Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
27 (5.7.1901)
Article
Die vierte Jahresversammlung der amerikanischen Zionisten
Date
1901-07-05
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315933-3398109--26917-3398178
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite X „Die # Welt" Nr. 27 «teil heute vormittags zu ihrer vierten Jahresversammlung zusammen. Mehr als 12ö Delegierte, welche 151 Vereine aus fast allen Staaten und Territorien der amerikanischen Union repräsentierten., hatten sich eingefunden. Den Vorsitz führte Professor Richard G o 11 h e i 1, der Präsident der „Federation of American Zionists". Die Verhandlungen wurden durch ein vom greisen New- Vorker Rabbiner Dr. Gustav Gott heil gesprochenes Gebet eingeleitet, das alle Anwesenden in eine weihevolle Stimmung versetzte. Hierauf hielt der Vorsitzende, Prof. Richard G o 11 h e i 1, die mit grossem Reifall aufgenommene Eröffnungsrede, in der er der grossen Fortschritte gedachte, die unsere Bewegung im verflossenen Jahre in den Vereinigten Staaten gemacht hat. Das grosse Verdienst, das die amerikanischen Zionisten für sich in Anspruch nehmen dürfen, sei die endlich zustande gekommene Organisation der bis vor kurzem noch in alle möglichen Fraetionen und Fraetiönchen gespaltenen amerikanischen Judenheit. Auf der nationalen Plattform können sich alle Juden zusammenlinden, so verschieden ihre Anschauungen auch sonst sein mögen. Die Differenzen, die etwa vorhanden sind, lassen sich sehr leicht überbrücken, wenn uns alle der rechte zionistische Geist beseelt. Wir Juden sollten endlich mit dem Individualismus brechen, der uns fast zur zweiten Natur geworden ist. Wir müssen vor allem Unterordnung lernen. Wir müssen unser eigenes Selbst vergessen und das nationale Interesse in den Vordergrund stellen. Das wird aus uns nicht nur bessere Juden, sondern auch bessere Menschen machen. Zum Schlüsse kam Prof. Gottheil ausführlich auf die Lage der palästinensischen Colonien zu sprechen und forderte die Zionisten des Landes in warmen Worten auf, allen ihren Eifer für die Gewinnung neuer Actionäre für die »rüdische Oolonialbank, der nach den jüngsten Vorfällen eine erhöhte Bedeutung zukomme, einzusetzen. Sodann erstattete der New-Yorker Rechtsanwalt Mr. Isidore D. M o r r i s o n , der Ehvensecretär der „Federation of American Zionists", seinen Rechenschaftsbericht. Der mustergiltig ausgearbeitete Bericht, dessen Verlesung von der Versammlung öfters durch stürmischen Applaus unterbrochen wurde, com statiert, dass das verflossene Jahr als das beste in der Geschichte der zionistischen Bewegung in Amerika bezeichnet werden kann. Nicht nur, dass sich die Zahl der activen Zionisten in Amerika im letzten Jahre um ein Bedeutendes vermehrt hat, auch die alten Zionisten haben ihrer grossen Sache durchweg Treue bewahrt, so dass von der „Federation" jetzt mit Recht gesagt werden dürfe, sie sei die legale Vertreterin der über 89 Städte in 27 verschiedenen Staaten und Territorien der amerikanischen Union zerstreuten lol zionistischen Organisationen. Wie schnell wir ^wachsen, geht am besten aus unseren Schekelbeiträgen hervor, die wir an das Actions-C •omite nach Wien senden. Im Jahre 1809 haben wir Schekelbeiträge für 1500 Mitglieder geleistet, im Jahre 1900 für 3800 Mitglieder, heuer aber bereits für 7000, welche Summe Linnen kurzem hoffentlich auf 10.000 abgerundet werden soll, sobald die Einzelvereine ihre Rückstände begleichen. Demnach sind wir heute fünfmal so gross, als wir noch vor zwei Jahren waren. Das gestattet mir, Ihnen vorauszusagen, dass wir binnen zwei Jajiren zum mindesten 20 000 Mitglieder auf unseren Listen haben werden. Der Berieht zählt darauf die 34 neuen Vereine auf, die im vergangenen Jahre gegründet worden sind, darunter ein Arbeiterverein, zwei Kinder- und vier Frauen- und Mädchenvereine, um sodann auch auf die Mängel in ihrer Organisation zu sprechen zu kommen, über die sich die amerikanischen Zionisten gewiss nicht hinwegtäuschen wollen. Es mangle vor allem, besonders in den westlichen und südlichen Staaten, an geeigneten Agitationsrednern. Dem soll aber in Bälde durch Gründung^ von zwei Subfederationen, eine mit dem Sitze in Chicago für die westlichen Staaten und eine für die paeifische Küste, nach Möglichkeit abgeholfen werden. Ein anderer Mangel, der sich sehr stark fühlbar mache, ist das