Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Article
- Unsere Verpflichtung zur Hygiene
- Date
- 1901-07-19
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 „Die # Welt" Seite 5 sie sich zu einer ausgiebigen und wirksamen Unterstützung aller gegen die Ausbreitung der Tuberculose'gerichteten Bestrebungen entschliessen. Die Obsorge für die grosse Menge der übrigen körperlich oder geistig Erkrankten unter unseren Stammesbrüdern sei vorläufig den Ländern überlassen, in denen die Kranken leben; doch wäre es gewiss wünschenswert/ die jüdischen Kranken in gesondereten Spitälern zu isolieren,, wenn man bedenkt, dass die Juden das bestgehasste Volk sind, und dass viele unter den in den allgemeinen Spitälern aufgenommenen Juden, bei den mannigfachen Demüthigungen, denen sie dort ausgesetzt sind, bittere Seelenqualen durchzumachen haben. Insbesondere gilt dies für die orthodoxen Juden. Mag die Lösung dieser hochwichtigen Frage immerhin einer späteren Zeit überlassen werden. Die Aufgaben der Efygiene vom Standpunkte der Humanität und Socialethik ergänzend und jedesfalls unaufschieblich ist dagegen die Fürsorge für alle jene, die wegen Unheilbarkeit ihrer Krankheit oder wegen Altersschwäche gewöhnlich einer Versorgungsanstalt überliefert werden. Ein Versorgungshaus soll wohl ein Haus bedeuten, wo man der Sorgen los ist; aber des Kummers und der Kränkungen doch wohl auch? Können die bestehenden Institute, in denen eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von Arbeitsunfähigen und Arbeitsscheuen, von unheilbar Erkrankten und declassierten Trinkern sich zusammenfindet, solchen Ansprüchen entsprechen? Keineswegs. Vollends für die Juden bedeutet die Zuweisung an eine Versorgungsanstalt soviel wie eine Verurtheilung. Eine jüdische Versorgungsanstalt müsste, mit reichen Mitteln ausgestattet, alles bieten, was zur Bequemlichkeit und Pflege alter und kranker Leute dienen kann; sie müsste über ein geschultes Aerzte- und Wartepersonal verfügen, Gärten und Wandelhallen, Lese- und Spielräume besitzen, kurz alle Imponderabilien, welche die Stimmung unglücklicher Menschen zu heben vermögen. Würde sie auf palästinensischem Boden erbaut, dann könnte sie vollends allen Wünschen entsprechen, die ein armer, alter, siecher Jude haben kann. Genaue statistische Erhebungen würden ergeben, in welchem Umfange Versorgungsinstitute zu errichten wären. Alles Angeführte ist nur ein Bruchstück der grossen hygienischen Confession. Da wir nur gegenwärtig Eealisierbares erörtern wollten, wurden wesentliche Dinge nicht besprochen. Es erübrigt die Frage: wer soll die Durchführung der jüdischen Volkshygiene leiten? wie sollen die hiezu unbedingt notwendigen Geldmittel beschafft werden? Die Leitung aller derartigen Bestrebungen würde unbedingt einer Centraisteile, gewissermassen einem obersten Gesundheitsrathe der Juden zugefallen. In diesen wären vor allem Vertreter des ärztlichen Standes aller in Betracht kommenden Länder aufzunehmen, wissenschaftliche Capacitäten und Praktiker, daneben Financiers und Geschäftsleute, denen die Geldgebarung zugewiesen würde mit der Tendenz, sich die wertvolle Unterstützung der jüdischen Geldaristokratie zu verschaffen, weiters Rabbiner, endlich — last not least — Vertreter der sechsten Grossmaeht, Journalisten und Schriftsteller. Den Centraistellen müssten Sanitäts-Commissionen für die einzelnen Länder angegliedert werden und die ganze jüdische akademische Jugend, insbesondere die Hörer der me~ dicinischen Facultät müssten die ehrenvolle Aufgabe übernehmen, allerorten für die hygienische Volksbewegung unter den Juden zu agitieren. Schon der Agitation zuliebe wäre es