Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Article
- Der kleine Klesmer
- Date
- 1901-07-19
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „tiie # Welt" Nr. 29 Der kleine Klesmer. Von Ignaz K olin. Bei Hochzeiten spielte sein Vater die Geige. Jauchzend flog der Bogen über die zitternden Saiten. Ihm war es, als tanzte einer im Sonnenschein. Merkwürdig, dass er sich immer, wenn Vater seine AYeisen spielte, eine ganze Geschichte dazu denken musste. Die Töne, die durch seine Seele schwebten, weckten Träume, nahmen Formen an, wurden Leben. Er sah Gestalten vor sieh, er sah in ihre Gesichter, und sie erzählten ihm, was in ihrem Herzen geschah. Er aber verstand sie ----0. er verstand sie so gut! Wenn sie weinten, er hätte gerne mitgeweint; wenn sie lachten---Nein, nein. Wenn Vater spielte, lachten sie nicht, und lachten sie ja einmal, bei einer Hochzeit, an einem besonderen Freudentage, dann war das wie ein Erinnern an Verrauschtes, Verlorenes für alle Zeiten, ein Erinnern an etwas, das gewesen, ein leuchtendes Sein, ans dem zugleich Muth und Trauer fliesst den ärmsten Seelen. Zehn Jahre war er alt. Seine grossen schwarzen Augen blickten immer so erstaunt in die Welt, als ob sich ihnen ein Wunder böte. Die dunklen Haare hoben nur noch die Blässe des Gesichts. In der Schule sass er auf der letzten Bank mit Nachharn, die ihm unangenehm wurden, weil sie stets schwatzten und allerhand lose Streiche ausheckten. Da er nicht mitthat, traf ihn ihr Spott. Der gute alte Lehrer, der den kleinen Jimgen vom ganzen Herzen liebte, denn er war folgsam und ordentlich, konnte es nicht verstehen, „warum dem so jeder Ehrgeiz fehle". Er wurde ins Gebet genommen, wobei es Thränen vor Eiihrung gab, aber — umsonst. „Aus dem wird nun schon, nichts imd er ist doch so ein guter Junge." IJeberaU wurde er „der kleine Klesmer'4 genannt. Manche legten eine gewisse Geringsehätzung in diese Worte, andere sprachen sie voll Mitleid. Er war still und. gedrückt, gieng den anderen Kindern aus dem Wege und fand nicht Freude am fröhlichen Treiben seiner Kameraden. Zuhause lag er im Hofe, blickte, den Kopf auf die Hände gestützt, in die phatastisehen Wolken, die über ihn hin wegzogen, licht und leuchtend, und träumte. In jedem seiner Träume aber sah er sich mit der Fiedel in der Hand, und er spielte; die Leute aber, viele, viele Leute, alte und junge, horchten auf seine Weisen. Und stille war es — eine Stille nicht des Todes, sondern des verhaltenen Lebens vor dem Erwachen, und in dieser Stille brausten seine Töne über die Erde, mächtig und glühend, zündend und erweckend, stärkend und befreiend. Es war so schön, so schön! Er lebte seinen Daseinstraum. Sein Vater war Hausierer. Bei seiner Familie verbrachte er nur die Feiertage, und die nicht alle. War Vater in der Fremde, dann lag die Geige im bestaubten alten Kasten im Schrein. Der kleine Klesmer hätte für sein Leben gern spielen mögen, aber Mutter gestattete es nicht. Die Geige war etwas Kostbares, ein Familienstück, das sieh von Vater auf Sohn vererbte. Man musste darauf ganz besonders gut achtgeben, und Kindern durfte sie nur ja nicht überlassen werden. Eines Abends kam ein Brief von Vater. Er schrieb, dass die Geschäfte gut giengen und wie er sieh darauf, freue, bald bei den Seinen einzutreffen, um längere Zeit bei ihnen zu verbringen. Mutter war voller Freude, las den ganzen Brief vom Anfang bis zum Ende dem Kleinen vor und konnte sich an den schlecht und fehlerhaft geschriebenen Zeilen nicht satt genug lesen. Es war gar lange her, dass sie ein Lied gesungen, jetzt kam es von selbst, schwebte ihr auf den Lippen. Ein Lied war's, das sie als blutjunges Mädchen