Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Article
- H. Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums
- Date
- 1901-06-28
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315932-3397964--26833-3398057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 „Die # Welt" Seitetl sein ganzes Werk, dass von allen Elementen, die darin enthalten sind, kein einziges rein zur Darstellung kommt. Der Küostler in Chamo erlain stört den Denker und umgekehrt. — C h a m b erlains Anschauung, wornach sich ihm die arische Welt, und namentlich die Welt der Inder, als einer unendlichen Entwicklung fähig darstellt, können wir als eine ästhetische wohl gelten lassen. Als solche kann sie fürs Leben, besonders für das national-germanische Leben, von ungeheurem Werte sein. Wie die Cultur Indiens in philosophischer Hinsicht von tiefgehender Wirkung auf europäische Denker sich erwiesen hat und wahrscheinlich bestimmt ist, in Zukunft einen noch viel grösseren Eirifluss zu üben, so könnte sie auch auf künstlerischem Gebiete ihre Wirkung sich geltend machen. Vielleicht feiert diese alte, so überreiche und tiefsinnige Mythenwelt in einem begnadeten Künstler — und warum nicht auch wiederum germanischen Stammes? — in ähnlicher Weise ihre Auferstehung, wie sie die nähergermanische in Richard Wagner gefeiert hat — vielleicht. Historisch unhaltbar wird aber die Anschauung Chamberlains, wenn er die arische Welt in Parallele und in Gegensatz bringt zur semitischen, und die eine als ein unendlich Schöpferisches hinstellt, die andere aber als ein Starres, Unbewegliches, ein geistiges Petrefact gleichsam. Das, denke ich, ist nicht das Verfahren des Historikers, bei Vergieichung zweier Völker alles Licht auf das eine, auf das andere allen Schatten fallen zu lassen. Wenn Chamberlain vom Judenthum Günstiges aussagt — es ist selten genug — dann thut er es nur so in Parenthese und so kurz, so wortkarg, als könnte er nicht schnell genug darüber hinwegeilen, z. B. die Art, wie er das Prophetenthum streift; oder er verclausuliert es in einer Weise, dass selbst das Günstige als ein Verkehrtes erscheint, so namentlich die Wortspielerei mit dem philosophischen Terminus .Wille" in seiner Anwendung auf den „Glauben" des Judenthums — wir werden dem bei nächster Gelegenheit noch näher treten; — aber über die Fehler unseres Volkes, oder was Chamberlain als solche ansieht, verbreitet er sich mit einer grimmigen Behaglichkeit: in der Dunkelmalerei des Judenthums kann er sich gar nicht genugthun. Ueber der Welt der Arier dagegen weitet sich ein ungetrübt wolkenloser Himmel; hier ist alles eitel Licht und Sonne. Ist dem aber in Wirklichkeit also? Sind die religiösen Anschauungen der Arier, zumal der Inder, in der That durchgehends und jederzeit so erhaben gewesen, wie es uns Chamberlain glauben machen möchte? Ich schlage das Werk von Professor Leopold v. Schroeder auf: „Indiens Literatur und Cultur in historischer Entwicklung*, ein Werk, auf das sich Chamberlain selbst, als von einer Autorität herrührend, stützt, und da lese ich vom sogenannten „Mittelalter4 der Inder*): „Eine schwüle, dumpfe Luft weht uns aus den priesterlichen Werken entgegen ... Das Opfer und seine in allen Einzelheiten richtige Vollziehung ist der Mittelpunki alles Denkens und Begehrens. Vor unseren Blicken baut sich hier ein ungeheuer compiicierter Apparat von Opfersprüchen und Verrichtungen, Vorschriften uiid Begehungen aller Art auf. Formel reiht sich hier an Formel; in unsäglich erdrückender Monotonie folgt eine Weisung zur richtigen Opfervollziehung auf die andere. Die Begründungen meist ziemlich platter und geistloser Natur, können den Leser leicht zur Verzweiflung bringen, bis er endlich resigniert sich mühsam weiter arbeitet und von dem Folgenden nicht mehr erwartet, als von