Nichtvorhandensein eines speeifiseh zionistischen Organes in den Vereinigten Staaten. Öie „Federation" hat dem durch Versendung von wöchentlichen Bulletin» an 20 verschiedene Zeitungen zwar abzuhelfen versucht, aber über kurz oder lang werden die amerikanischen Zionisten an die Gründung eines eigenen Wochenblattes schreiten müssen. Das Executiv-Oomite der „ Federation" hat im verflossenen Jahre vier Sitzungen abgehalten, zwei in New-York, eine in B o s t o n und eine in Phil a d e 1 ]) h i a. Acht Cireularbriefe wurden an die in der „Federation" organisierten Vereine erlassen, die verschiedene Vorschläge darüber enthielten, wie die Agitation sich verbessern Hesse usw. Einer von diesen Vorschlägen war, dass die zionistischen Vereine des Landes am 9.Ab eines jeden Jahres Gedenkfeiern veranstalten mögen. Dieser Vorschlag wurde von den Vereinen im letzten Jahre auch allgemein befolgt. Ausser den Circularbriefen wurden an die Vereine auch diverse Agitationsschriften versandt, die auf Kosten der ..Federation" in unregelmässigen Zeiträumen herausgegeben worden sind. Der Bericht erwähnt ferner der von der „Federation" im Sommer des letzten Jahrs unternommenen Hilfsaction für unsere unglücklichen rumänischen Brüder, die ein sehr schönes Resultat ergeben hat, und schliesst wie folgt: „Es soll hervorgehoben werden, dass, während vor zwei Jahren noch die Majorität der jüdischen Presse des Landes uns feindselig gegenüberstand, man heute Mühe hat, hierzulande ein wirklich antizionistisches Organ zu finden. Dies ist auf die Thatsache zurückzuführen, dass unsere Glaubensgenossen nach und nach doch zu der Ueberzeugung gekommen sind, dass es, seit Israel aufgehört hat, ein Staatsvolk zu sein, keine Bewegung gegeben hat, die die jüdischen Massen so stark beeinflusste, wie die zionistische. Der Zionimus hat die jüdische Jugend aus der Apathie heraugerissen, in die sie allem Jüdischen gegenüber verfa^en war. Er hat sich in der Begründung von jüdischen Schulen, Lesezimmern und Unterrichtscursen für junge jüdische ■'Männer und Mädchen bethätigt, denen das Judenthum bis dahin ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch war. Und wir amerikanischen Juden, die wir das Glück haben, Bürger eines freien Landes mit gleichen Rechten zu sein, sind uns endlich dessen bewusst geworden, dass die in den Ländern der Verfolgung und Finsternis lebenden Juden unsere Blutsverwandten sind, mit uns durch eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Religion und eine gemeinsame Literatur verbunden. LTnd obgleich treue Bürger uneres geliebten Vaterlandes, strecken wir doch eine helfende Hand entgegen unseren unglücklichen Brüdern jenseits des Weltmeeres." Von den vielen eingelaufenen Begrüssungskundgebungeu gelangten darauf diejenige des Wiener Actionscomites, die von Dr. Th. II e r z 1 und Dr. O. K o k e s c h unterzeichnet ist, sowie die Max Nord aus zur Verlesung. In dem Briefe des Actionscomites heisst es u. a.: „. . . Einen grossen Schritt nach vorwärts hat unsere Bewegung kürzlich gemacht. Der Präsident des Actions-Comitcs hat während seines Aufenthaltes in Constantinopel die sicherste Ueberzeugung gewonnen, dass unsere Sache eine reelle. Unterlage hat, und dass wir lioffntmgs- und vertrauensvoll in die Zukunft blicken dürfen. . Das Losungswort ist nun: Alle Hände an die Arbeit! Die alten Fehler müssen wieder gutgemacht, alles, was bis nun unterlassen wurde, muss wieder in Angriff genommen werden, und die Agitation hat von neuem zu beginnen. Die Bank muss unterstützt und die Organissation vervollkommnet werden. Jeder Verein und jedes Glied eines solchen muss seine volle Pflicht thun, und unsere vereinigten Kräfte müssen sich um den Oongress mit erneutem Enthusiasmus .scharen. Dann wird wieder neues Leben in unsere Bewegung fluten, und sie wird vorbereitet und stark genug sein, um die grossen Aufgaben zu bewältigen, die ihr bevorstehen." Max Nor da u schreibt Li. a.: „. . . . Das amerikanische Judenthum, mit so ausgezeichneten Beispielen von politischer Weisheit und edlem Patriotismus vor Augen und mit so vortrefflichen Gelegenheiten zu voller Entwicklung, ist ganz besonders für die erzieherische Seite des Zionismus befähigt, für die vorbereitete itfltei^mÄ^ der jüdischen Nation auf der geheiligten'Scholle unserer Vorfahren vorangehen muss. Wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.