Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Article
- Bericht der Delegation
- Date
- 1901-06-28
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 26 „Die Welt" Seite 3 deutend ermässigt, was selbst von den Vertretern aus Palästina bestätigt wurde. Feiner erfuhren wir schon unterwegs, dass für die Installierung eines Theiles der Cölonisten circa 60.000 Dunanis Land angekauft seien, welche für Errichtung von Colonien gebraucht werden tollen, sobald die mit dem Kaufe verbundenen Formalitäten beendet sein werden. Wir müssen schliesslich mit einem Gefühle tiefer Trauer noch einen Umstand erwähnen., das ist — das Misstrauen zu den Cölonisten und Arbeiter, welchem wir in einem solchen Grade begegneten, dass wir darüber ausserordentlich betrübt wTaren. Wir sehen auf dieses Misstrauen, wie auf eine der Folgen, vielleicht die traurigste, des früheren Regimes mit seinem System der Lüge und unausgesetzten Missbräuche. Wir sind von der Grundlosigkeit dieser Ansicht tief überzeugt, mussten aber hier auch mit diesem Umstände rechnen. Indem wir nun Obengesagtes resümieren, können wir die Verhältnisse, die wir hier vorfanden, wie fogt, charakterisieren: Machtverkörperung in einer Person, Vorurtheile gegen die Cölonisten und Ueberzeugung von der Notwendigkeit des administrativen Regimes, bedeutende Milderung des letzteren in den Colonien und Ankauf einer grossen Strecke Landes. Solch ein Zusammenfallen der Umstände zeigte von vornherein, was wir erwarten konnten. Doch eingedenk dessen, was uns aufgetragen wurde, legten wir in vollem Umfange in einem von uns ausgearbeiteten und überreichten Memorandum die Forderungen dar, die von der Odessaer Versammlung aufgestellt worden waren und welche, wenn sie auch nicht ganz zu den veränderten Verhältnissen passten, dennoch vollständig, nach unserer tiefsten Ueberzeugung, ihre Berechtigung beibehielten. Diese Forderungen .lauten wie folgt : „I. Als Grundübel, an dem die Colonien die ganze Zeit litten, erscheint das Regime der administrativen Vormundschaft. Ueber der neuen Administration gemildert, bleibt es, seinem Wesen nach, beim Alten und, unserem tiefen Ueberzeugung nach, droht es alle Anstrengungen und Opfer, die der Umschaffung der Colonien jetzt gebracht werden, unfruchtbar zu machen. Wir sind daher der Meinung, dass es im Interesse der Sache nothwendig ist, sich vom System der administrativen Curatel loszusagen und es den Colonien anheimstellen, ihren modus vivendi auf der Basis der vollen Selbständigkeit einzurichten. IL Keine detaillierten Pläne für die Organisation der Colonien und die Installierung der Arbeiter enthalten in sich Garantien ihrer Zweckmässigkeit und praktischen Ausführung, wenn sie von einzelnen Personen ohne active Theilnahme der dabei Interessierten geschaffen werden. Wir glauben deshalb, dass zur Ergründung, Lösung und Verwirklichung der Fragen, die mit der endgültigen Installierung der Colonien verbunden sind, in Palästina eine Commission ernannt werden müsse; die aus den Vertretern der mit der Colonisation Palästinas sich belassenden Institute und den Delegierten der Cölonisten und Arbeiter zu bestehen hat. Zu den Functionen dieser Commission gehört unter anderem die Ausarbeitung (an Ort und Stelle), ein Modus, wodurch der regelrechte Gebrauch der assignierten Summen und ihrer an bestimmten Terminen aceuraten Auszahlung garantiert würde. III. Mit Rücksicht darauf, dass die Zusammensetzung der Commission genügend ihre (Kompetenz garantiert, dass die Lage unserer. Sache die: Sicherheit einer möglichst schnellen Ausführung ihrer Beschlüsse; erfordert, sind wir der Meinung, dass ihrer Ernennung folgende zwei Bedingungen vorausgehen müssen: a) Die Cölonisten und Arbeiter verpflichten sich im voraus, sich allen Beschlüssen zu unterwerfen, die von der Commission getroffen werden; . b) Die die Commission bildenden Körperschaften müssen im voraus die Möglichkeit der Verwirklichung ihrer Bestimmungen garantieren. In Anbetracht dessen, dass die Arbeiten der von uns geplanten Commission compliciert und von grosser Dauer sind, ist es nothwendig, bevor die Resultate der (Kommission nicht aufgeklärt, dafür zu sorgen, dass die Existenz der Cölonisten und Arbeiter nicht untergraben werde." In einer ganzen Reihe von Zusammenkünften und Gesprächen, die wir mit BaronRothschild und den Vertretern der „Ica" hatten, waren wir bemüht, alle obenerwähnten Punkte zu begründen, sowie auch die im Memorandum ausführlich entwickelte These, dass als einziges Mittel einer radicaien und gerechten Lösung der Arbeiterfrage die Installierung der Arbeiter auf dem Boden Palästinas erscheint. Vielleicht veröffentlichen wir demnächst den genauen Gang unserer Unterhandlungen und Berathungen. Jetzt aber beschränken wir uns auf eine kurze Mittheilung der Resultate nach den einzelnen Punkten. I. Gerade und ollen sagen wir, dass das Zugeständnis einer vollen Selbständigkeit der Colonien von uns jetzt nicht erreicht wurde. Unsere Ueberzeugung, dass man nicht colonisieren kann, ohne die Cölonisten z\i frageli, stiess auf eine ebenso; feste Meinnng? das^dib Umsetaiftmg def Colonien