Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Article
- Zionismus zuhause
- Date
- 1901-06-28
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr,v$6 Mal^rie gliedert und dochveine Einheitlichkeit herbeiführen kann, die herbeizuführen dem Redner versagt bleiben muss. Auch dass sie nachdrücklicher wirkt als der Redner, wurde bereits ausgeführt und endlich bewiesen, dass die Zionisten nur ihre erste Pflicht erfüllen, wenn sie die Presse stützen. Aber es gibt noch eine andere Art der Propaganda, eine stille, intime Propaganda, die, der Lebhaftigkeit der Versammlungen und dem Parteigezänke entrückt, dennoch mit grosser Macht wirken könnte. Das ist die zionistische Werbearbeit im jüdischen Hause, in der jüdischen Familie, die man bisher — sehr mit Unrecht — vernachlässigt hat. Gibt es Mittel, die es ermöglichen, wahrhaft-jüdischen Geist in die Stuben der Judenhäuser zu tragen, davon abgesehen, dass man in Versammlungen den pater familias über seine Pflichten belehrt? Mittel genug: Da ist vor allem unsere Presse und Literatur. Wir müssen uns bemühen, dass unsere Presse Eingang in die Familien findet, derart, dass in jedem Hause ein zionistisches Familienblatt zu finden ist. Und es muss dafür gesorgt werden, dass es den Weg auch zu anderen findet, die es noch nicht kennen, oder zu wenig Mittel haben, um es selbst zu beziehen. Die jüdische, insbesondere die zionistische Literatur, ist bisher geradezu stiefmütterlich behandelt worden. .Es gibt eine ganze Reihe von schönen Büchern, die ihrem Charakter nach unserer Bewegung dienen. Von zionistischen Schriftstellern selbst ist schon eine ganz stattliche Zahl herausgekommen, die inan mit guten jüdischen Büchern aus alter und neuerer Zeit zu einer kleinen, doch wertvollen Familienbibliothek vereinen sollte. Solch' eine kleine Bibliothek, die sich nicht allzuschwer einrichten lässt, wäre ein wahrer Hausschatz. Sie würde insbesondere auf die Frauen wirken, die die Oeffentlichkeit scheuen und darum zu ihrem und unserem Schaden so wenig vom Zionismus wissen. Ein drittes kommt dazu: die jüdische Kunst. An die Wundermacht der Kunst, an ihre gewaltige ästhetische und sittlich-erzieherische Kraft haben wir bisher vergessen. „Kunst fürs Volk" ist ein Schlagwort geworden — bei anderen Völkern. Bei uns vielleicht nicht, weil so viele glauben, dass wir so ganz arm daran sind. LTnd doch gibt es manch' wundervolles Bild, das Kindern und Mädchen und Frauen mehr erzählen könnte von dem Leiden und der Sehnsucht unseres Volkes, als die längsten Abhandlungen. Freilieh ist es unsere Pflicht, dem Bedürfnis nach Kunst und Schönheit im Hause entgegenzukommen. Wir müssen es uns angelegen sein lassen, wenn die Kunst ins Volk dringen soll, nach vielfach vorliegenden Mustern gute Reproductionen wohlfeil zur Verfügung zu stellen. Mehrfaches wird dadurch erreicht: Nicht nur, dass wir zunächst den Geschmack läutern, der im Ghetto viel gelitten hat, dass aus der Befriedigung des Schönheitsgefühles heraus allmählich Sympathie und Liebe für die Gegenstände der Darstellung, für das Judenthum, erwacht, dienen wir damit auch unseren Künstlern, an denen wir die Ehrenpflichten der Nation zu erfüllen haben. Wie der Schmuck in der jüdischen Stube der Kunst oder den Motiven des Judenthums entstammen soll, so sollte auch, wenn es irgend geht, das Buch, das man einem Juden i n die Hand drückt, nicht nur seinem Inhalte, sondern auch seinem Aeussern nach gut und schön sein. Solche Bücher, die dem Besitzer theuer sind, die er gerne liest und zeigt, würden die intimste, feinste und nachdrücklichste Propaganda für unsere nationale Sache leisten. Wir haben ja jetzt schon Meister dafür. Wenn Lilien, der Schöpfer des „Juda", uns für das nächste Jahr eine reichgeschmückte Hagadä verspricht, die fürs Volk bestimmt ist und endlich die alten Bücher mit ihrem schlechten Drucke und den unglaublichen Hölzschnitten verdrängen soll, welch' ein Pessaehgeschenk j Däs Bedürfnis des Volkes, die Beteitwilligkeit der Künstler, wird aber auch die schöpferischen schriftstellerischen und dichterischen E^lte^blöseiL' So Verden uns Waffenschmiede geboren nfllt' il§lfe Waffen erzeugt werden. Noch manches