vielleicht zweckmässig, einen hygienischen Volksbund zu inaugurieren, der von seinen Mitgliedern, i. e. der Gesammtheit der Juden, per Kopf einen auf derganzen Welt ungefähr gleich hohen Jahresbeitrag verlangen würde.! Allerdings müsste vorher über diese Frage der oberste Gesundheitsrath sich geäussert haben und wir wollen den Ereignissen nicht vorgreifen. Wur der Hoffnung wollen wir Ausdruck geben, dass die Zionisten unverzüglich in dieser oder anderer Form ihr ethisches Programm nach der Richtung einer volkshygienischen Bewegung erweitern. Ein Nothschrei aus der Colonie „Bene Jehuda". Aus der palästinensischen Colonie „Bene Jehuda", östlich vom Genezar eth-See, erhalten wir folgenden „Offenen Brief an alle Zionsfreunde" : (Uebersetzung aus dem Hebräischen.) Brüder, Volksgenossen! Seit mehr als drei Jahren mühe ich mich ab, die Colonie „Bene Jehuda" auf sichere materielle Grundlagen zu stellen. Mit Anspannung aller meiner Kräfte bestrebte ich mich, die Colonisten auf die beste Art, gemäss den localen Erfordernissen und dem gegenwärtigen Stande der Colonisation, bodenständig zu machen. Ich trug Sorge für die Bedürfnisse der genügsamen Colonisten, widmete ihnen meine ganze Kraft, verwandte auf diese Colonie mein ganzes Vermögen, nahm den Kampf auf mit allen Widerständen und Hindernissen und wurde nicht müde, alle Lasten zu tragen, die mir als dem Leiter der Colonie oblagen. Dies alles in der Hoffnung, dass die Colonisten von „Bene Jehuda8, diese einfachen Landleute, die zum Ackerbau und zum bäuerlichen Leben überaus befähigt sind, in kurzer Zeit ihr Ziel erreichen und mit Hilfe jüdischer Wohlthäter auf dem geliebten Väterboden eine schlichte Existenz finden werden. Zu meinem tiefen Schmerze ist jedoch die gegenwärtige Lage der Colonie „Bene Jehuda" eine furchtbare, und die Colonisten befinden sich in einer derartigen Bedrängnis, dass sie gezwungen sein werden, auszuwandern wenn die Besten unseres Volkes ihnen nicht schleunig Hilfe bringen. Die Colonie ist dem völligen Untergange preisgegeben, wenn die jüdischen Wohlthäter nicht herbeieilen, ihr eine Summe von 12.000 Francs zur Verfügung zu stellen.*) Sollte die nöthige Hilfe bis um die Mitte des Ellul (Ende August) nicht eintreffen, so würde die Colonie zusammenbrechen und eine jüdische Siedelung würde zugrunde gehen, die sich, dank dem Beistande der „Chovevi Zion" in London und des Odessaer Comites, auf dem besten Wege zur Selbständigkeil befand und deren Bewohner die Hoffnung hegten, dass sie von ihren Brüdern nicht auf halbem Wege würden im Stiche gelassen werden. Wie, gross ist mein Herzleid, wenn ich daran denke, dass dieser herrliche Baum, der schon Früchte zu tragen begonnen hat, so früh gefällt werden soll! Darum rufe ich allen Brüdern-Zionsfreunden laut zu: Brüder! Eilet der bedrohten S i e d e 1 u n g zu Hilfe, lasset sie nicht zusammenbrechen, sie könnte sich nicht mehr erheben! Denn wenn die Colonisten ihren Posten auch nur für einen Tag verlassen, so werden ihre Nachbarn, die Araber, über alle Besitztümer der Colonie herfallen und den ganzen Bestand zerstören. Zur Wiederaufrichtung der Colonie aber würden die grössten *) Diese Summe ist erforderlich: L Zur Tilgung der Schuld, die ich in Saffed für die Colonie aufgenommen habe, und die um die Mitte des Monats E11 ü 1 (Ende August) fällig wird. 2. Zur Aufführung einiger Bauten, ohne die 12 Familien sich auf ihreni Boden nicht erhalten können. 3. Zu verschiedenen gemeinnützigen Auslagen für das Jahr 5662 (1901/1902), wie Gehalt für. den Wächter, der in jeder palästinensischen Colonie unentbehrlich ist, Abgaben an die Regierung, kleine Anschaffungen für einzelne Colonisten etc.