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Die Welt · 1901-07-19 · 29 (19.7.1901) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
29 (19.7.1901)
Article
Der kleine Klesmer
Date
1901-07-19
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 „Die $ Welt" Seite 15 billige Violine kaufen zu können. Auch mit seinem Weibe hatte er schon darüber gesprochen. Im Dorfe wohnte ein reicher Mann, der war dem armen Klesmer von jeher feind gewesen und liess ihm, wo es nur angieng, fühlen, dass der Reichste auch der Bevorzugteste sei. Weiss Gott, woher des Mannes Widerwillen kam; der Klesmer war sich wirklich keiner Schuld bewusst. Dieser Mann machte nun in nächster Zeit seiner Tochter Hochzeit. Ein reicher junger Manu sollte sie heiniführen. „Es wird eine Hochzeit gehen, wie selten eine im Dorfe." Man redete1 aligemein von den feinen Gästen, die aus weiter Fremde kommen würden. Der Klesmer strich über die Geige, übte die Hochzeitslieder. Es handelte sich um seine Ehre, um seinen Ruhm. Diesmal nmss es etwas ganz besonders Gelungenes werden, etwas Grosses, damit die Fremden vor Staunen Mund und Augen aufreissen, damit sie seilen, was er eigentlich könne. Er wartete darauf, dass der reiche Mann zu ihm mit der Bitte kommen werde, er möge bei seiner Tochter Hochzeit spielen. Er wartete, aber die Aufforderung kam nicht. Schon war der Tag der Hochzeit bestimmt, die Frau des Klesmer begann ihrem Mann schon gütlich zuzureden. Erwartete noch immer. Es handelte sich ja um seine Ehre. Dann wurden die Einladungen ausgeschickt, auch er bekam eine; aber die Aufforderung war nicht dabei. Das kränkte den Klesmer sehr, obwohl er darüber mit niemandem sprach; das war eine bittere Enttäuschung. Der Tag der Hochzeit. Es kamen viele, viele fremde Gäste, mit ihnen auch der Klesmer, von dem es hiess, dass er sich äusserst gut auf sein Geschäft verstände. Das ganze Dorf war in Aufregung. Jeder wusste etwas zu erzählen, imd jeder etwas ganz besonders Interessantes. Der Rabbiner hatte wunderbar gesprochen vom ehelichen Glück und von der Liebe zu Gott. Der reiche Mann war zufrieden und stolz. Kun sollte die Tafel beginnen, der man schon seit vier Wochen grosse Sorgfalt hatte an gedeihen lassen. Das junge Volk aber umstand den fremden Klesmer, der mit seiner Fiedel in der Hand, lachend scherzte. Dann setzte er an und spielte ein Lied. Die Paare drehten sich in hellem Tanz. Das ist der Tanz kraftbewusster Jugend, das ist der Tanz glühender Jugendfülle. Alle versicherten, so etwas noch nie gehört zu haben. Draussen aber stand der kleine Klesmer und lauschte den Tönen, die durch das offene Fenster auf die Gasse drangen. Er dachte an seinem Vrater zuhause, an den reichen Mann, der seinen Vater tief in die Seele gekränkt, an den Fremden, der vielleicht nichts ahnend oder sich um nichts kümmernd selbst bewusst das viele Lob einsteckte, das ihm hier aus freudigen Herzen ziitheil" wurde. Er horchte, er horchte .... dann kam ihm ein Gedanke. Er blitzte hell durch sein Trübsal; der Gedanke packte ihn und liess ihn nicht los, er bemächtigte sich aller seiner Sinne. Dann eilte er, lief er nachhause. Er trat in die Stube. Drinnen sass der Vater am Tische, den Kopf schwer auf die Hand gestützt, und Mutter am Fenster strickte Strümpfe und redete von. den verschiedensten Dingen des Haushaltes. -Der Kleine schlich zum Kasten, stahl die Geige im geeigneten Moment und stürzte unbemerkt wieder hinaus. Er war so froh. Jetzt war er seiner Sache sieher, gam sicher. Er dachte nicht anders, als dass Gott mit ihm sei, und. dass er über seines Vaters und seine Feinde siegen werde, siegen müsse. Ja, Feinde waren es, die ihnen übel wollten, die ihnen schweres Leid angethan. Jetzt aber kommt die Vergeltung. Gott wird siegen. Siegen . . . die Seele war ihm so leicht, so weit, so rein. Er lief dahin. Noch immer tanzten die Paare, noch immer spielte der Fremde die Lieder, toller und immer toller. Jetzt stand der Kleine bleich und sich \erschnaufeni in der Thüre, den schwarzen Kasten in der Hand. Nun trat er ein..'Man" bemerkte ihn nicht, jeder hatte vollauf mit sich selber zu thun. Er trat unter die Tanzenden, stellte den Kasten auf die Erde, klappte ihn auf und entnahm daraus die Geige. Man wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Es brach sich der Tanz; man gruppierte sich um ihn. Jetzt wurde 'man seiner auch an der Tafel gewahr. „Spiele, spiele," sagten einige Bursche. „Ein lustiges Lied." „Ein schönes Lied." Es wurde stille im Saal; man war überrascht und gespannt. Der bleiche Junge aber hörte die vereinzelten Zurufe nicht, seine Seele war weit. Die Augen flammten, die Wangen glühten, die schwarzen Haare In"engen ihm wirr ins Gesicht. Da — ein Ton--jetzt noch einer und noch einer — Wie sie zitternd dahinschwebten, bebten, lebten und starben. Das war das Bluten einer verwundeten Seele. Es schluchzten die Saiten vor tiefem Schmerz. Träume spannen sich in der Luft; verschlafene Märchen begannen sieh zu regen, zu blühen, ihre stolze Pracht zu entfalten. Und über ihnen das wehe Roth einer Sonne, die verlöschen will. Es war still im Saal, eigenthümlich still. Dann war der letzte Ton verklungen, sterbend, nachzitternd, leise und weh, ein gebrochener Seufzer. Er senkte die Geige und sah sich um. Man klatschte in die Hände, Juan jubelte. „Noch eins, noch eins!k£ Er aber dachte an seinen Vater, an seine Mutter. Er hatte erwartet, dass etwas kommen müsse, etwas, auf das er gehofft und dem er keinen Namen geben konnte, geben durfte, dass sich etwas ereignen müsse, ereignen in des Wortes wahrster Bedeutung. Nichts von alledem. Das war dasselbe wie sonst, wenn Vater die; Geige führte. Wissen sie denn nicht ....? Ahnen sie denn nicht . . .? Und er hat ihnen doch gegeben, was er besass. .Vlies, alles, seine Träume, seine Hoffnung, sich selbst ohne Vorbehalt . . a . Er legte die Geige in den Kasten. Man wollte ihn nicht fortlassen, hielt ihn zurück. Die Mutter der Braut kam mit Wein und Bäckereien. Kaub riss er sich los und stürzte hinaus. Die frische Luft that ihm so wohl. Langsam rannen ihm Thränen, die er nicht wegwischte. Briefkasten. Gesinnunflsgenossen! Agitiert ausAnlass des kommenden Sukkoth-Festes beizeiten für Pal ästiti a-Et hrogim. nnai -in« ^ra h cnvxn irm* ♦bantf*1 piK ^-nri« "ma una ibirvrn H. St., Märamaros-Sziget. Nicht uninteressant, aber zu viel Reflexionen, zu wenig Thatsachen. Versuchen Sie es mit einer neuen Einsendung. Zionsgruss. B. S , Lubicz, Gouv. Plotzk. Bios von localem Interesse daher unverwendbar.; M. L, Vajdäeska. Die Blocks sammt den Schekelgeldern wollen Sie gefälligst an das Secratariat des Congress- Bureaus senden, wenn Sie die Blocks von dort erhalten haben. Bezüglich ihrer übrigen Fragen sind wir leider nicht in der Lage, Ihnen Auskunft ertheilen zu können. Ch. K., Nadvörna. Wegen eines Redners wollen Sie sich gefälligst an den Präsideuten des Districtscomites für Galizien, Herrn Dr. Adolf Korkis in Lemberg wenden. „Zion", Podhajce. Ist uns nicht bekannt. M. Gr., Tapolcsäny. 1) Ein solches Sprachbuch gibt es leider noch nicht. Gute wissenschaftliche Grammatiken sind d<e von Gesenius-Krautzsch und von Strack. 2) Bibliothek der Gesammtliteratur des In- und Auslandes : Des FJavius Josephus „Jüdische Alterthümer" und „Geschichte des jüdischen Krieges". Durch jede Buchhandlung zu beziehen. D. K., Stanislau. Leider unverwendbar. Correspondenz der Administration. Maler Okinjn Paris, wird um Mittheilung seiner Adresse angegangen:

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