dem Bisherigen. Und die Masse des Materials ist fast unabsehbar gross! . . . Vergegenwärtigt man sich, dass diese Bücher die,,, alleinigen]^li.terarischen -Prpduction^n i{einer..Ja h,rhundertelangen Epoche bildeten, so wird es klar, welcher Geist in dieser Epoche sich über das ganze Volk lagern musste." Das klingt freilich' anders, als jene ideale Schilderung, die C hamb'e rJ&^ wicklungsgang des Inders entwirft,: dem; asbst anderem „zugleich eine allumfassende Symbolik inJuroh die *an die Opferceremonien geknüpften Betrachtungen gelehrt wurde, welche unser heutiges Vorstellungsvermögen übersteigt Liest man diese Worte, so * könnte man ja den Eindruck gewinnen, diese Symbolik -wäre immer und überall von einer unerreichbaren Erhabenheit. Nun aber bemerkt Chamberlain selbst, die Symbolik sei in dem religiösen System der Inder „zu so wahnsinnigen Dimensionen angewachsen, dass man etwa 30 Jahre brauchte, um sich darin zurechtzufinden". Nur hätte er noch im weiteren Anschluss an Schroeder hinzufügen müssen, dass nicht nur die Dimensionen derselben wahnsinnig, sondern auch ihr Inhalt von eben der Art sei „öde und elende Variationen eines und desselben Gedankens, wie sie in den schriftlichen Aufzeichnungen von Personen im Stadium des Schwachsinns besonders charakteristisch sind41. *) Mit einem Beispiel, wie es uns der Gelehrte vorführt, will ich Dich lieber verschonen. Man kann von Cha mberlain nicht verlangen.dass er uns von all den Völkern, die er in seinen „Grundlagen" behandelt, einen erschöpfend geschichtlichen Auszug biete; wean man aber so consequent, wie er es übt, zwei Völker gegenüberstellt, so war es gewiss nicht recht von ihm, eine Periode fast ganz mit Stillschweigen zu übergehen, in welcher der indische Volksgeist so sehr im Unkraut wucherte — zumal diese Periode mehrere Jahrhunderte anhielt. Was nun aber seine Auffassung der Religion des Judenthums betrifft — bietet diese in Wirklichkeit den Anblick der Unbeweglichkeit und Starrheit dar, die C h a m b e rlain ihr andichtet? Gibt es nicht vielmehr auch in ihr Anfänge, eine allmähliche Entwicklung, ein Aufsteigen zu höchsten Höhen, ein Werden mit einem Worte? Die vermeintliche Inferiorität und Unfruchtbarkeit der Religion des Judenthums liegt nicht in ihrem Wesen, sondern entspringt der irrigen Anschauung Chamberlains vom Begriffe der Religion. Es ist ein Grundfehler der ganzen Beweisführung Chamberlains, dass er nicht zu unterscheiden veimag zwischen dem objectiven Thatbestand der Religion, ihrer geschichtlichen Wirkung und der subjectiven Begriffsbestimmung. Dies tritt besonders auffällig hervor, wo Chamberlain über den jüdischen Monotheismus sich äussert* Ist aber derselbe in Wirklichkeit aufzufassen als einfaches Resultat eines Rechenexempels, als „abgekürztes Verfahren", wie es Chamberlain einmal bezeichnet? so dass dieser Monotheismus im ersten besten, oder sagen wir, findigsten Kopfe entspringen konnte? „Die Arithmetik hat mit Religion nichts zu schaffen" — mit diesen geistreichen W^orten soll wohl der Ruhm des Judenthums, die Begründung des Monotheismus, zunichte gemacht werden? Ja, wenn der Grund dieses Monotheismus blosse Arithmetik wäre. Im Kopfe so manchen modernen Denkers, da mag der monotheistische Begriff, durch speculativen Missbrauch abgenützt, nichts anderes bedeuten, als eine armselige, ja leere Abstraction, aber in der geschichtlichen Wirklichkeit bedeutet er einen lebendigen Glauben an einen lebendigen Gott. Die erste Bedingung des Historikers müsste es sein, die Fülle des Inhalts, welcher in concreter Weise ursprünglich einer Vorstellung zugrunde gelegen, ganz nachempfinden zu können. Diese Fähigkeit aber geht Chamberlain ab. In der Frage, um die es sich, hier .h^dglt, ifli es nicht so *) S, 92. *) Leopold v, Schroeder a, a. 0. (S. 113).