undenkbar sei,1 wenn man die Cölonisten fragen sollte. Ferner: einzelne Mitglieder der Palästinens. Commission hielten es, als sie privatim mit uns die Frage discutierten, nicht eimal für möglich, für diesen Punkt eine olTicielle Sitzung anzuberaumen. Doch obwohl sie mit uns prinzipiell in dieser Frage in Beziehung auf die Gegenwart auseinandergingen, gaben die hiesigen Leiter die volle Vernunftmässigkeit unserer Forderungen für die Zukunft zu, welche ihrer Meinung nach in dem Moment eintreten wird, wenn die Colonien bis zur Möglichkeit einer selbstständigen Existenz und der Bezahlung ihrer Schulden gebracht werden. Ihr Ziel, erklärten sie, ist, darnach zu streben, und dann werden die Colonien ganz ihrem Schicksal anheimgestellt wrerden, wie es sich auch in der Folge gestalten sollte. Bis dahin jedoch muss das administrative Regime fortexistieren; es wird nur auf das Allernothwendigste beschränkt werden; man wird jedes unnöthige Dazwischenthun vermeiden. Die innere Selbstverwaltung der Colonien und sogar ihre Organisation in einen Bund, der zwar noch nicht sanctioniert ist, erscheinen als Factoren, deren Nutzen und Bedeutung auch hier anerkannt werden, obgleich die Bundesbestimmungen keinen obligatorischen Charakter haben. II. Weit günstigere Nachrichten können wir über das Schicksal der Colonien mittheilen, die unter dem Schutze des Barons stehen. Uns wurde von allen an der Sache Betheiligten versprochen, dass die Cölonisten dieser Colonien alle werden installiert werden, und zwar so, wie sie alle es jetzt als das Rationellste anerkennen, d. h. als Landarbeiter auf Ackererde. Es sind schon bedeutende Länderstrec,ken angekauft; Land wird noch Jiinzugekauft werden, und unsere Cölonisten werden in unserem Laude bleiben. Das Erreichen der Selbständigkeit von Seiten dieser Colonien — erklärt uns der Präsident der „Ica", N. Levin — ist jetzt Ehrensache der „Ica". III. Was die Abnahme der Trauben betrifft, ist uns erklärt und bestätigt worden, dass von den Colonien Rothschilds alle Weintrauben abgenommen werden, von den anderen — in den Grenzen der Möglichkeit. Leider werden die Preise wahrscheinlich noch gedrückt werden, da es nicht möglich sei, mit den auf dem Markte jetzt herrschenden ungünstigen Verhältnissen gar nicht zu rechnen. IV. Weit weniger tröstliche Nachrichten müssen wir über die Lage der Arbeiter mittheilen. Leider müssen wir constatieren, uass man hier eine moralische Pflicht in Beziehung auf die Arbeiter nicht anerkennt und man nicht den Wunsch hat, dieselben, als nöthiges Element, mit allen Kräften im Lande in grösserer Anzahl zurückzuhalten, als es die laufenden ökonomischen Verhältnisse erlauben. Nichtsdestoweniger erklärte uns, schon am Schluss unserer Unterhandlungen, Baron Rothschild seine Absicht, die grosse Fläche von Choran (ca. 65 000 Dunams) für Errichtung von Colonien den Arbeitern zur Verfügung zu stellen, sobald die für die Ansiedlung nothwendigen Formalitäten beendigt s<-in werden, doch ohne Mittel für deren Errichtung. Die Durchführung dieser Formalitäten ist eine Sache, die längere Zeit beansprucht. Ausserdem müssen wir mit einem Gefühl von Sehmerz hinzusetzen, dass die .„Ica" weder die Pflicht noch den Wunsch spürt, die zur Errichtung nöthigen Mittel zu geben. Als einzige positive Erklärung ihrerseits erscheint das .Versprechen, Wege zu suchen, um den Arbeitern productive Arbeit zu geben, z. B. bei der Ferme, dem Tabaksbau, der Seidenspinnerei in Itosch-Pinah, oder auch durch Errichtung irgend einer Industrie. In Bezug auf die Arbeiter wollen sie keine Verpflichtungen übernehmen. Was jedoch die Industrie betrifft, so werden sie von selbst etwas nur im äussersten Fall unternehmen; ihr Wunsch ist es, dass die Initiative und der Anfang des Unternehmens ohne sie ergriffen werde. Auf diese Weise erscheinen alle diese Daten vielleicht als Lösung der Frage nur für einen Theil der Arbeiter, denjenigen nämlich, welcher sich mit Geduld waffnen und mit Lebensfähigkeit auch unter den schwersten Verhältnissen begabt sein wird. Das war also die Lage der Dinge, wie sie der Delegation nach allen Zusammenkünften und Unterredungen offenbar wurden. Indem wir nun das Resultat resümieren, stellen wir vor allem Vergleiche mit den uns von der Generalversammlung gegebenen Hauptaufgaben an. Dieselben sind in folgenden Punkten a\iseinandergesetzt : P. „a": Die Delegation muss danach streben, dass allen Cölonisten und Arbeitern die Möglichkeit gegeben werde, in Palästina zu bleiben. P. „du : Die Delegation muss danach streben, dass bei der Installierung der Cölonisten und Arbeiter vom System der Vormundschaft abgelassen und dass ihnen die Möglichkeit gegeben werde, selbst ihre Existenz zu gestalten. Weder die eine noch die andere Aiigabe kann man jetzt a3s gelöst betrachten. Vor der Delegation stand die Frage auf: Was kann und was muss sie noch unternehmen? Betreifs der ersten Aufgabe konnten wir gestehen, dass die Sache, bezüglich der Colonien wenigstens, sieh auf dem Wege zur Lösung, befindet. Wir mussten ferner, zugebet, jkfcsjs bei den jetzigen- Verhältnissen und bei der Richtung, welche von Anfang an in