen. Ueberau sonst ist eine Gefolgschaft vorhanden, deren geistiges Niveau nur für ihre eigene Bethätigung in der Partei genügt, fähige Agitatoren aber sind eine seltene und gesuchte Ware. Wir dagegen können bei unserem letzten Manne mit einem glänzenden Schatze rechnen, mit der jüdischen Erziehung, die selbst in den verwahrlosesten Ländern des Westens unsere Leute wenigstens gestreift hat. Damit ist gesagt, dass in das Wesen jedes der Betroffenen bewusst oder unbewusst Dialektik, Psychologie und weitgreifende Weltanschauung Eingang gefunden haben, Eigenschaften, die als speciflsch jüdisch anerkannt werden und im Vereine mit der natürlichen Intelligenz jeden Juden zum Agitator par excellence machen. Im Besitze eines solchen Materials können unsere Erfolge stark vervielfacht werden, wenn wrir, und hier sind die westlichen Juden gemeint, in der Politik einen dicken Strich durch unsere ganze Vergangenheit ziehen und uns von den Einflüssen emaneipieren, die wir durch immerwährende Anschauung der schlipprigen und faul-opportunistischen politischen Bethätigung unserer nächsten Nachbarn in uns aufgenommen haben. Wie man seinem Volke sich hingibt, was es alles von seinem Sohne verlangen darf, das können wir bewundernd im Osten Europas lernen. Wir brauchen als Hebel für unsere Ziele den zähen Fanatismus der russischen Juden und ihre ernste Rastlosigkeit, weil wir ja in einer ganzen Welt ein Ende machen wollen, der verhassten Bettelei der Juden um Brot und Ehre. Darum dürfen wir nicht rasten. Darum dürfen wir auch nicht — wie es jetzt geschehen könnte — sommerliche Erschlaffung uns überkommen lassen. Nicht die Gruppen und nicht die Leute. Die Vereine mögen immerhin der hei teren Sommeratmosphäre Rechnung tragen, aber sie dürfen sich keine Möglichkeit entgehen lassen, um auf Ausflügen, Gartenfesten, Touristenfahrten Juden in Menge zusammen zu bringen, um zwischen all der erwünschten Heiterkeit ewig den Mahnruf im Publicum erklingen zu lassen, dass strenge Pflichten gegeneinander die Juden verbinden. Rütteln und rütteln muss die Parole sein, bis der Schekel obligat für alle Juden wird. Viele der Vereine haben ihr gewohntes Gefüge durch die örtlichen Verschiebungen der Mitglieder verloren, wie sie ja die Jahreszeit mit sich bringt. Dadurch wird ihre Arbeit stark gehemmt. Das müssen die einzelnen Zionisten bedenken und durch angespannte Thätigkeit die Deficite an grösseren Unternehmungen wettmachen. Die nationale Kleinarbeit, die eindringliche Ueberredung und Ueberzeugung von Mann zu Mann ist zu grösstem Werte gelangt in einer Zeit, in der das Misstrauen und die Theilnahmslosigkeit gegenüber Anregungen des öffentlichen Lebens enorm geworden ist. Wie die Sache anzupacken ist, und welche Gelegenheiten dem guten Willen offen stehen, darüber hat man uns viele Anregungen geschickt und wir nehmen aus ihrer Anzahl und der Gründlichkeit der Detailausführung die erfreuliche Gewissheit heraus, dass die Zionisten parat und entschlossen sind, die Erfüllung der Nothwendigkeiten, die von der Leitung und der eigenen Ueberzeugung gefordert werden, mit Einsetzung aller persönlichen Fähigkeiten durchzusetzen. Die Art, wie unsere Ziele von berufener Seite der Realisierung zugeführt werden, hat uns das am leichtesten zu cultivierende Arbeitsfeld zugewiesen: die materielle Consolidierung des Bestehenden und Zukünftigen. Trotz der enormen Verhetzung, die jahrelang auf die Juden eingewirkt hat, gibt es doch manche, die bedenken, dass sie durch materielle Saumseligkeit eine unvergleichlich gross dastehende Bewegung verzögern könnten. Einen Ausdruck dieser Denkungsart gab ein enragierter Gegner erst im vergangenen Winter, als er, kein Flunkerer, in einer grossen Versammlung von „lumpigen Millionen" sprach, die man den Zionisten nicht verweigern dürfe, weil sonst niemand die Verantwortlichkeit übernehmen könne. Das sind Ermunterungen für uns, die in uns wirken werden, wenn wir mit der ruhigen Würde, die das glänzende Recht verleiht, und mit der Energie, die unsere hohen Pflichten verlangen, unsere Stammesgenossen ernst an die Forderungen unseres Volkes erinnern werden. Niemand wird sich von einem eventuellen geringen persönlichen Erfolge missstimmen lassen, wäre es doch wirklich zu sehr Gemeinplatz, ihm vorzustellen, wie gross die Summe vieler Kleinigkeiten ausfällt. Möge daher jeder sich ein System zurechtlegen, mit dem er gegen die Vorurtheile seiner Umgebung zu Felde ziehen will. Wir Zionisten dürfen nicht um einen einzigen Grad abrüsten. Gewiss wird jeder von uns nach der Jahresarbeit der Erholung bedürfen. Für die Arbeit muss das erhebende Bewusstsein entschädigen, dass man eine Sprosse gelegt hat, auf der das jüdische Volk emporsteigen wird. Ben Avigdor Achad Haam und sein zionistisches Bekenntnis.*) (Schluss.) Es versteht sich von selbst — und das soll durchaus keine Kritik der Achad-Haam'sehen Theorie sein — dass *) Vergl. Nr. 30 der „Welt",