gelernt hatte; es schien um vieles älter als sie selbst. Vom König David und von Jerusalem war drin die Bede \mclv^fi. Messias1,'dem Erlöser. Der Kleine sass in der dunklen Küche in einer Ecke. Er sann und. sann und mitten in sein Sinnen schlägt das Lied seiner Mutter ihm ans Ohr, greift ihm an die Seele und verwebt sich in seine Träume. Die Wangen färben sich ihm, er trocknet aufsteigende Thränen. Das Herz ist ihm so voll, so übervoll. Er schleicht zu ihr hin, die seiner in der Arbeit schon wieder ganz vergessen hatte, näher, immer leise wie ein Dieb. Zitternd fragt er: „Mutter, wenn Messias kommt, werden wir alle nach Jerusalem ziehen?" Die Mutter blickt zu ihm auf, in den Augen steht ihr ein Lächeln. Und sie erzählt ihm, was sie darüber weiss, was sie darüber gehört und gelesen, was man ihr selbst als Kind einst erzählt hatte. Der Knabe aber lauscht. „Mutter/' fragt er plötzlich, „kann man das spielen?" „Was? Wie meinst Du das?" „Dass — dass Gott uns liebt und Messias kommt und wir nach Jerusalem wandern in unsere Heimat und der Tempel Davids------—'* „Du dummer Bub, Du!" Sie fährt ihm zärtlich über Ilaare und Wangen. Was für seltsame Ideen doch so ein Kind hat! „Lass mich spielen —----ach, bitte, lass mich spielen!" Sie wird stutzig. Es packt sie die Neugier, was wohl daraus werden wird, AVenn sie ihm die Geige brächte —> ---lTnd sie geht in die Stube, sperrt den Schrein auf und bringt ihm die Geige. Sein Athem gieng heiss und schnell, die Hände zittern, und wie im Schauer durchrieseltes seinen Körper. Bevor er die Geige fasst, spreizt er, wie im Krampf, die Finger, dann nimmt er sie, legt sie unter das Kinn, neigt den Kopf zui Seite, gerade so, wie er es vom Vater gesehen und wie er es in Vaters Beisein manchmal gemacht. Der Bogen fährt leise über die Saiten und heisse Thränen rinnen dem Knaben über die bleichen Wangen. Anfangs wollte Mutter lachen, dann aber wurde sie still; und als sie sah, dass er dabei weinte, füllten sich auch ihr die Augen. Und mitten in Thränen mass sie „den Knirps" voll Bewunderung, Stolz und Liebe. Was er da spielte, das waren Töne, verworren und. wild und nicht geklärt. Aber manchmal klang es durch wie der Seh merzen ssehrei einer aus vielen Wunden blutenden Seele, eine schöne, fertige Melodie. Da, nun ein Bogenstrich — eine schrille Dissonanz zerriss das ganze wieder. Xur einzelne Töne waren rein und schön. Er hatte sein Spiel beendet. Mit gesenktem Blick gab er die Geige zurück, als müsste er sich darüber schämen, dass er gespielt. Mutter trug sie in die Stube, sie dachte: „Den Klesmern liegt es im Blut. Er ist ein Klesmer.'* Y<m nun ab durfte er spielen, so oft er wollte. Er war darüber froh und kratzte den lieben langen Tag an der Geige, spielte Lieder, die man auf der Gasse sang. Mädchen kamen zu ihm und Hessen sich aufspielen. Bald liebte er wieder seine Träume mehr als das Saitenspiel und war nin mit vieler Mühe dazu zu bewegen, die Geige in die Hand zu nehmen. A/Tater war zuhause. Als ihm Mutter das Neueste von seinem Sprossen erzählte, nahm er es wohl freudig, aber doch bis zu einem gewissen Grade als selbstverständlich auf. Er hatte es ja gewussi, dass es mit der Zeit so kommen werde. Der . Kleine gerieth ganz ihm nach. Er hat ja auch nichts lernen wollen; und wozu, auch? Das sollten nur reicher Leute Kinder, die von vorneherein eine gesicherte Zukunft haben. Er wird ein rechter Klesmer und ein schlichter Hausierer werden und einst AVeib und Kind redlich ernähren. Vater lehrte ihn allerhand Lieder, die er bei. den Hochzeiten spielte,' und''f'and^da'ss/^er Kleine „ganz anstellig" sei. Er dächte schon1 daran^ Geld beiseite zu legen, um eine