andere könn^^&ian ins f üdisehe Haus tragen. So z. B. jüdische MuBik.. S4isch# Lieder, in denen das Lachen und Weinen uisere^VolkeS k%Lgt, wandern durch die Länder, köstliche Sch^ze, die vc*unseren Musikern noch nicht gehoben sind! Manches abei; . ist schon da, das nur darauf wartet, weitergegeben zu werden. Wer einmal die Wirkung beobachtet-hat, dje unsere schonen Lieder ausüben können, wie dabei an dag TJrsprünglichst- Jüdische in uns gerührt wird, der wijrd Wünschen, sie oft und oft zu hören und auch andere wird er sie gerne hören lassen wrollen. Es wird jüdische. Weihe in die Stube getragen werden, in: der sie erklingen. Das wäre ein kleiner Theil der Arbeit, die „zuhause" zu leisten ist. Wer ihren Wert versteht, wird sich bemühen, sie bald zu beginnen; * Bericht der Delegation,*) die von der Gener äl-Versammlrfhg der „Gesellschaft zur Unterstützung der jüdisehen Landarbeiter und Handwerker in Syrien und Palästina"^ zu Baron E. v\ Rothschild und der ^Jewish Colonisation Association" geschickt wurde. 'Bf Uder unJ Genossen! Paräs verlassend, niilt es die von der Odessaer Generalversammlung am 13./26. Febtuar 1Ü01 gewählte Delegation **) für ihije Pflicht, kurze Mittheilungen über die von ihr unternommenen Schritte und über die Lage, in der sich jetzt unsere Sache befindet, zu machen. Wir wissen, mit welcher Ungeduld alle Freunde unserer Sache diese Mittheilungen erwarten, und sie haben ittieh das Recht, solche möglichst schnell und aus bester Quelle zu erhalten. Indem wir an unsere Bekanntmachung herantreten, müssen wir vor allem feststellen, dass die Lage unserer Sache, wie wir sie hier vorgefunden, nicht ganz den Vorstellungen entsprach, die wir im Februar in Odessa hatten. Sie würde vielleicht schon damals unsere Beschlüsse anders gestaltet oder die Zeit für deren Verwirklichung abgeändert haben. Auf jeden Fall waren wir genöthigt, hier damit zu rechnen. Die Quelle der Macht und Leiter der Schicksale der palästinensischen Sache ist jetzt wieder derselbe, der es in früherer Zeit war — Baron E. v. Rothschild. Alle Licht- und Schattenseiten einer Individualität, auch der grossmüthigsten, bleiben dieselben wie früher. Diese Macht hat sich jetzt nur mehr selbst geregelt, dank der neuen Form, in die sie sich gehüllt hat. Das neu ins Leben gerufene Organ, die Palästinensische Commission der Jüd. Colon.-Gesellsehaft, weist alle Mängel des Bureaukratenthums und leidet an der Entfernung von Palästina, bietet aber nichtsdestoweniger, dank der Collectivität und einigen zu ihm gehöiigen Kräften, mehr Garantien für einen systematischen und zweckentsprechenden Garig der Dinge, als es früher der Fall war. Leider muss man nur sagen, dass die „fea", obwohl sie einen Theil ihrer Kräfte, Zeit und Mühe unserer Sache widmet, dennoch keine Geldmittel geben will, noch weniger sich ihrer mit dem Herzen annimmt. Wir konnten ferner constatieren, dass sowTohl die früheren als auch die neuen hiesigen Kräfte mit uns das Gefühl der Unzufriedenheit mit dem Vergangenen, das uns riach Paris geführt hat, theilen. Doch gehen ihre Erklärung der Ursachen und die unsere weit auseinander. Die hiesigen Leiter erkennen zwar eine ganze Reihe von anormalen Erscheinungen in der Vergangenheit, bewahren jedoch ihren Glauben an die magische Kraft des administrativen Regimes. Indem sie aber das administrative Eingreifen für nothwendig erachten, fanden sie dennoch, dass die Colonien früher „des Guten zu viel" hatten. Infolge dessen wurde die letzte Zeit das Regime quantitativ und theilweise auch qualitativ be- *)Wir brachten seinerzeit einen Auszug aus diesem Berichte. Wegen seiner Wichtigkeit bringen wir heute das Referat in seiner Gänze in der von Herrn Dr. T s c h 1 e n o w selbst vorgenommenen UeberSetzung aus dem Russischen. **)Di'e Delegation bestand aus folgenden Mitgliedern: Barbasch S.-Odessa. Bernstein-Kohan-Kischinew, Charlap E.-Jaffa, Ginzbeig Tj.-Odessa, Giuskin W.-Warschau, Grünberg A.-Odessa, Karniol M.-Sichron Jacob, Kogan JU-Kischinev, Komarow E.- Vadi Chanin, Meerowitz M.-Risehon Lezion, Raab J.-Pet. Tikwah, Schoub D.-Rqsch Pinah? Smeljansky M.-£e^Ojtipi.h, ( Tsehlene/w, Moskau undÜssistfhkin M.-Ekaterinoslaw.